Machtwechsel in Chile

Milliardär Pinera schaffte historische Zäsur

17. Jänner 2010, 22:40

Prognosen: Präsidentschaftskandidat der Rechten kommt auf fast 52 Prozent - 20-jährige Regierungszeit der Concertacion wäre beendet

Santiago - In Chile zeichnet sich eine historische Zäsur ab: Bei der Stichwahl um das Präsidentenamt liegt der rechtskonservative Milliardär Sebastián Piñera ersten Prognosen und Teilergebnissen zufolge leicht voran. Sollte sich der Trend am Sonntagabend bestätigen und der 60-jährige Unternehmer die Wahl für sich entscheiden, wäre dies nicht nur eine herbe Niederlage für das seit 20 Jahren ununterbrochen regierende Mitte-Links-Bündnis der Concertacion. Es wäre vor allem das erste Mal seit dem Ende der Diktatur von Augusto Pinochet 1990, dass die Chilenen einen Politiker der Rechten wieder an die Macht lassen würden.

Nach Angaben des Fernsehsenders Canal 13 kann der Harvard-Absolvent Piñera mit 52 Prozent der Stimmen rechnen, während der Regierungskandidat und Ex-Präsident Eduardo Frei auf 48 Prozent kommt. Mit seinen Nachwahlbefragungen lag der Sender bereits bei der ersten Abstimmungsrunde im Dezember sehr dicht am richtigen Ergebnis. Ein anderer Sender prognostizierte für Piñera 51,3 Prozent der Stimmen. Die Auszählung der Stimmen lief auf vollen Touren. Erste Teilergebnisse sahen Piñera bei 51,87 Prozent.

Ehemaliger Präsident Frei überzeugte die Wähler nicht

Die in der Bevölkerung äußerst beliebte Präsidentin Michelle Bachelet durfte gemäß Verfassung nicht unmittelbar für eine zweite Amtszeit antreten. Deshalb schickte die Concertacion den ehemaligen Präsidenten Frei wieder ins Rennen - eine Entscheidung, die viele Wähler nicht überzeugte. Trotz der Popularität Bachelets sind viele Chilenen von der regierenden Mitte-Links-Koalition desillusioniert und wollen neue Gesichter in der Politik sehen. "Frei war schon einmal an der Macht und er hat nicht viel gemacht", sagte etwa die 44-jährige Hausfrau Adriana Contreras, die in der Hauptstadt Santiago ihre Stimme abgab. "Ich habe Pinera gewählt, damit es den Wandel geben wird, den wir brauchen."

Im ersten Wahlgang war Frei auf knapp 30 Prozent der Stimmen gekommen, während Piñera 44 Prozent verbuchte. Für Spannung beim zweiten Wahldurchgang sorgten nun die Anhänger des in der ersten Runde ausgeschiedenen unabhängigen Kandidaten Marco Enriquez-Ominami, der einst der Concertacion angehörte. Der 36-jährige ehemalige Filmproduzent hatte sich nach langem Zögern wenige Tage vor der Wahl doch noch für seinen früheren Parteifreund Frei ausgesprochen.

Enriquez-Ominami macht die Rechte für die Tötung seines Vaters verantwortlich. Während der 17 Jahre dauernden Diktatur unter Pinochet kamen mehr als 3000 Menschen ums Leben oder verschwanden, 28.000 Menschen wurden Schätzungen zufolge gefoltert, darunter auch die scheidende Präsidentin Bachelet. Der Mitte-Links-Kandidat Frei ließ im Wahlkampf daher die Erinnerungen an die Vergangenheit wiederaufleben. "Wir haben Fehler gemacht, aber wir haben keine Gräueltaten begangen", betonte der ehemalige Präsident während des Schlussspurts seiner Kampagne.

Pinochet-Faktor könnte Frei doch noch zum Sieg verhelfen

Der 60-jährige Piñera hat zwar versucht, sich vom blutigen Erbe der Diktatur Pinochets zu distanzieren und um die Stimmen der breiten Mittelschicht geworben. Ein Bruder von Piñera war allerdings Minister unter Pinochet, einige seiner Mitarbeiter haben ebenfalls für den Diktator gearbeitet. Beobachter fragen sich deshalb, ob der Pinochet-Faktor Frei doch noch zum Sieg verhelfen könnte.

Der Mitte-Links-Kandidat will die Sozialpolitik Bachelets fortsetzten und ausweiten. Zu seinen Prioritäten zählt eine Reform des Arbeitsmarktes, um die Gründung von Gewerkschaften zu fördern. Er hat sich zudem mehrere Vorhaben Enriquez-Ominamis zueigen gemacht. So will er das Steuersystem reformieren und die Einnahmen aus dem Bergbausektor erhöhen.

