Interview mit Ute-Bock-Preisträger Elias Bierdel

"Was jetzt im Burgenland passiert, tut mir weh"

13. Jänner 2010 20:44
  • Artikelbild
    Foto: standard/andy urban

    Elias Bierde: Mein Gefühl der Sicherheit ist nicht zufriedengestellt, wenn vor meiner Haustür Burschen mit Kriegswaffen herumtorkeln

Elias Bierdel: Ich finde es etwa unglaublich, dass im Burgenland als einziger Region in der EU zur Abwehr von Flüchtlingen das Militär auf den Straßen patrouilliert

Am Freitag wird Elias Bierdel, der vor Gericht stand, weil er Flüchtlinge aus dem Meer rettete, der Ute-Bock-Preis verliehen. Mit Irene Brickner sprach der Wahlburgenländer über Eberau und die EU-Grenzabschottung. 

Standard: Sie sind Deutscher und wurden bekannt, weil Sie mit dem Schiff "Cap Anamur" Bootsflüchtlinge aus dem Mittelmeer fischten und dafür der Schlepperei bezichtigt wurden. Seit einem Jahr leben Sie im burgenländischen Pinkafeld. Was sagen Sie zur Diskussion um das Erstaufnahmezentrum Eberau?

Bierdel: Zwar fühle ich mich als Deutscher nicht berufen, in Österreich auf etwas mit dem Finger zu weisen - zumal manche der üblen Dinge, die hier jetzt eingeführt wurden, in Deutschland schon existieren, etwa Gebietsbeschränkungen für Asylwerber. Aber was jetzt im Burgenland passiert, tut mir weh. Hier versucht man - wie in ganz Europa - den Losungen der Rechten entgegenzutreten, indem man sie übernimmt.

Standard: Wie zeigt sich das?

Bierdel: Etwa darin, dass ein sogenannter Experte bei einer Informationsveranstaltung der Landesregierung über das geplante Asylzentrum die Anwesenden warnte, aufgrund des Erstaufnahmezentrums würden vermehrt Ausländer auf den Straßen zu sehen sein. Da wundert es mich nicht, dass jetzt in Österreich über Internierungspläne diskutiert wird, die leider schon in vielen anderen EU-Staaten existieren und übrigens da wie dort ein Zeichen intellektueller und moralischer Verkommenheit sind, weil die Einsperrung Menschen trifft, die in Europa Schutz und Hilfe suchen.

Standard: Was schmerzt Sie am österreichischen Umgang mit Flüchtlingen?

Bierdel: Ich finde es etwa unglaublich, dass im Burgenland als einziger Region in der EU zur Abwehr von Flüchtlingen das Militär auf den Straßen patrouilliert. Wer das für einen Fortschritt hält, dem kann ich nur sagen: viel Spaß - und orientieren Sie sich weiter an Afghanistan und Nordkorea.

Standard: Der Assistenzeinsatz des Bundesheeres soll das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung verbessern. Passt da so ein Vergleich?

Bierdel: Doch, denn in einer Demokratie gibt es für Aufgaben der inneren Sicherheit nicht zufällig die Polizei. Mein Gefühl der Sicherheit ist nicht zufriedengestellt, wenn vor meiner Haustür Burschen mit Kriegswaffen herumtorkeln. Ich bin in Westberlin direkt an der Mauer aufgewachsen. Soldatenpatrouillen in Friedenszeiten finde ich nicht normal.

Standard: Das Burgenland liegt in der EU, die EU schottet sich ab. Wo liegt der Zusammenhang zwischen Eberau und der EU-Flüchtlingsabwehrpolitik mit jährlich geschätzten 4000 Toten im Mittelmeer?

Bierdel: Es ist derselbe Ungeist. Auch die EU als Ganze hat das heikle Feld der Zuwanderungskontrolle in die Hand von Militärs und Paramilitärs gelegt: in Gestalt der EU-Agentur Frontex, die für den Schutz der Außengrenzen zuständig ist und das Geschehen an den Grenzen allein unter den Aspekten der Bedrohung und Absicherung betrachtet.

Standard: Was geschieht an diesen Grenzen?

Bierdel: Es herrscht Brutalität, im Osten wie im Süden. Diese besteht aus systematisch unterlassener Hilfeleistung, im Herauszerren von Flüchtlingen aus Booten, dem Wegreißen der Kleidung, dem Unterwassertauchen der Köpfe, in Scheinhinrichtungen: für die griechische Küstenwache haben wir das hundertfach dokumentiert. Am Fluss Evros, wo der europäische Teil der Türkei an Griechenland und Bulgarien stößt, liegen auf einer Länge von 42 Kilometern 1,5 Millionen Landminen. Dort gab es in den letzten fünf Jahren rund 300 Tote - und fast niemand weiß es, weil die Medien darüber nicht berichten: ein höchst unheimliches Schweigen.

Standard: Kann man es brechen?

