"Wir können nichts tun außer warten"

4. April 2003, 20:07
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Iraks Staatsfernsehen glauben nur wenige, auch ausländischen Sendern misstrauen sie - Keiner weiß, was kommt: Die Menschen in Bagdad versuchen, sich auf alle Möglich- keiten vorzubereiten.

Der Automechaniker Isam hat sich entschieden: "Ich glaube nie im Leben, dass sie nur noch zwanzig oder dreißig Kilometer von Bagdad entfernt sind. Das ist nur Propaganda. Sie haben nicht einmal eines unserer kleinen Dörfer erobert. Sie irren einfach nur in der Wüste herum. Und wenn es ihnen gerade einfällt, ballern sie etwas herum", sagt er.

Isam hat sowohl irakische als auch ausländische Sender gehört und sich entschieden: Am meisten Verlass ist auf die irakischen Staatsmedien. Für die meisten Iraker ist das am sichersten. Der Staatskanal gibt ihnen ein Stück Sicherheit im Alltag und vermittelt das Gefühl, dass es den Amerikanern nicht gelingen wird, Bagdad einzunehmen.

Nicht alle haben es sich so einfach gemacht wie Isam, sondern sie nutzen verschiedene Quellen. "Ich habe gehört, die Amerikaner haben Kerbala eingeschlossen", sagt Reem. "Aber ich weiß nicht, ob das wahr ist. Ich glaube nicht, dass sie nach Basra eingerückt sind", sagt der Zwanzigjährige. "Die irakischen Truppen haben sie verwirrt, und deswegen müssen sie sich in die Wüste zurückziehen", meint seine um ein Jahr ältere Schwester Huda.

Hanan, die Mutter der beiden, weiß nicht, was sie glauben soll. "Das Letzte, was ich bei der BBC gehört habe, war, dass sie die rote Linie überschritten hätten. Was ist eigentlich die rote Linie?", will sie wissen. "Ich glaube, sie verläuft dreißig Kilometer vor Bagdad", antwortet ihre Tochter. "Aber der Irak hat sie davor gewarnt, die rote Linie zu überschreiten. Sie wollen ihnen eine Lektion erteilen, falls sie das tun", greift sie die offizielle Propaganda auf, wie das Iraker gerne tun, wenn sie sich nicht sicher sind, wie die richtige Antwort lauten soll. "Puh! Ich bin wirklich ganz durcheinander im Kopf", meint Reem. "Alle sagen dauernd etwas anderes." Wir sitzen in ihrem hellen Wohnzimmer im Mansour-Viertel von Bagdad. Ein Druck der Mona Lisa in Plastikrahmen sieht von der Wand auf uns herab.

Studenten lernen Landesverteidigung

Sowohl Reem, der Mathematik studiert, als auch Huda, die Diplomingenieurin werden will, haben an dem von der Universität veranstalteten Kurs in Landesverteidigung teilgenommen. Sie haben gelernt, wie man mit einer Kalaschnikow schießt und auch einiges über Selbstverteidigung. Aber sie haben nicht die Absicht, von diesem Wissen auch Gebrauch zu machen, falls die Bodentruppen die Stadt einnehmen.

"Dann bleiben wir hier einfach sitzen und warten ab. Wir bewegen uns nicht vom Fleck", sagt Reem. Die Familie hat keine Pläne, Bagdad zu verlassen. "Wir können nirgendwohin. Der Krieg würde uns verfolgen, wo wir auch hingehen. Da können wir genauso gut zu Hause bleiben."

Aber im Schlafzimmer hat jeder eine Tasche stehen: ein paar Kleider, ein kleines Stück Seife, ein Rolle Toilettenpapier und ein paar Dinge, die ihnen lieb und teuer sind. Die Familie gehört zu Bagdads immer kleiner werdenden Mittelklasse. Mit Lebensmitteln, Wasser und der Heizung gibt es noch keine Probleme. Ein ganzes Zimmer ist mit Vorräten gefüllt, mit Petroleum, Öl, Waschpulver und Seife. "Wir haben genug für mehrere Monate", sagt die Mutter.

Die Familie kämpft nicht gegen Hunger, sondern gegen Langeweile. Sie wagen es nicht, ihren Stadtteil zu verlassen. Die Schule ist geschlossen, die Universität ebenfalls, und die Geschäfte sind nur einige Stunden pro Tag geöffnet. "Als wäre das Leben zum Stillstand gekommen", sagt Reem seufzend. "Wir sitzen herum und können nichts tun außer warten. Mir fehlt die Universität."

Das Telefon klingelt. Reem steht auf. Er kommt noch trauriger zurück. "Das war Jenin. Sie fahren. Ihr Vater will sie zu Verwandten in ein Dorf bringen. Sie haben alles gepackt und warten nur noch darauf, dass ihr Onkel sie abholt." Nachdenklich hören Mutter und Schwester zu, während Reem von dem Gespräch mit der Freundin erzählt.

"Der Golfkrieg war schlimmer", sagt die Mutter schließlich. "Damals hatten wir bereits nach den ersten Tagen kein Wasser und keinen Strom mehr." Der Alltag war schwerer zu bewältigen." Für Huda ist das den menschlichen Schutzschilden zu verdanken, dass Wasser- und Elektrizitätswerke bisher nicht massenweise bombardiert wurden. Woher sie das wisse? Das habe sie gehört, und das glaube sie einfach.
(DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.4.2003)

Åsne Seierstad aus Bagdad
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Eine Frau wartet auf einem Markt in Bagdad - Die meisten Stände sind leer, das öffentliche Leben ist zum Erliegen gekommen

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