"Ich gehöre zu den hippen Typen nur dazu"

4. April 2003, 19:46
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Von Doppelgängern, Illusionen und "Being George W. Bush": Der neue Star unter Hollywoods Scriptautoren, Charlie Kaufman, über "Adaptation"

Standard: Bisweilen engagieren Sie Schauspieler, die bei Interviews den Charlie Kaufman spielen - sind Sie nun der echte Kaufman?
Charlie Kaufman: Das mag zwar im Internet so stehen - aber das Internet lügt. Schreiben Sie das bitte. Ich habe mich nur ein einziges Mal von jemand anderem vertreten lassen, das war für das Buch zum Drehbuch zu Human Nature. Der Typ sah aus wie David Mamet. Sonst mache ich das nie.

STANDARD: Regisseur Spike Jones und Schauspieler Nicolas Cage tragen Künstlernamen - heißen Sie Kaufman?
Kaufman: Ja, Kaufman ist mein richtiger Name.

STANDARD: Wie cool ist es, cool zu sein?
Kaufman: Ich bin nicht cool. Spike ist hip. Ich gehöre zu den hippen Typen nur dazu.

STANDARD: Meryl Streep macht sich in "Adaptation" auf die Suche nach der großen Leidenschaft - welche Leidenschaften hat ein Charlie Kaufman?

Kaufman: Das lässt sich wohl am besten in meinen Drehbüchern entdecken. Die Personen in meinen Skripts bin ich - wenn Sie die Filme ansehen, erfahren Sie, was mich interessiert. Für mich ist das Schreiben eine Art zu kommunizieren, mich bemerkbar zu machen. Vielleicht liegt das an meiner Schüchternheit. Ich rede einfach nicht so gerne über Dinge.

STANDARD: Dann leiden Sie bei diesem Interview gerade?
Kaufman: Ich bin vor jedem Gespräch ziemlich nervös. Im Unterschied zum Fragesteller weiß ich schließlich überhaupt nicht, wer da gerade vor mir sitzt. Aber ich glaube, dass ich inzwischen viel besser geworden bin als früher.

STANDARD: Wie würden Sie Ihren Schreibprozess beschreiben? Sitzen Sie wie Woody Allen jeden Morgen um 9 Uhr diszipliniert am Computer? Oder beflügeln Sie die Fantasie mit einer Prise Cannabis?

Kaufman: Wie Woody Allen zu arbeiten wäre überhaupt nicht mein Stil. Auch unter Drogen kann ich absolut nicht kreativ sein - ich werde da einfach nur müde. Ich schreibe die Ideen einfach auf, wenn sie kommen. Oft geschieht das, wenn ich durch die Stadt laufe. Es dauert allerdings oft tagelang, bis aus diesen kleinen Ideen größere werden. Ich muss erst mit diesen Gedanken spielen, bevor ich sie richtig zu Papier bringe. Wobei ich niemals auf eine fertige Geschichte schiele. Ich will mir am Anfang alle Möglichkeiten offen halten, wohin eine Story laufen könnte.

Am liebsten würde ich zu meinen Filmen auch keine Erklärungen abgeben. Wenn ich hier die Antworten liefere, verdirbt das den Zuschauern nur den Spaß. Natürlich drehen sich meine Arbeiten meist um Fiktion und Wirklichkeit. Die Gründe dafür kenne ich selbst nicht so genau. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich als Jugendlicher so viele Filme gesehen habe. Und dass ich immer auf diese Illusion hereingefallen bin, wenn das Leben auf der Leinwand romantisiert wurde.

STANDARD: Welche Filme waren denn das?
Kaufman: Egal welche Titel. Die meisten US-Filme machen das Leben zum Glamour und entlassen einen viel kleiner aus dem Kino als man vorher war. Sehnsüchtig denkt man: So ein Leben hätte man selbst gerne - aber in Wirklichkeit hat man eben nicht diese schönen Frauen und dieses coole Leben. Dieses Prinzip hat wohl etwas mit der amerikanischen Kultur zu tun.

STANDARD: Der Charlie Kaufman im Film sagt, Filme wie "Adaptation" seien Selbstbeweihräucherung. Wollten Sie damit der Kritik vorab den Wind aus den Segeln nehmen?
Kaufman: Nein. Ich habe tatsächlich diese Angst, zu narzisstisch zu sein. Diese Angst drückt der Charlie im Film eben aus. Ich denke beim Schreiben nie an Kritiken - und danach auch nicht besonders. Bei Being John Malkovich schrieb irgendjemand, der Film sei nur für Kritiker gemacht worden. Völlig daneben. Wir wollten einfach was Neues machen.

STANDARD: Worum geht es in dem neuen Film, den Sie geschrieben haben, Eternal Sunshine mit Jim Carrey?

Kaufman: Um einen Typen, der feststellen muss, dass ihn seine Frau mit einem Medikament einfach aus ihrer Erinnerung gelöscht hat. Das will er ihr nun nachmachen und verliert gleichfalls immer mehr Erinnerung an sie. Der größte Teil des Films spielt in seinem Kopf. Die ganze Sache wird chronologisch von hinten nach vorn erzählt.

STANDARD: Was würde Ihnen einfallen zu einem Film "Being George W. Bush"? Könnten Sie dazu spontan eine Idee liefern? Kaufman: Das könnte ich. Aber ich will es nicht. Jeder hat zunächst immer eine spontane Idee. Meine Methode ist es, diese erste Idee zu ignorieren. Ich überlege mir Dinge über viele Monate hinweg. Abgesehen davon habe ich schon lange eine Idee zu so einem George-Bush-Projekt. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.04.2003)

Gespräch mit Dieter Oßwald
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