Bierdel: Ja, durch systematische Recherche, wie es der von mir mitgegründete Verein Borderline Europe tut. Ich verstehe, dass die Politik diesen Teil der Folgen einer wahnhaften Abschottung nicht gerne diskutiert haben möchte, weil die Politik nicht wirklich Lösungen dafür hat. Aber Journalisten und Medien müssen diesen Themen mehr Raum einräumen, denn der Umgang mit den Flüchtlingen ist das entscheidende Menschenrechtsthema in Europa

Standard: Borderline ist auch die Bezeichnung einer psychischen Störung zwischen Neurose und Wahn. Der Name des Vereins ist kein Zufall, nehme ich an?

Bierdel: Richtig, das ist beabsichtigt. Wer am Borderlinesyndrom leidet, kann eigene Widersprüche nicht mehr überbrücken und wird aggressiv. In Europa spitzen sich die Widersprüche zwischen der Menschenrechtsrhetorik und dem, was tatsächlich passiert, immer mehr zu. Die Zeche zahlen die Flüchtlinge. (DER STANDARD, Printausgabe 14.1.2010)

 

Zur Person: Elias Bierdel (49), war ARD-Korrespondent für den Balkan - Österreich inklusive -, bevor er die Flüchtlingspolitik an den EU-Außengrenzen zu seinem Arbeitsschwerpunkt machte. Am 12. Juni 2004 wurden er und die Besatzung des Schiffs "Cap Anamur" festgenommen, weil sie 37 gerettete Bootsflüchtlinge mit an Bord hatten. Der Prozess wegen Schlepperei endete am 7. Oktober 2009 mit einem Freispruch, ob der Staatsanwalt in Revision geht, wird sich wohl bis April 2010 entschieden haben. Die 37 Geretteten wurden allesamt abgeschoben.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 59
1 2
Tishbi
14.01.2010 16:14
Abwehr?

Wieso ist denn hier von "Abwehr von Flüchtlingen" die rede? Darum geht es doch beim Assistenzeinsatz an den Grenzen gar nicht, sondern einfach nur darum Flüchtlinge die illegal die Grenze passieren, abgefangen werden. Sie werden ja trotzdem aufgenommen und können Asyl beantragen, was sie auch bekommen, wenn es ihnen zusteht. Es wird aber kein einziger Flüchtling "abgewehrt", aber ich glaube Herr Bierde weiß das auch, er versteht es nur ganz einfach bewusst falsch um unkonstruktive kritik anbringen zu können...

Mirabeau
17.01.2010 12:19
Das stimmt so nicht.

Flüchtlinge, die illegal die Grenze passieren und von Soldaten angehalten werden, werden NICHT aufgenommen und können KEIN Asyl beantragen.
Sie werden gemäß Dublin Übereinkunft wieder in das EU Land zurückgeschoben, von wo aus sie über die grüne Grenze gekommen sind. Nur wenn nicht mehr zweifelsfrei festgestellt werden kann, von welchem EU Land aus sie die Österreichische Grenze passiert haben, werden sie hier aufgenommen. Deshalb stehen die Soldaten an der Grenze.
Warum keine Polizisten an der Grenze stehen, hat einen ganz banalen Grund:
Grundwehrdiener sind de Facto rechtlose Sklaven und daher viel, viel, viel, viel billiger als Beamte, die ein Gehalt, Urlaubs- und Pensionsansprüche haben.

Henry Flower
14.01.2010 16:55
sondern einfach nur darum Flüchtlinge die illegal die Grenze passieren, abgefangen werden.

bergreifen sie, dass das verfassungsmässig / grundrechtlich keine militärische aufgabe ist?

Ernst Kratochwil
15.01.2010 12:35
Das Bundesheer hat nicht nur militärische Aufgaben zu

erfüllen. Katastrofeneinsatz ist auch kein militärischer Einsatz.

Abgesehen davon ist die Verfassung kein von Gott gegebenes Gesetz an das sich der Staat halten muß, sondern ein Grundgesetz dass vom Volk (dem Staat) gestaltet werden kann.


Henry Flower
15.01.2010 15:05
mir ist nicht bekannt,

dass das bundesheer bei einem hochwasser bewaffnet ausrückt.

Ernst Kratochwil
15.01.2010 15:10
Ja

und?
Einsatz der Mittel, die notwendig sind - und wo ist das Problem?

cannery row
14.01.2010 16:01
herumtorkeln..

wieso torkeln die soldaten? sind die betrunken im dienst??

Kevin Pospisil
15.01.2010 11:23

Vielleicht schwankt auch nur Hr. Bierdel.

Kevin Pospisil
14.01.2010 13:36

Den Ute Bock-Pokal hat sich so einer wirklich redlich verdient.

mayall
14.01.2010 12:17
Edel

sei der Mensch, hilfreich und gut.

