Mayers Europablog

Johannes Hahns Risiko und Chance

Thomas Mayer, DER STANDARD, 13. Jänner 2010, 22:20
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    foto: ap/zak

Heute ist vermutlich der wichtigste Tag in der politischen Karriere von Wissenschaftsminister Johannes Hahn. Ab 16.30 Uhr wird er sich im Europäischen Parlament in Brüssel der Anhörung durch die EU-Abgeordneten stellen müssen. Davon hängt ab, ob der "Herr Kommissaranwärter", wie die Kandidaten bei den Fragen stets angesprochen werden, sein Amt als Zuständiger für die EU-Regionalpolitik antreten kann oder nicht.

Dieses "Hearing", ziemlich einzigartig unter den Regierungen in Europa, ist ein echter Stresstest für einen Politiker. Nur in den USA werden angehende Bundesminister (das sind EU-Kommissare de facto) im Kongress ähnlich "gegrillt" wie die künftigen Kommissare.

Ein echter Stresstest

Um einen kurzen Eindruck zu geben, wie das abläuft: Vom Platz des Angehörten aus sieht ein voller Saal viel größer, mächtiger und bedrückender aus, als man sich das bei der Übertragung via Bildschirm vorstellt. Das Verhör dauert drei sehr konzentrierte Stunden lang, in denen etwa 60 bis 70 Einzelfragen gestellt werden. Alles findet in aller Offenheit und Öffentlichkeit statt. Der Kandidat sitzt ganz allein an einem Schreibtisch, ohne Assistent oder Einsager. Er hat keine Zeit in Unterlagen zu schauen. Hinter seinem Rücken thront erhöht der Ausschussvorsitzende mit seinen Stellvertretern, der das Verfahren sehr strikt durchführt.

Vor dem Kandidaten tut sich das ansteigende Halbrund des Sitzungssaales wie ein Amphitheater auf. Er schaut auf gut 200 bis 300 Leute, Abgeordnete, Mitarbeiter, Journalisten, Techniker, dahinter die 22 Übersetzerkabinen. Je wichtiger das Dossier des Kandidaten ist, desto mehr EU-Abgeordnete aus mehreren Ausschüssen sind da - alles absolute Auskenner in ihren Spezialgebieten. Jederzeit kann ein Kandidat über eine spezifische Fachfrage "aufgeblattelt" werden. Der Kandidat weiß, dass jedes Wort, das er sagt, via Internet live in abertausende Büros weltweit übertragen wird. Jede kleine Peinlichkeit kann plötzlich riesenhaft groß werden. Ein Kameramann des Parlaments filmt ständig von ganz nahe.

Nach vierzehn Anhörungen in den ersten drei Tagen lässt sich vorläufig schon ganz gut abschätzen, wer die Stars und wer die großen Schwachpunkte der neuen EU-Kommission sein werden, bzw. warum. Für Hahn ergibt sich daraus ein kleiner Startvorteil. Er konnte inzwischen studieren, wie man sich am besten verhält, was man auf jeden Fall vermeiden sollte.

Die Superstars

Aus meiner Sicht lässt sich bisher sagen: Es gibt im Barroso-Team bisher zwei Superstars, die eine wirklich beeindruckende Vorstellung geliefert haben. Der spanische Kandidat für Wettbewerbspolitik Joaquín Almunia, ein Sozialist, der seit 2004 als Wirtschafts- und Währungskommissar gearbeitet hat. Und der Franzose Michel Barnier, Kandidat für Binnenmarkt und Finanzmarktkontrolle, Ex-Regionalkommissar, Ex-Außen-, Ex-Agrar-, Ex-Umwelt- und Ex-Europaminister in Paris, dzt. EU-Abgeordneter, ein Konservativer.

Beide sind "alte Hasen" in Europa, präsentierten sich als extrem souverän, nicht aus der Ruhe zu bringen, topfit in der Sache, bis ins Detail mit EU-Materien vertraut, jahrzehntelang gepflegt und geschliffen, vor allem aber als Politiker, die in wenigen Sätzen und ohne jede Angst das Wesentliche ihrer jeweiligen politischen Überzeugung erklären können. Leute mit Geschichte, die wissen, wovon sie reden.

In dieser Liga, zu der mit Einschränkungen auch die neue Justizkommissarin Viviane Reding zu zählen ist (sie trat bei Grundrechtsfragen überzeugend auf), wird Hahn kaum mitspielen können. Aber es wird sich im Vergleich zeigen, ob er die vergangen Wochen ausreichend genutzt hat, um sich mit dem Fach Regionalpolitik vertraut zu machen.

