Die brabbelnden Sozialfürsorger

4. April 2003, 20:06
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Mit einer wie in Blei gegossenen Inszenierung von Harold Pinters "Der Hausmeister" erweist Regisseur Alexander Waechter dem als Bettler verkleideten Otto Schenk einen Bärendienst. Ein kleines Debakel in der Josefstadt

Wien - Früher, etwa zu der Zeit, als Bertolt Brecht die Dreigroschenoper gedichtet hatte, waren Bettlerkönige wie der alte Peachum ehrbare Großhandelsunternehmer. Sie verkauften das Elend der Krücken und Prothesen an die Stammkundschaft ihrer Almosengeber weiter. Mit den sichtbarsten Zeichen des Elends wurde das einträglichste Geschäft gemacht: Die Besitzenden durften ihrem Gewissen schmeicheln, indem sie ein paar Pennies in einen ihnen entgegengestreckten Zinkbecher warfen.

Die als Krüppel hergerichteten Bettler wiederum gingen einer ehrbaren Lohnarbeit mit Anspruch auf Sozialversicherung nach - und wer möchte, darf jetzt an den Bettler Davies (Otto Schenk) denken, der in Harold Pinters arg wurmstichigem Drama Der Hausmeister (1960) als verlotterter Bettgeher in einem zugigen Abrisshaus über Nacht zur fix angestellten Fachkraft mit angemaßter Kompetenz für Verteilungsgerechtigkeit aufsteigt.

Schenk verdient sich sein bisschen Wohlleben im Wiener Josefstadt-Theater auf die denkbar sauerste Art. Er tut, wofür ihn kein Bettlerkönig der Welt sozialversichern oder ihm auch nur eine morsche Krücke reichen würde.
Unter der Bedeckung einer Wollmütze schiebt er den Bauch raumgreifend in das Etagenzimmer des ehemals zwangspsychiatrierten Autisten Aston (Martin Zauner), der, in einer Art Vorruhestand am Bett sitzend, mit dem Messer an einem Elektrostecker offenbar wie an einem Stück Kerbholz herumschnitzt.

Seine Arme und Backen scheinen gleichermaßen nach unten verschoben. Er schielt mit Knopfaugen durch dicke Gläser in die ganz große Welt draußen, die vielleicht nur seine eigene, kleine, von Elektroschocks verschmorte Welt tief in ihm drinnen ist. - Wer wüsste das zu sagen?

Am wenigsten Schenk. Der wühlt sich mit einem grämlich aufklaffenden Mund durch seine Textmassen, gräbt sich durch die Stickluft in einer schiefergrauen Gerümpelhölle (Bühne: Rolf Langenfass), als könne man das Elend der Welt wenn schon nicht tilgen, so doch mit bloßen Händen greifen.

Regisseur Alexander Waechter hat vor kurzem Gelegenheit gehabt, an der Seite von Insassen des Männerwohnheims in der Meldemannstraße Theater zu spielen. Nun zeigt es sich aber, dass die Kenntnisnahme des allgemeinen sozialen Elends keineswegs vor dem ganz besonderen Kunstelend schützt.

Mit dieser wie in Blei gegossenen Hausmeister-Produktion kann sich das Josefstadt-Theater getrost um die Teilnahme an einem niederländischen Off-Festival bewerben: Dort schätzt man, in Erinnerung an Jan Fabre, womöglich die allmähliche Verlangsamung der Rede - dieses behutsame Abblenden des Dramatischen, dieses schläfrige Auspusten aller Lebenslichter, dieses Schlechter-Wohnen im hausgemacht Kauzigen, im unpräzise Brabbelnden.
Dabei hat Pinters Stück im Kern vielleicht gar nichts mit Bettelei zu tun. Sondern handelt davon, wie sich ein Eindringling so lange obenauf fühlen kann, bis er die Mechanismen des Zwangs verinnerlicht hat, die sich bereits wider ihn kehren. - Die Zuschauer jedenfalls wollten keinen müden Cent in den dargebotenen Zinkbecher werfen. Weniger Applaus war selten zu hören in Helmuth Lohners Haus. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Printausgabe, 5.04.2003)

Otto Schenk (Davies, ein alter Mann) in Harold Pinter's 'Der Hausmeister'.
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