Zellen aus "biologischem Gold"

6. April 2003, 14:11
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Österreichische Wissenschafter fordern Freigabe von embryonalen Stammzellen für die Forschung und präsentieren Weltneuheiten

Wien - So deutlich wie selten zuvor forderten Freitag namhafte österreichische Wissenschafter die Regierung auf, die heimische Gesetzeslage in Sachen embryonaler Stammzellforschung zu überdenken. "Österreich und Irland sind die beiden letzten Länder in der EU, in die man embryonale Stammzellen weder importieren noch diese dort herstellen darf", erklärte etwa der Wiener Gynäkologe und Vorsitzende der Bioethikkommission Johannes Huber anlässlich eines Stammzellen-Symposiums im Wiener Rathaus.

Die österreichischen Experten wünschen sich einerseits Zurückhaltung, was die Vermarktung der Technologie angeht, andererseits aber auch die Möglichkeit, die Wissenschaft voranzutreiben.

Für Wiens SP-Gesundheitsstadträtin und Hämatologin Elisabeth Pittermann ist es "nicht einzusehen, dass man Organe von Toten transplantieren darf, hingegen Embryonen in einem achtzelligen Stadium nicht zumindest für die Forschung verwenden kann, wenn diese nach einer In-vitro-Fertilisation und vorübergehender Aufbewahrung vernichtet werden müssen".

Beachtlicher Erfolg

Das geltende Verbot hat aber auch - weil es heimische Forscher unter Zugzwang setzt, den internationalen Anschluss nicht gänzlich zu verlieren - zu einem beachtlichen wissenschaftlichen Erfolg geführt: Forscher der Wiener Uniklinik für Frauenheilkunde und des Boltzmann-Instituts für Nabelschnurstammzellforschung isolierten weltweit erstmals Stammzellen aus embryonalem Plazentagewebe und entwickelten diese zu Muskel- und Nervenzellen.

Die Zellen aus dem Mutterkuchen sind zwar embryonalen Ursprungs, stammen allerdings nicht vom Embryo selbst, sondern quasi von seinem Alter Ego - den Trophoblasten. Das sind Zellen, die aus der befruchteten Eizelle gebildet werden, jedoch nicht der Entwicklung des Embryos, sondern der Bildung der Plazenta dienen. Dies ermöglicht ohne ethische Konflikte die Erforschung des Potenzials von embryonalem Gewebe. Die Wiener verwandelten aber auch Stammzellen aus Nabelschnurblut in unterschiedliches Gewebe. Für Huber sind Plazenta und Nabelschnur daher "biologisches Gold".

Skeptisch zeigten sich die Experten jedoch gegenüber den in den vergangenen Jahren entstandenen privaten Nabelschnurblut-Banken, wo Stammzellen für Kinder aufbewahrt werden sollen. Dies sei mehr eine ökonomische Angelegenheit als eine Anwendung mit realistischem Nutzen. Nur eines von 20.000 Neugeborenen kommt im Kindesalter in die Situation, eventuell "seine" Stammzellen zu benötigen. Und Goldstandard für Stammzellen sei Knochenmarktransplantation. Laut Innsbrucker Hämatologen Günther Gastl gab es im Vorjahr in Europa 23.154 Transplantationen mit Zellen aus Blut, Nabelschnurblut und Knochenmark. (fei/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6. 4. 2003)

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