Piñera hat die Schaffung einer Million neuer Jobs in den kommenden vier Jahren und ein jährliches Wirtschaftswachstum von sechs Prozent versprochen, nachdem das südamerikanische Land im Zuge der globalen Wirtschaftskrise erstmals seit der Asienkrise in den 1990er Jahren wieder in die Rezession abgeglitten war. Der Kandidat der Rechten gilt als Favorit der Wirtschaft. Analysten erwarten daher, dass ein Sieg Piñeras den Börsen kurzfristig einen zusätzlichen Schub geben würde. (APA/Reuters)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 51
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Michl52
00
19.1.2010, 00:17
Hoffentlich bleibt der Korruptionsindex in Chile so nieder

wie er jetzt ist.

victor lazlo
01
18.1.2010, 17:35
Warum fallen die Menschen immer wieder auf die dümmsten Lügen herein?

Typisch für die Rechten ist nämlich, dass die niemals dazusagen WIE sie die Wirtschaftswunder erschaffen wollen.

Am Ende bleibt Armut und Gewalt.

Pedro Miguel Froehlich
10
18.1.2010, 16:21
Chile, Piñeras

Gottseidank dass Chávez für Lateinamerka etwas weniger genommen hat

NONE
14
18.1.2010, 16:06

Vielleicht sollten die Medien aufhören die Concertacion hochzujubeln. Die Wähler sind ja auch nicht ganz deppert.

RonConSoda
01
18.1.2010, 16:16


ja, so wie bei uns im jahre 2000

Jürgen Rembremerding
01
18.1.2010, 14:13
santiago69
02
18.1.2010, 14:00
Machtwechsel ist gut!

Nach 20 Jahren war es an der Zeit - und Eduardo Frei ist halt nicht wirklich ein Symbol der Erneuerung - das wäre auf der linken Seite nur Enríquez-Ominami gewesen. Piñera soll zeigen, was er und die Rechte kann und dass sie (hoffentlich) aus alten Fehlern gelernt haben. Ricardo Lagos hat diese Lernfähigkeit auf der linken Seite ja eindrücklich demonstriert. ¡Viva Chile!

victor lazlo
00
18.1.2010, 17:38
Machtwechsel ist nicht automatisch gut!

siehe Österreich 1938.

Ein Milliardär, der sich selbst in einer Diktatur betätigt hat und ein Wunder verspricht, ist sicher kein Fortschritt.

Für die Menschen zumindest.

byron sully
10
18.1.2010, 17:34

wenn die pinochet-partei mittlerweile wirklich in der demokratie angekommen ist (so wie die meisten postkommunistischen parteien im ehemaligen ostblock oder z.b. die spanische PP), find ich den machtwechsel hinnehmbar (wenngleich mir unsympathisch). wenn pinera den beweis erbringt, daß er "nur" ein rechtskonservativer und kein faschist ist, wäre das immerhin ein aufbrechen der bisherigen situation (also alle demokratiefreundlichen parteien von mitte-rechts bis ganz links in der "concertacion" vereint und dem gegenüber das ultrarechte pro-pinochet-lager). so gesehen kann ich diesem (ansonst eher traurigen) ergebnis auch was positives abgewinnen.

ganz weit weg
10
18.1.2010, 20:54

keine angst / pinera ist pragmat ... hat zb vor 20+ jahren im plebiszit GEGEN pinochet gestimmt (und zu der zeit brauchte man noch cojones um das zu tun).

und das von der "ultrarechten" das ich hier immer lese ... diese steht um einiges weiter links als die FPO/BZO in good ol' austria - also auslaenderhatz usw. gibts hier nicht.

und vergessen wir auch nicht, dass die linke concertacion die rechte wirtschaftspolitik der chicago boys bis heute mitgetragen und ausgebaut hat (das ist das eigentlich unglaubliche an diesem land - genau dieses "chilenische model" war auch KEIN thema in den wahlen, weil links und rechts das gleiche wollen !!!!).

schauen sie mal, wie viele freihandelsabkommen das linke chile nach 1990 abgeschlossen hat (duzente)

Ernst Guevara
00
19.1.2010, 10:00
das "linke chile"?

um bei den fakten zu bleiben: Sie meinen sicher das sozialdemokratisch-christdemokratische chile. bis zu einem gewissen grad war die concertacion auch links, aber pauschalisieren ist nicht sinnvoll. und zu Ihrem einwand sollte man aber auch dazusagen, dass man sich ausmalen kann, was passiert wäre, wenn die concertacion gleich nach 1990 ein alternatives wirtschaftsmodell eingeführt hätte. pinochet war damals noch sehr mächtig und er hat ja auch konkret damit gedroht, seinen putsch zu wiederholen, für den fall, dass die concertacion eine "zu linke" politik macht. mit dem würgegriff pinochets über chile, der auch nach 1990 weiterhin tatsache blieb, lässt sich erklären, warum die concertacion am neoliberalismus nix geändert hat.

