"Man kann als Journalist nicht Everybody's Darling sein"

9. April 2004, 16:04
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Thaddäus Podgorski warnt vor "Verhawerung" und der Vormachtstellung der Wirtschaft

Im Rahmen der Ringvorlesung "Elder Statesmen" war am Freitag den 4. April der ehemalige ORF Generalintendant Thaddäus "Teddy" Podgorski zu Gast am Wiener Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaften. Mit einer gehörigen Portion, dieses oft zitierten und vor allem in städtischen Kaffeehäusern auszumachenden "Wiener Schmäh" gab Qualtingers Stammtischbruder Heiteres aus seinem reichen Erfahrungsfundus wider, sparte aber dabei keineswegs mit deutlichen Worten wirtschaftliche, medienpolitische und somit letztendlich auch journalistische Entwicklungen der letzten zehn bis fünfzehn Jahre betreffend.

"Man kann als Journalist nicht Everybody's Darling sein"

Podgorski begann seine Karriere als Nachrichtensprecher und Reporter beim amerikanischen Besatzungssender Rot – Weiß – Rot, bewarb sich dann aber nach Abzug der Besatzungsmächte 1955 beim neugegründeten ORF. Der damalige Fernsehdirektor G. Freund stellte ihn als Sprecher der neugegründeten Nachrichtensendung ein. Der passende Name dafür, "Zeit im Bild", ist eine Erfindung Podgorskis. Da aber in alle Richtungen offene, sich in keine Schublade zwängen lassende, junge talentierte Menschen mit dem bloßen Vorlesen ohnehin zensurierter Meldungen nicht ausgelastet sind, begann er das neue "Medium" für seine Zwecke und seine Philosophie der Publikumsaufklärung zu nutzen.

Er gestaltete alltagspolitische Reportagen, und lotete dabei die Grenzen des inhaltlich Machbaren aus. Mit Erfolg. Dreimal wurde er vom Dienst suspendiert, das erste Mal 1959 mit der legendären Reportage über den persischen Pfauenthron, die außen- und dann innenpolitisch die Wogen hochgehen ließ. "Man kann als Journalist nicht Everybody´s Darling sein. Das geht in keinem Beruf. Aber am allerwenigsten im Journalismus!", jagt Podgorski seine erste Weisheit ins (endlich) volle Plenum.

Unbequemlichkeit macht unbeliebt

Unbequemlichkeit macht zwangsweise unbeliebt und vor der im heimischen Journalismus vorherrschenden Symbiose zwischen Kritiker und Kritisierten, diesem Netzwerk der "Verhawerung" sollte man sich hüten. Anzeigenaustausch zwischen der öffentlich rechtlichen Sendeanstalt und auflagenstarken Printmedien hat ja doch einen gewissen galligen Beigeschmack. Die Gründe für Gefälligkeitsjournalismus sieht der Vorlesungsgast, der übrigens darauf bestand keinen Vortrag zu halten, sondern sich gleich den Fragen der Studierenden zu stellen, in der Vormachtstellung der Wirtschaft über der Politik. Politiker seien de facto zahn- und machtlos, Kritik an ihnen und ihren Vorgehensweisen bringe nichts, man müsse als Journalist das Dahinter ihrer Entscheidungen kritisieren, nur ist eben dieses Dahinter hauptsächlich das Kapital, Kapital von dem man auf Grund der wirtschaftlichen Verflechtungen selbst profitiert.

Grundsätzlichkeiten werden vorenthalten

Das Problem des gegenwärtigen Journalismus ist somit nicht eines des "Wie geschrieben wird", sondern vielmehr eines des "Was nicht geschrieben wird" bzw. "Was gezeigt wird" und "Was nicht gezeigt wird". Wer recherchiert endlich einmal den Einfluss von Frank Stronach auf die Politik und heimische Wirtschaft! Da sind gestrandeten Politikerkinder in seinem Konzern untergekommen, die jetzt seine Geiseln sind ...!" Für Podgorski gibt es keine wirkliche kritische Berichterstattung mehr und Grundsätzlichkeiten, Grundinformationen die ein Verstehen im Ansatz möglich machen würden, werden dem Zuseher vorenthalten.

Statements bei denen man durchaus noch seine Unbequemlichkeit und seine Unangepasstheit, die ihn bekannt und oft auch unbeliebt machte heraushört, der das österreichische Fernsehen aber auch wunderbare Sportreportagen zu verdanken hat, in der menschliche, soziale und moralische Aspekte ebenso wichtig waren, wie das Ereignis und der Sportler selbst. Damals State of the Art und des öfteren preisgekrönt. Seine Vergangenheit als Sportreporter und der sensible Versuch Sporthelden zu verstehen, scheint ihn wieder einzuholen, hat er doch gerade eine Drehbuchauftragsarbeit für den ORF über die österreichische Boxlegende Hans Orsolics beendet.

"Zu wenig zielgruppenorientiert"

Die gegenwärtige Performance des ORF, aber auch das Privatfernsehen werden von Podgorski ebenfalls kritisiert. Die Programmgestaltung verlaufe zu wenig zielgruppenorientiert, ohne Berücksichtigung der in der Medienanalyse erhobenen Daten der Publikumsstrukturen. Parameter wie Schulbildung, Einkommen, Beruf, Interessen werden zu wenig, oder gar nicht berücksichtigt, stattdessen halte man rigoros an der bekannten Alterssegmentierung 16 – 49 fest und der daraus erhobenen Quote fest, ja man verbeuge sich förmlich "vor dem heiligen Gebot der Quote." Trash – TV der Privatanbieter diene hauptsächlich nur noch zur "Ruhigstellung der Zuseher", und es gäbe weltweit viel mehr Revolutionen, wenn plötzlich der TV-Apparat finster bliebe.

Ansichtssache

"Elder Statesmen": Thaddäus Podgorski am 4. April

Von Manfred Gram.

Der Autor ist Teilnehmer der Lehrveranstaltung "Elder Statesmen" am Institut für Publizistik- und Kommunikations- wissenschaft.
  • Thaddäus Podgorski
    foto: alina weidmann

    Thaddäus Podgorski

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