Otto Schittenhelm
14.01.2010 11:55
Es ist alles eine Frage der Verhältnismässigkeit

Wenn 100 Mio Passagiere weltweit sich wegen 3 Terroranschlägen pro Jahr beim Besteigen des Flugzeugs bis auf die Haut durchscannen lassen müssen, dann werden eben die Asylwerber wegen 20% der verbrecherischen Asylanten sich 30 Tage in einem modernen Aufenthaltskomplex (Unterkunft, Einkaufsmöglichkeiten, Freizaitgestaltung, Kinderbetreuung, etc) "kasernieren" lassen müssen.
Wie der Bericht sagt, ist das in vielen Ländern bereits USUS!
Ausserdem ist damit der schnelle Zugriff für Rückfragen etc. gewährleistet und dann sollte die Zeit noch viel kürzer sein.
Würden nicht 80% der Asylwerber falsche Angaben machen brauchten wir gar keine Kontrollen.

R.U.GAY
14.01.2010 10:19
Wunderbar die Gedanken, die man hier so liest.

Jeder, welcher Kritik übt, hat sein Daseinsrecht verloren. Eine wahrhaft demokratische Geisteshaltung!

knievel
14.01.2010 09:32

"Mein Gefühl der Sicherheit ist nicht zufriedengestellt, wenn vor meiner Haustür Burschen mit Kriegswaffen herumtorkeln."

wenn man sich in der region umhört werden ihnen allerdings ~90% genau das gegenteil sagen...
und das diffamierende 'herumtorkeln' hätt sich der gute mann gleich mal ganz sparen können, wer sowas notwendig hat darf sich nicht wundern wenn seine gesamte meinung nicht mehr ernstgenommen wird...

Atlas Shrugged
 
14.01.2010 13:27

dann schaun sie sich mal in Ruhe und unvoreingenommen das Video an :) Nichts gegen den jungen Mann - in einem Bereich, der seinen Fähigkeiten entspricht, wäre er sicher ein ausgezeichneter und verlässlicher Mitarbeiter. Aber mit einem Sturmgewehr, mit dem man ohne weiteres durch 5 Menschen durchschießen kann, will ich ihn nicht in meiner Nähe haben.

Atlas Shrugged
 
14.01.2010 13:29

peinlich :) ich sollt mich gleich neben ihm hinstellen - hier der Link - http://www.youtube.com/watch?v=p3Sk8jDSwo8

Henry Flower
14.01.2010 14:10
wenn der nur so langsam schiesst,

wie er zusammenhängende sätze basteln kann, ist alles OK.

snotty
14.01.2010 06:13
nicht hilfreich

ist, wenn BEIDE seiten lügen wie gedruckt weil's ihnen in den kram passt.
sehr viele, wenn nicht die meisten, "flüchtlinge" kommen aus wirtschaftlichen gründen, wer so unehrlich ist, das unter den tisch fallen zu lassen hilft der sache nicht.

barbarutta
14.01.2010 17:43

wirtschaftliche gründe? sie sind armutsflüchtlinge.

Johann Treitinger
14.01.2010 09:42

Auch Armut, Elend, Perspektivenlosigkeit sind oft gute Gründe zu fliehen.

gigngogn
14.01.2010 12:03
Aber kein Grund alle hier aufzunehmen, geschätzte 95% der Menschheit sind ärmer als der durchschnittliche Österreicher!

Helmut Fürst
14.01.2010 16:29
Leider darf man die stereotypen Fluchtgründe aus den Protokollen nicht veröffentlichen ...

Hätten diese 'Flüchtlinge' ihre Fluchtgründe in Ungarn, wäre es tatsächlich fies das Bundesheer gegen sie aufzubieten ... aber diese Flüchtlinge zahlen ca. 3000,- bis 6000,- Euro oder Dollar um sich teilweise von sehr weit her nach Österreich schleppen zu lassen ... durchqueren viele Länder (bitte mal auf die Landkarte sehen), um dann gerade in Österreich das Zauberwort 'Asyl' zu sagen ... warum wohl? (Fortsetzung folgt..)

Humtata
14.01.2010 10:16
..

Aber nicht unter dem Deckmantel Asyl!!!

moejoe187
14.01.2010 12:23
und was dann?

Urlaub?

Humtata
14.01.2010 13:42
Asylgründe sind:

1.) politische, religiöse, rassische Verfolgung
2.) Menschenrechtsverstöße (Bedrohung vor Folter, unmenschlicher Behandlung, Tod).

Armut, Elend, Perspektivenlosigkeit sind zwar nachvollziehbare Gründe zu fliehen, aber KEINE Asylgründe. Es steht jedem Menschen frei, seine "Zelte" in einem anderen Land aufzuschlagen, er hat dann allerdings keinen Anspruch auf jene sozialen Leistungen, die ausschließlich (!) Asylwerbern vorbehalten sind und bleiben müssen. Dann muss der wirtschaftlich Geflohene allerdings selbst für seinen Lebensunterhalt aufkommen.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie es akzeptieren würden, wenn "Fremd-Sein" genügt, um das "Geschenk" ihres Sozialbeitrags zu erhalten, ohne tatsächlich bedürftig zu sein.

Spitting Bull
14.01.2010 12:08
Ach so. Na dann.

Unter welchem Titel denn sonst? Bitte erleuchten Sie uns!

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 59
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.