pepitant
21
18.1.2010, 13:41
Muss man eigentlich gleich jeden vorverurteilen,

bevor er noch irgendeine Entscheidung getroffen hat, oder schreiben hier lauter Propheten ?
Die Rechte ist noch schlimmer, deren Anhänger geifern hier rum, obwohl einer der ihren gewonnen hat.
Bekommt man für sowas eigentlich Schmerzensgeld ?

so go
00
18.1.2010, 12:42

so schöne zähne möcht ich in dem alter auch haben und er tritt sogar den beisstest an, ich bin beeindruckt.

Speedy Gonzales
15
18.1.2010, 10:59
Gratulation an die Concertacion

Jahrelange Korruption und Vetternwirtschaft macht dieses Wahlergebnis zum Resultat. Wenn wunderts. Da wird international eine heile Welt gepredigt und ein quasi entwickeltes Land vorgeführt. Intern decken aber die Löhne nicht einmal das Allernotwendigste. Es waren viele Anzeichen zu sehen und zu hören, die aber nicht gehört oder gesehen werden wollten. Die Jungendlichen haben vor drei Jahren schon lautstark darauf hingewiesen, dass die eigentlichen Probleme dieses Landes nicht angegangen werden. Stattdessen baute die Concertacion auf die tollen Einnahmen aus dem Kupfer, rüstete das Millitär enorm auf und privatisierte alles was nur ging, mit dem Ergebnis dass für die Menschen alle teurer wurde. Die Rechnung haben sie gestern bekommen.

EquinoxOmega
20
18.1.2010, 10:45
D'oh!

Oscar W
717
18.1.2010, 10:18
typisch standardposter

kommt IRGENDWO auf der welt ein linker an die macht (demokratisch) ist es ein toller erfolg für das land und ein sicherer weg in eine bessere zukunft

kommt ein rechter demokratisch an die macht, wird hier schon heftigst gepostet wie das ein schritt richtung diktatur ist, dadurch die korruption erhöht wird und das land ins unehil gestürtzt wird. wer hier objektivität will, muss ins krone forum, aber da findet man warscheinlich die gleicehn poster

Speedy Gonzales
00
18.1.2010, 17:31
Also

Wenn Blödsinn verkaufbar wäre hätten wir hier einen Millionär.

pepitant
23
18.1.2010, 13:30
Dem Unsinn

gönn ich keine Rotwertung :-)

StV St. Germain Art 88 = Anschlußverbot, du Zensor!
 
71
18.1.2010, 09:48
Eine gute Nachricht aus Chile.


Wenn auch Hr. Pinera sicher nicht die Klasse und Umsetzungsstärke wie Mr. Lavin (in 2000 ganz knapp unterlegen, damals als verlorene Chance gesehen) hat.

Alles Gute nach Chile!!!

Stanley Kowalski
123
18.1.2010, 07:20
Bravo! Gratulation!

mieswicht
34
18.1.2010, 10:07

Als ob sie irgendeine Ahnung von chilenischer Innenpolitik hätten.

byron sully
125
18.1.2010, 02:57

sollte pinera tatsächlich gewonnen haben, hätte es den vorteil, daß chile vermutlich eine wunderbare demonstrationskultur bevorsteht (vergleichbar mit dem iran in den letzten monaten) - sowie den nachteil, daß die gefahr besteht, daß diese demonstrationskultur zu todesopfern aus den händen einer einem faschistoiden präsidenten unterstellten polizei führen könnte...

Alexei Pavlov
00
18.1.2010, 18:48

Gully, Sie sind wie gewohnt ein falscher Prophet.

Es wird in Chile keinerlei solchen Demos geben wie in Iran.

Denn die USA und Israel, die die iranischen Demos veranstalten ließen, haben daran kein Interesse.

zimbo
 
00
18.1.2010, 14:38
Glaubs nicht, die Menschen sind eher resigniert.

Piñera hat viel in die Wahlwerbung gesteckt, die Armen mit Fahnen ausgestattet und mit Almosen abgespeist.
Die widerum haben diese genommen, wohlwissend, dass Frei nicht viel anders war.

Austro-Spanier0
11
18.1.2010, 10:58
demonstrationskultur

Sie sind ja ein richtiger Auskenner:-) Selten einen derartigen Unfug gelesen.

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