Franz Fischlers "gschluckte Krot"

Zu einem Star der Kommission gehört, dass er mehrere Sprachen, vor allem Englisch und Französisch, problemlos beherrscht. Reding und Almunia können das. Barnier ist ein Beispiel, dass die Muttersprache im Zweifel auch reicht. Man wird sehen, wie Hahn sich auf diesem Gebiet schlägt. Er hat angegeben, dass er ganz passabel Englisch spricht. im Zweifel sollte er besser deutsch reden. Alles wird übersetzt, das EU-Parlament ist diesbezüglich unschlagbar organisiert. Der später angesehene Agrarkommissar Franz Fischler wurde bei der Anhörung 1994 in Brüssel vom Fleck weg legendär mit dem Satz: "Wenn ma die Krot gschluckt hat, muaß ma dazu a stehn", nachdem er erklärt hatte, zur vereinbarten Agrarreform auch zu stehen. Den Übersetzern blieb da kurz die Luft weg, dann gab es ein wirklich vergnügliches Gelächter im Saal. Ein "Typ", höchst authentisch, ward damals geboren.

Neben den Stars gibt es die mittlere Gruppe. Dazu gehören nach bisherigem Stand der Tscheche Stefan Füle (Erweiterung), der Belgier Karel De Gucht (Außenhandel) oder auch Olli Rehn (Wirtschaft und Währung). Charismatisch sind sie nicht gerade, aber sie überzeugten dennoch durch gutes Fachwissen und dadurch, dass sie sich nicht scheuten, in den Grundpositionen eine klare Haltung zu demonstrieren. Das und klares Europabewusstsein wird von den Abgeordneten im Zweifel geschätzt, denn auch sie selber kommen ja aus bestimmten politischen Lagern. Hier könnte Hahn, wenn er es gut macht, eingereiht werden.

Feigheit lohnt sich nicht

Die Kandidaten der dritten Gruppe haben enttäuscht: Catherine Ashton, die neue EU-Außenministerin und Vizepräsidentin etwa. Menschlich überzeugend, schlagfertig, aber ohne inhaltliches Profil, ohne Strahlkraft, ohne klare Positionen redete sie sich durch die Anhörung. Dauernd sagte sie, darüber müsse sie sich noch ein Urteil bilden, mit diesem und jenen erst konsultieren, einerseits und andererseits. Oder der designierte Budgetkommissar Lewandowski aus Polen: Brav aber nicht viel mehr.

Die vierte Gruppe schließlich ist jene, in der Hahn besser nicht landen sollte, wenn er in Brüssel ankommen will: bei der Bulgarin Rumiana Jeleva, die humanitäre Hilfe betreuen soll, oder dem Litauer Agiras Semeta. Erstere zeigte sich in der Sache ziemlich unbeleckt, indem sie etwa den Golf von Aden geografisch offenbar nicht ganz zuordnen konnte, was bei einer Außenministerin irritierend war. Und Jeleva droht wegen ihrer Erklärungen zu persönlichen Besitzverhältnissen und merkwürdigen Geschäften, wegen Unklarheiten, ob sie dem EU-Verhaltenskodex entspricht, sogar die Wahl der gesamten Kommission zu gefährden. Möglicherweise zieht Barroso sie zurück. Semeta, ein Fachmann ohne Zweifel, trat auf als ängstliches Bündel, kaum zu irgendeiner klaren Position oder politischer Vision bereit - nicht wie einer, der als energischer Betrugsbekämpfer agieren wird.

Was ist also Hahns Chance, was sein Risiko?

Seine Chance besteht darin, dass er als Neuling auf EU-Ebene bei den Abgeordneten einen gewissen Bonus hat. Wenn er etwa in Einzelfragen zugibt, dass er mit etwas noch nicht vertraut ist, wird ihm das niemand übel nehmen. Sofern er glaubwürdig ist, sofern die Gesamtperformance stimmt, sofern auch das Einräumen einer Schwäche authentisch ist. Dafür haben EU-Mandatare ein feines Gespür.

Was sie hingegen überhaupt nicht leiden können ist, wenn jemand ihnen das Gefühl gibt, er nehme sie nicht ganz ernst, er könne es sich leisten, sich um die Fragen billig herumzuschummeln, wie Jeleva. In solchen Situationen kann ein Ausschuss gefährlich werden, wenn dann mehrere Abgeordnete sich an dem Kandidaten festsaugen. Diesbezüglich besteht bei Hahn ein gewisses Risiko. Er wirkt rasch überheblich, redet herum.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 30
1 2
See Tal
01
14.1.2010, 18:26
Erinnert mich mit Grauen

irgendwie an G. W. Bush, damals, bei seinen ersten Auftritten im ersten Präsidentschaftswahlkampf. Ist wohl weniger wichtig aber tendenziell ähnlich: Selbstbewusstsein im umgekehrten Verhältnis zur Kompetenz.

