Aktionstag an den Gymnasien

9. April 2003, 14:41
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AHS-Lehrer protestieren gegen Reduzierung der Unterrichtsstunden - Bundesweite Lehrerversammlungen und Demonstrationen

Wien - Mit deutlicher Kritik an Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) hat am Mittwoch in Wien der bundesweite Aktionstag der AHS-Lehrer gegen die Reduktion der Schulstunden begonnen. Bei einer Dienststellenversammlung am Landstraßer Gymnasium in der Kundmanngasse, der Schule von AHS-Gewerkschaftschef Helmut Jantschitsch (FCG), sprachen sich Direktor, Lehrer, Schüler- und Elternvertreter gegen die geplante Streichung von Unterrichtseinheiten aus. "Befremden" wurde auch über die Vorgangsweise Gehrers geäußert: "Was uns besonders schmerzt, ist der Ton des Umgangs mit uns", so Direktor Wolf Peschl - dieses "von oben nach unten" erinnere an den ehemaligen Ostblock.

"Ungewöhnlicher Schultag"

An dem laut Peschl "ungewöhnlichen Schultag" am Mittwoch waren neben den Lehrern zahlreiche Schüler, Eltern und Absolventen anwesend. Als problematisch sah der Direktor unter anderem "jede Reduktion in einer Fremdsprache" an - auch die Argumentation Gehrers, wonach mit der Verstärkung des bilingualen Unterrichts vieles "abgefangen" werden könne, wollte er nicht nachvollziehen: "Das geht vielleicht in der ersten und zweiten Volksschulklasse auf der Ebene von 'Where is my hat?'." Wenn es um komplexere Fachsprachen in den einzelnen Gegenständen in der Oberstufe gehe, sei man darauf aber nicht vorbereitet. Bei dem gesamten Maßnahmenkatalog Gehrers vermisste er den Plan dahinter: "Das ist eine Streichung in einer Partitur, die nicht vorhanden ist."

"Wenn Gehrer Mut hätte, ..."

In die selbe Kerbe schlug Jantschitsch: Es befremde ihn, dass Gehrer nicht müde werde, die Einrichtung der Schulpartnerschaft zwischen Eltern, Schülern und Lehrern hochzuhalten. Jetzt gehe sie aber von oben herab vor, ohne auf die Meinung deren Vertreter einzugehen. Die Ministerin habe "Vorstellungen von Befehlshierarchien, die spielt's heutzutage nicht mehr". Wenn Gehrer Mut hätte, dann würde sie bei einer Dienststellenversammlung in einer Schule sein und ihre Meinung vertreten - "das muss ja nicht gleich bei mir sein". Stattdessen rede sie lieber mit "abgehobenen Schülervertretern, die schon auf dem halben Weg zur politischen Karriere im Nationalrat sind".

Kritik an den Protesten der AHS-Lehrer wies Jantschitsch zurück: "Wünschen wir uns eine Schule, wo's nur ruhig ist und in der die Lehrer sagen 'Is' eh net so schlimm, hätt' schlimmer kommen können?' oder 'Mir is' eh wurscht, ich will meine Ruhe haben und irgendwann mit 72 in Pension gehen?'."

Bauernhof mit schlechten Ernteerträgen

Den Elternvereinsobmann der Schule, Roland Spieß, erinnerte die derzeitige Bildungspolitik an einen Bauernhof mit schlechten Ernteerträgen, an dem sich der Vater entschließe, auf die Malediven zu fahren und als Ausgleich die Kinder von der Landwirtschaftsschule zu nehmen. Und: "Wenn die Kundmanngasse revoltiert, dann stimmt's im Land nicht, und nicht in der Kundmanngasse." Salzburg

Im Bundesland Salzburg hielten praktisch an allen AHS die Lehrer Dienststellenversammlungen ab - allerdings zu sehr unterschiedlichen Zeiten. Zum Teil hätten die Versammlungen schon um 8.00 Uhr begonnen, zum Teil um 10.00 oder 11.00 Uhr, so der Sprecher des Salzburger Landesschulrates, Norbert Blaichinger. Auch die Dauer der Veranstaltungen sei von Schule zu Schule anders.

