Allegorie der Schönheit

4. April 2003, 19:58
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Philharmonischer Besuch aus Frankreich

Wien - Igor Strawinskys Le sacre du printemps: atemberaubend. Einem Chefmaschinisten des Grauens gleich verführt Dirigent Myung-Whun Chung das Orchestre Philharmonique de Radio France bei dem Jeunesse-Gastspiel im Wiener Konzerthaus vermittels breakdanceartiger Bewegungen dazu, urgewaltige Klangmonster zu gebären ohne Ende und ohne Gnade: Man bekommt richtig Angst.

Die Franzosen, überhaupt: enorm wohltuend, weil frappierend heterogen in Alter und Aussehen. Wie wenn man einfach alle Passagiere einer U1-Garnitur in Frack und Abendkleid gesteckt hätte. Und so viele Frauen im Orchester! Junge, mittelalte und ältere Frauen, Frauen, die ausschauen und angezogen sind wie Marjana Lipovsek oder wie Martina Fasslabend, sitzen da und spielen Cello. Man glaubt es nicht! Wiener Orchester hingegen erinnern optisch ja immer ein bisschen an Philatelistenvereine.

Vor dem "Frühlingsopfer" spielt Hélène Grimaud Maurice Ravels Klavierkonzert in G-Dur. Grimaud könnte in einer Barockoper glatt als Allegorie der Schönheit besetzt werden: Blondes, schulterlanges Haar, fein geschnittene Gesichtszüge, ein freundlich-neugieriger Blick. Grimaud knurrt in lyrischen Passagen wie sonst nur Oleg Maisenberg. Und sie liebt es offenbar, während kraftvoller, ins Wollüstige weisender Rubati ihr Antlitz in Richtung Konzerthaussaaldecke zu wenden und ihr Haar nach hinten fallen zu lassen.

Insgesamt bietet sie eine erfrischend naiv romantisierende, im Kraftvollen mitunter etwas schwächelnde Interpretation von Ravels Opus dar; der Steinway erinnert leider an eine Blechtrommel.

Eher unsinnlich

Blechern, dünn und unsinnlich auch der Geigenton Christian Tetzlaffs. Der Hamburger spielte am Abend zuvor im Wiener Musikverein Beethovens Violinkonzert in Kooperation mit den Wiener Symphonikern und Jukka-Pekka Saraste. Tetzlaff, geboren 1966, verbeugt sich mit akkurater Kunstturnerschneidigkeit und spielt eigentlich auch so.

Toll hingegen Jukkas-Pekka Saraste: Einem physischen Mittel aus Torero, Scheherazade, Aerobic-Vorturnerin und Lümmel gleich macht er den Symphonikern zum Beispiel bei Bartóks Konzert für Orchester ordentlich Feuer unter dem Musikerhintern und formt sie weiters zum kompakten, kollektivmusikalischen Agens. Ebenfalls atemberaubend. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.04.2003)

Stefan Ender
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