Militärexperte Stahel: "Saddam Hussein ist ja kein Feigling"

4. April 2003, 20:37
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Für den Schweizer Militärexperten Albert A. Stahel ist der US-Erfolg im Irak eine klare Sache

Wien - Der Erfolg des US-Vorstoßes auf Bagdad habe ihn nicht überrascht, da sich die militärische Situation nicht geändert habe, meint der Schweizer Militärexperte Albert A. Stahel von der Militärakademie der Universität Zürich: "Die US-Truppen rücken entlang der Autobahnen vor. Die Probleme mit dem Nachschub, die den Vormarsch tagelang behindert hatten, wurden offenbar mittlerweile gelöst."

Die Dauerbombardements hätten sich auf die Republikanischen Garden außerhalb Bagdads katastrophal ausgewirkt. "Die B-52 legten riesige Bombenteppiche auf sie. Die U.S. Airforce warf über den irakischen Divisionen keine ,intelligenten', sondern große Freifall- und Clusterbomben ab. Die sind zwar erlaubt, doch deren Auswirkung auf den Feind am Boden ist verheerend", erklärt der Universitätsprofessor.

"Die Phase, die nun kommt, ist entscheidend. Wenn das Regime in Bagdad immer noch verteidigungsfähig ist, stellt sich die Frage, ob die US-Truppen nach Bagdad hineingehen oder die Stadt umzingeln werden. Der Ring um die Hauptstadt ist ja offenbar bereits geschlossen", analysiert der Militärexperte für den STANDARD.

Stahel hält es für vorstellbar, dass Saddam Bagdad aufgibt und sich in seine Heimatstadt Tikrit zurückzieht: "Das ist durchaus denkbar, wenn ihm der Boden zu heiß wird." Doch gefangen nehmen werde sich Saddam sicher nicht lassen, glaubt Stahel: "Der ist ja kein Feigling, das hat er ja bewiesen." Eher würde Saddam versuchen, so viele Menschen wie möglich mit in den Tod zu nehmen.

"Will man Bagdad isolieren, braucht man die 4. Mechanisierte US-Infanteriedivision sehr schnell. Diese voll vernetzte Eliteeinheit stellt sich derzeit in Kuweit bereit. Bagdad zu isolieren wird allein mit der 3. Mechanisierten US-Infanteriedivision nicht gehen. Aber auch für den Einmarsch in Bagdad brauchen die Amerikaner stärkere Kräfte", folgert Stahel.

"Will man den Krieg schnell beenden, kennt man den Aufenthaltsort von Saddam und nimmt Verluste in Kauf, ist ein Einmarsch in Bagdad sicher der bessere Weg. Doch das ist eine politische und keine militärische Entscheidung", glaubt der Oberstleutnant: "Wenn man aber nicht weiß, wo Saddam ist, und Verluste fürchtet, dann ist der Weg der Briten vor Basra, nämlich das langsame Abschnüren der Stadt, auch ein gangbarer Weg. Das führt aber dazu, dass man Verluste unter der Zivilbevölkerung hat. Die Verteidiger einer Stadt können den Angreifern zwei Monaten Schwierigkeiten machen, wenn sie genug Vorräte haben." (DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.4.2003)

Gerhard Plott
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