Gentlemen gegen Cowboys

4. April 2003, 19:23
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Briten halten sich für diszipliniert und G.I.s für Rambos - "Haarrisse" in der Allianz

Die Briten sind stolz auf Mike Riddell-Webster, den Mann, der den Helm gegen das Käppi tauschte. Der Oberstleutnant befehligt ein Regiment in der südirakischen Stadt Al-Zubair. Er versucht, seinen Leuten das Martialische zu nehmen. Seit zwei Tagen tragen Riddell-Websters Soldaten an den Checkpoints anstelle des Helms eine schottische Tellermütze mit rotem Federbusch. Die "Operation Kopfputz" bringe so manchen Iraker zum Schmunzeln, meldet der Kommandeur zufrieden nach Haus - ein Achtungserfolg, denn anfangs hätten die Menschen in Al-Zubair große Angst vor den Briten gehabt.

Auf der Insel kommt die Episode gut an. Mit luftigen Käppis wirkt der Krieg nicht mehr ganz so blutig, wie er in Wirklichkeit ist. Zudem hilft die Story, sich ein Stück abzusetzen von den Amerikanern. Die G.I.s gelten als Rambos, die wild um sich ballern, die Briten dagegen als eine disziplinierte Armee.

Ob sich das Eigenlob mit der Realität deckt, ist fraglich. Doch je länger der Feldzug andauert, desto schärfer zeichnen englische Zeitungen den Kontrast zwischen den "Cowboys" aus Texas und den "Gentlemen" von der Themse. "Wir sind humaner, erfahrener, klüger", lautet der Tenor. Selbst Minister aus Tony Blairs Kabinettsrunde räumen leise ein, dass sich Differenzen auftun - "feine Haarrisse", schreibt die Times.

Kein Guantánamo

Drei Punkte reizen die Briten zum Widerspruch. Erstens: Was passiert mit den Kriegsgefangenen? Etwa 4000 Mann sitzen in Lagern der britischen Armee. London will sie nicht an die USA übergeben. Man fürchtet, dass Washington handelt wie nach dem Krieg in Afghanistan und Gefangene in die Bucht von Guantánamo auf Kuba verfrachtet. England möchte Iraker, denen Verbrechen zur Last gelegt werden, vor den Internationalen Gerichtshof stellen.

Zweitens: Wer regiert in Bagdad? Wie George W. Bush hält auch Blair eine Militärverwaltung für die einzig realistische Variante. Blair will sie aber schon nach wenigen Monaten ablösen. Ein irakisches Interimskabinett, gebildet unter Aufsicht der Alliierten, soll die US-Generäle ersetzen. Später soll eine frei gewählte Regierung die Geschäfte übernehmen.

Und drittens: Geraten als Nächstes Iran und Syrien ins Visier? "Wir wären auf keinen Fall dabei", stellt Außenminister Jack Straw klar.

Im Falle des Iran setzt Großbritannien auf vorsichtigen Wandel durch stete Annäherung. Es unterstützt den moderaten Staatschef Mohammed Khatami gegen die Betonfraktion hartleibiger Ajatollahs - in der Hoffnung, dass Khatamis zaghafte Reformen greifen. Anders als die USA hat das Königreich im Zuge der Öffnungspolitik wieder einen Botschafter in die Islamische Republik entsandt.

In Syrien sieht Blair den jungen Präsidenten Bashar al-Assad, einen Computerfreak, als Hoffnungsträger. Assad ließ sich an einer Londoner Klinik zum Augenarzt ausbilden. Seine Frau Asma, Tochter eines britisch-syrischen Herzchirurgen, ging in der Themsestadt zur Schule und wurde Bankerin in der City.

Syrische Perestroika

Blair rollte dem Paar im Dezember demonstrativ den roten Teppich aus. Seine Berater vergleichen Syrien oft mit der Sowjetunion zu Beginn der Perestroika. Als eine der Ersten im Westen begriff seinerzeit Margaret Thatcher, dass man mit dem Russen Michail Gorbatschow "ins Geschäft kommen kann". Ähnlich denkt heute Blair über Assad. Damaskus in die "Achse des Bösen" einzureihen ist aus seiner Sicht kontraproduktiv.(DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.4.2003)

Frank Herrmann aus London
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