Aus Kenner
31
14.1.2010, 11:05
Deutsche Sprache - schwere Sprache

War mir schon immer bewusst, dass der Standard an vorderster Front der innovativen Sprachwissenschaft kaempft - aber woher kommt bitte das Wort "Auskenner" - nicht mal die Uebersetzung gelingt "Know-hower"?

Qualitaetszeitung in Oe - Mangelware!

eine kleine dezime
13
14.1.2010, 11:21

Ehrlich: Ich beurteile die Qualität einer Zeitung nicht danach, ob alle verwendeten Wörter im Duden vorkommen. Eine Arte substantiviertes Verb halt, versteht doch jedeR.

Aus Kenner
20
14.1.2010, 12:03
dar war ich wohl zu subtil

Nicht nur ist das Wort Auskenner kein Wort unserer Sprach, nein auch der damit vermittelte Inhalt ist inhaltlich falsch. Das Niveau der MEPs als Experten in ihren "Spezialgebieten" ist direkt proportional zum Niveau der Hahn'schen Dissertation und seinem Expertenwissen im Bereich EU-Politik.
Herr Mayer ist eben auch einer dieser "Auskenner".

demontetom
00
14.1.2010, 14:50
aha

der inhalt ist also inhaltlich falsch... sehr schön ausgedrückt.

Aus Kenner
00
14.1.2010, 15:01
sie haben recht

da ist ein Fehler meinerseits

Gott sagt: Nietzsche ist tot
00
14.1.2010, 12:14
Stammtisch-Polemik auf bemühtem Klugsprech-Niveau...

und das mit dem "Auskenner" ist auch ein wenig weit hergeholt.

By the way: "know-hower" ist natürlich lächerlich, "checker" trifft es aber auf den Kopf!

Aus Kenner
00
14.1.2010, 14:45

"checker" bedeuted leider nicht das was man als Experte oder "Auskenner" versteht sonder ist nur peinliches Denglisch ohne aequivalente Bedeutung im Englischen.

Danke fuer den Hinweis auf den Stammtisch - ich bin seit 10 Jahren auf der Suche nach einem solchen in Bruessel; vielleicht haetten Sie ja einen Hinweis fuer mich?

Gschamster Diener, Herr Direktor!
00
14.1.2010, 10:59

Hm, mir graust schon wieder, wenn ich Eva Lichtenbergers (Europäische Grüne) Facebook-Updates so lese:

"Hearing mit Kallas im Verkehrsausschuss: eine Katastrophe - der hat Angst vor der LKW-Lobby, will weiter liberalisieren, denn der freie Markt sei jedenfalls für alle gut, will Biokraftstoffe als Öko-Massnahme (und sonst nix!), will keine Reduktionsziele und gibt zu, dass er sich bei Tiertransporten nicht auskennt."

"Hearing mit Kallas, dem wahrscheinlich zukünftigen Verkehrskommissar - bei den Bodyscannern will er eine Studie über die Gesundheitsauswirkungen abwarten, aber dann eine europaweite Regelung."

"Hearing Kallas im Verkehrsausschuss: [...]"

See Tal
00
14.1.2010, 11:24
Sind Sie vielleicht Frächter?

Gschamster Diener, Herr Direktor!
00
14.1.2010, 12:21

Nein.
Eben darum graust mir ja vermutlich..

Gschamster Diener, Herr Direktor!
01
14.1.2010, 11:02

"[...] Frau Ranner von der ÖVP sieht die wichtige Sicherheitsmassnahme im LKW-Verkehr in Parkplätzen für LKWs.und der Kallas stimmt da natürlich voll zu!"

"Kallas im Hearing im Verkehrsausschuss: Gigaliner mag er zwar persönlich nicht, als PKW-Fahrer, aber vielleicht könnten sie halt doch zur ökologischen Verbesserung im Verkehr beitragen - er verweist auf Experten. meine Meinung- dieser Kommissar ist in der Verkehrsdebatte 30 Jahre hinten!"