Am BG und BRG Hallein etwa dauerte die Dienststellenversammlung die ersten sechs Unterrichtsstunden, wobei ab 10.30 Uhr interessierte Schüler und Eltern zur Teilnahme eingeladen wurden. Kurz vor Mittag gab es dann in Salzburg eine Mini-Demonstration: Ein Grüppchen von rund 30 Schülern marschierte mit mehreren Transparenten durch das Neutor in die Altstadt. Mit lauten Pfiffen machten die Jugendlichen auf sich aufmerksam. Von anderen Kundgebungen war bis Mittag in Salzburg nichts bekannt.

Tirol

Mit einer Demonstration vor dem Sitz des Landesschulrates protestierten die Tiroler AHS-Lehrer in Innsbruck gegen die geplanten Stundenkürzungen. Delegationen von einzelnen Schulen überreichten dem Landesschulratspräsidenten Sebastian Mitterer in Dienststellenversammlungen ausgearbeitete Resolutionen. Die Demonstration sei für 50 bis 100 Teilnehmer angekündigt worden, hieß es bei der Polizei. Mitterer wolle kleinere Gruppen empfangen und für Gespräche zur Verfügung stehen, kündigte er gegenüber der APA an. An den 24 Tiroler AHS gebe es insgesamt 13.367 Schüler. An allen diesen Schulen habe es am Vormittag Dienststellenversammlungen gegeben. Vor einigen Gymnasien wurden von den Lehrern außerdem Flugzettel verteilt. An der Handelsakademie in Innsbruck setzten sich auch die Schüler gegen die geplanten Kürzungen ein. Die dort erarbeitete Resolution wurde in Zusammenarbeit mit dem Schulgemeinschaftsausschuss (Vertreter der Schüler, Lehrer und Eltern; Anm.) erarbeitet.

Oberösterreich

In Oberösterreich verliefen die Dienststellenversammlungen, an denen auch Eltern und Schüler teilnehmen konnten, ruhig und sachlich, es wurde über die nach Ansicht der Lehrer gravierenden Folgen der geplanten Stundenkürzung informiert. An einer Reihe von AHS befürchtet man, dass infolge der Stundenreduzierung spezielle Zweige - etwa im Bereich Kultur, Sport oder Informatik - nicht mehr angeboten werden können. Auch verschiedene Projekt seien vom Aus bedroht, warnen die Lehrer. Auf dem Taubenmarkt im Zentrum von Linz verteilten rund 250 Lehrer, Eltern und auch Schüler Flugblätter, in denen sie vor den Gefahren der Stundenkürzung warnten. Und die Professoren für Physik an der Uni Linz solidarisierten sich ebenfalls mit den Gegnern der Stundenkürzung. In einer Aussendung erklärten die Uni-Professoren: "Für den Erhalt von Österreich als Wirtschaftsstandort ist die Verfügbarkeit von gut ausgebildeten technischen Fachkräften auf allen Ausbildungsstufen unabdingbar. Wir betrachten Physik auch als integrierenden Bestandteil der so genannten Allgemeinbildung".

Niederösterreich

Dem NÖ Landesschulrat lagen bis zum späten Mittwochvormittag "noch keine Rückmeldungen" zu den Dienststellenversammlungen im Land vor, wurde der APA mitgeteilt. Eine Anfrage am BG/BRG St. Pölten in der Josefstraße ergab, dass ab 10.30 Uhr drei Unterrichtseinheiten (bis 13.00 Uhr) ausgefallen waren. In dieser Zeit fand die Dienststellenversammlung statt, u.a. mit Informationen für den Lehrkörper und Arbeitsgruppen, sagte Direktor Rupert Zeitlhofer. Die meisten Schüler seien nach Hause gegangen. "Einige wenige" würden beaufsichtigt. Es handle sich um jene, die am Nachmittag Unterricht hatten, der planmäßig stattfand, so Zeitlhofer. (APA)

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    Protest im Landstraßer Gymnasium in Wien

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    Der Vorsitzende des Dienststellenausschusses Herbert Groß zeigt auf die zu kürzenden Stunden des Landstraßer Gymnasiums im Rahmen der Dienststellenversammlung

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    Eine gemeinsame Demonstration von Lehrern und Schülern vor dem Bildunksministerium am Wiener Minoritenplatz

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