"Wie unbequem müssen, dürfen, sollen Journalisten sein?"

9. April 2004, 16:04
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Für Thaddäus Podgorski sind Formate wie "Starmania" oder "Taxi Orange" "Zynismus im höchsten Grad"

Eine passende Frage, gestellt an den zweiten Gast der Vortragsreihe „Elder Statesman“ am Wiener Institut für Publizistik, Thaddäus Podgorski. Der momentan als Regisseur und Schauspieler tätige, war in seiner Zeit als Journalist tatsächlich einer der unbequemen Art. Bereits als 21-jähriger Reporter erstmalig vom Dienst beim ORF suspendiert, kann man derartige „Zwischenfälle“ bis zum Ende seiner Generalintendanz 1990 im ORF – gleichzeitig das Ende seiner Karriere im Fernsehjournalismus – beobachten.

"Was früher Macht und Proporz der Parteien war, ist heute die Macht des Kapitals"

Podgorski setzt die Kritik am Fehlen des „unbequemen“ Journalismus nicht unbedingt bei den Medien beziehungsweise deren Machern an, er sieht als Hintergründe die Abhängigkeit aller, am wirtschaftspolitischen System beteiligter, von der Wirtschaft. Journalisten sollten ihre Kritik an den Politikern, die ja auch Teil eines solchen Systems sind, auf eben diese Zusammenhänge verlagern. „Schlimm ist nicht, was geschrieben wird, sondern, was nicht geschrieben wird.“ Ähnlich wie Jens Tschebull, der Gast in der Vorwoche, kritisiert Podgorski die Bequemlichkeit des Journalismus, zu recherchieren und ehrlich aufzudecken. Ihm geht es um das Schweigen der Medien, wenn es um Inhalte geht, die von politischer Brisanz sind. Ganz anders als Jens Tschebull kommentiert Thaddäus Podgorski die Medienkonzentrationen: Während Tschebull diese Entwicklungen begrüßt, und darin keine Gefahr für den objektiven Journalismus sieht, ist diese für Podgorski doch erkennbar, da wirtschaftspolitische Interessen noch mehr in den Vordergrund geraten.

"Qualität interessiert jeden ..."

Nach seiner Meinung zum momentanen Zustand des ORF gefragt, merkt er an, dass „die es im Moment auch nicht leicht hätten“, die Kritik ist aber genauso klar: Trotz zweier Sender spare der ORF bei Kultursendungen, obwohl – so Podgorski – Qualität das Publikum sehr wohl interessiere, „...jeden, der halbwegs hell im Kopf ist“. Formate wie „Taxi Orange“ und „Starmania“, all diese inszenierten Wirklichkeiten, hält der Erfinder von Sendeformaten wie „Sportpanorama“, „Panorama“ oder „Seinerzeit“ für „Zynismus im höchsten Grad“. Ebenso die aktuelle Kriegsberichterstattung, die der ORF – laut Podgorski „in dubio auf der Seite des Stärkeren“ – teilweise unreflektiert übernimmt. „Die Ostblock-Berichterstattung war gegen die amerikanische geradezu liberal“, kommentiert Podgorski die mediale Aufarbeitung des Irak-Krieges.

"Seinerzeit"

Thaddäus Podgorski verkörpert eine spezielle Art von Journalismus, die ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Weniger an aktuellen, „schnellen“ Geschichten interessiert, will er mehr über Hintergründe und Umstände erfahren. Obwohl an der Vergangenheit sehr interessiert, kann man ihn wohl auch nicht als sentimentalen Nostalgiker bezeichnen. Wenn er fragt, „was werden die Leute von uns denken, wenn sie keine Dokumente darüber haben, wie wir gelebt haben...?“, spürt man seine Leidenschaft für das Leben, das Gelebte, um die Gegenwart zu verstehen. Die Vergangenheit, historisch und (gesellschafts-)politisch, aufzuarbeiten, hat Thaddäus Podgorski erfolgreich mit der Sendung „Seinerzeit“ versucht, die 23 Jahre lang vom ORF ausgestrahlt wurde.

Das Gespräch mit dem ehemaligen Fernsehreporter, der für einige wichtige Sendebestandteile im ORF verantwortlich zeichnet, wie etwa die Minderheitenberichterstattung („Heimat, fremde Heimat“) oder die Bundesländer-Sendungen, war wohl für alle eine interessante Begegnung, da Thaddäus Podgorski nicht nur als Erzähler unendlicher Anekdoten, sondern auch als erfrischend kritischer, „bequem unbequemer“ Mensch gelten muss.

Ansichtssache

"Elder Statesmen": Thaddäus Podgorski am 4. April

Von Theresa Pachucki.

Die Autorin ist Teilnehmerin der Lehrveranstaltung "Elder Statesmen" am Institut für Publizistik- und Kommunikations- wissenschaft.
  • Thaddäus Podgorski
    foto: alina weidmann

    Thaddäus Podgorski

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