"Kallas im Hearing im Verkehrsausschuss: auf meine Frage, die alpinen Verkehrsprobleme betreffend, meint er, dass er meine Bedenken nachvollziehen könne, er sei schließlich auch schon im Stau in den Alpen gestanden. Au weia - wenn der Verkehrspolitik macht, dann bleibt kein Auge trocken!"

frei raum
00
14.1.2010, 10:56

sowas von peinlich! dass so jemand überhaupt in die nähe eines derartigen amtes kommt... eine einzige frechheit! und das hearing eine einzige farce.. man kann das was hahn absondert, sicher irgendwo nachlesen - vermutlich alles wieder nur abgekupfert.

mike sierra
01
14.1.2010, 10:44
in der Sache ziemlich unbeleckt

Jeleva (Scheleva) mag Probleme mit der Transparenz haben, wegen des Golfs von Aden wär sie sicher keine schlechte Kommissarin. Denn selbst wenn man sich recht gut in Geographie auskennt, muss man noch lange nicht den Golf von Aden genau zuordenen können. Wo (ungefähr) welche Länder liegen ist für eine Außenministerin wichtig, aber ein Golf ist eher für Geographen wichtig.

Ohne nachschauen, Herr Mayer:
Wie heißt das südlichste Kap von Afrika?
Wo liegt das Gelbe Meer?
Zwischen welchen 2 Staaten liegt die italienische Insel Lampedusa?

knievel
01
14.1.2010, 10:33

das ist mal ein gelungener insider-artikel.

übrigens, zwischen ihrer 'x' und 'c'-taste klebt ein kaugummi

maxcht aber nix :-)

Franz Klug
40
14.1.2010, 08:26
Öffentlichkeit wo? Herr Mayer wo bleibt der Livestream?

Wo sind die Fernsehübertragungen und Livestreams von dieser Veranstaltung?
Immer jammen über die fehlende Öffentlichkeit und dann zu faul oder zu blöd sein um die wichtigstens Ereignisse für Alle zugänglich zu machen, ja so ist die EU!
Warum organisiert Herr Mayer(Standard) keinen Livestream und der ORF keine Direktübertragung?

See Tal
00
14.1.2010, 11:26
Wie kommen Sie zu so einem Namen ;-)

Thomas Mayer, DER STANDARD
00
14.1.2010, 09:57
Livestream

Gehen Sie auf die Homepage des Europäischen Parlaments, dort finden sie alles, in allen Sprachen, auch den Livestream:

http://europarl.europa.eu

Franz Klug
00
16.1.2010, 19:44
Danke, für den Standard Livestream!

Als ich um 8.00 auf die Homepage des Europaparlaments ging, war da keine Anzeige von einem Livestream. Ich sah auch im Standard noch nicht, dass das gemacht wird! Sie schreiben oben keine Zeile davon, dass am 14. ein Standard Livestream vorgesehen ist!
Freut mich und danke, dass es nun den Livestream gegeben hat.
Nur da hätte man schon mehr Öffentlichkeit machen können, dass man das Live anschauen kann und diese Öffentlichkeitsarbeit ist ein Bringschuld der EU und nicht eine Holschuld der Interessierten.
Auch habe ich nirgends gesehen, dass es auf den öffentlichen Sendern längere Liveberichte gab, für Menschen die eben keine Computerfreak sind!

Ein EU-Fernsehparlamentskanal wäre sinnvoll!

micele transparenti
01
14.1.2010, 09:56
link zum livestream

ist im hauptartikel des standards und steht auch sehr deutlich auf der mainpage, herr KLUG!
nehmen sie sich selber ernst und tuns nicht immer "jammern" und "zu faul und zu blöd sein" sondern zeigens initiative und machens die augen auf!
oder klikens einfach auf
http://www.europarl.europa.eu/hearings/... timeline=3
mit vorzüglicher hochachtung...

Tascehnrechner
03
14.1.2010, 08:18
ohne Assistent oder Einsager ... keine Zeit in Unterlagen zu schauen

... eher schwer für Dissertationskopierer ...

frisch gewaschen
00
14.1.2010, 07:41

bin schon sehr gespannt - wie ein Pfitschi-Pfeil

Und ich hoffe, das der Pfeil auch trifft

shaki1
00
14.1.2010, 03:09
Die Benita wird ihm schon gute Tipps gegeben haben


Also Daumen halten, daß er eine ordentliche Brezn reißt!

"Das Ende der" (vermeintlich) "Großen. Zurück zum menschlichen Maß". Leopold Kohr.

Hofmarschall
00
14.1.2010, 01:09
Hoffentlich baut er beim Hearing keinen Mist, denn sonst ....

bleibt er Forschungsminster ......

Gott-schütze-Ö.!

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