Klein Istanbul in Wuppertal

4. April 2003, 19:57
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Pina Bausch präsentiert ihr jüngstes, namenloses Stück

Der Generationenumbruch ist vollzogen. Die Stars des Wuppertaler Tanztheaters, die den Ruhm der Truppe in den Achtzigern und Neunzigern forttrugen, sind einer neuen Generation gewichen. Nur die Namen Dominique Mercy und Josephine Ann Endicot finden sich noch im Programmheft wieder zu dem neuen, noch namenlosen Stück, das gerade im Wuppertaler Opernhaus uraufgeführt wurde: Sie haben als Mitarbeiter bei den Proben mitgewirkt, im Zuge derer das Ensemble samt Leiterin das neue Stück entwickelt hat, diesmal aufgrund der Eindrücke einer gemeinsamen Reise in die Türkei. Koproduktionspartner ist unter anderem das Internationale Theaterfestival von Istanbul.

Peter Pabst hat dieses Mal auf seine in den letzten Produktionen zumeist monumental überladenen Bühnenbilder verzichtet, ebenso hat Pina Bausch die zuletzt arg überstrapazierten Videoprojektionen zurückgefahren. Die Bühne ist leer geräumt, den dunklen Raum akzentuieren nur zwei hohe weiße, transparente Vorhänge linker Hand. In diesem reduzierten Raum kommt das zur Geltung, was das eigentliche Faszinosum aller großen Bausch-Stücke war: Die schiere Brillanz des Tanzes. Ihre so stark verjüngte Truppe scheint ein für alle Mal die ausgeschiedenen Protagonisten vergessen machen zu wollen . . .


Gruppenbilder

Das Stück selbst enthält viele Anspielungen und Zitate auf die türkische Kultur und die Lebensgewohnheiten ihrer Menschen. Noch stärker lebt es vom Rhythmus, vom Atem türkischer, orientalisch klingender Musik: Der Abend beginnt mit einigen Tänzern, die sich - weiße Badetücher um die Hüften gewickelt - auf der Bühne räkeln, während sich nach und nach die Frauen der Truppe in ihren langen, fließenden Kleidern (Kostüme von Marion Cito) über sie beugen und energisch durch ihre Haare kämmen. Aus der Auflösung dieser Szene entstehen die ersten vehementen Soli.

Die Atmosphäre des Abends ist gespannter, unruhiger als in den manches Mal geradezu selbstvergessenen Lebensfeiern der letzten Jahre, von der himmelsstürmenden Masurca Fogo bis zur ärgerlichen Agua. Manches Solo wirkt wie ein kleiner Kampf gegen sich selbst, die Erlösung erfolgt hier - erstaunlich genug - durch die Gruppe. War in Produktionen wie dem Fensterputzer die Vereinsamung des Einzelnen in der Gruppe ein Thema, so ist diese hier Lebenshort.

Die Verunsicherung ist die des Einzelnen. Geradezu albtraumhaft zeigt Bausch dies mit den überlebensgroßen Projektionen vom Istanbuler Straßenverkehr: Autos scheinen auf den Betrachter zugefahren zu kommen, während ein Tänzer und eine Tänzerin versuchen, ihnen mit schnellen Bewegungen, unter Panikschreien, auszuweichen, zwischen ihnen hindurchzuschlüpfen oder sich unter den fahrenden Karossen zu Boden zu drücken. Doch auch diese Momente der Verstörung hebt Pina Bausch mit Ensemblebildern auf, hier mit einem großen, lärmenden Picknick. Die Gruppe steht fest zusammen, kraftvoll, selbstbewusst in sich ruhend. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.04.2003)

Rolf C. Hemke aus Wuppertal
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