In Wien geborene Miep Gies rettete mit den Tagebüchern einen "der wichtigsten Texte des 20. Jahrhunderts"
Amsterdam - Miep Gies, die aus Wien stammende Helferin des jüdischen Mädchens Anne Frank,
ist im Alter von 100 Jahren in den Niederlanden gestorben. Gies hatte das
weltweit bekanntgewordene Tagebuch des Holocaust-Opfers über den Aufenthalt
ihrer Familie im Amsterdamer Versteck gerettet. Die Franks waren verraten
worden, Anne starb kurz vor Kriegsende 1945 15-jährig im Konzentrationslager
Bergen-Belsen. Annes Vater Otto hatte nach dem Krieg das Tagebuch
veröffentlicht.
Miep Gies wurde am 15. Februar 1909 in Wien als Hermine Santrouschitz
geboren. Sie wuchs in armen Verhältnissen auf, weshalb sie im Rahmen eines
Projektes zur Unterstützung unterernährter Kinder 1920 von ihren Eltern ins
holländische Leiden geschickt und von ihrer dortigen Gastfamilie liebevoll
aufgenommen wurde. Dort erhielt sie auch ihren Spitznamen "Miep".
Im Jahr 1922 zog sie mit ihrer Gastfamilie nach Amsterdam. 1933 wurde sie
Sekretärin von Annes Vater, dem Geschäftsmann Otto Frank. Es entwickelte sich
eine gute Freundschaft zu Otto Frank, seiner Frau Edith sowie den Töchtern Anne
und Margot. 2009 wurde Gies anlässlich ihres 100. Geburtstages mit dem Großen
Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet, schon
davor hatte die couragierte Frau zahlreiche Ehrungen bekommen.
Das Königreich der Niederlande wurde 1940 von deutschen Truppen besetzt. Gies
war eine Gegnerin der Politik Adolf Hitlers und weigerte sich, Mitglied einer
holländischen Nazi-Partei für Frauen zu werden. Deswegen wurde ihr
österreichischer Personalausweis für ungültig erklärt und sie aufgefordert, nach
Österreich zurückzugehen. Sie bemühte sich nun um die Ehe mit einem Holländer -
ihre einzige Chance, als niederländische Staatsbürgerin im Lande zu bleiben -
und heiratete Jan Gies im Juli 1941.
Hilfe beim Untertauchen
Als die Gefahr für die jüdische Bevölkerung auch in den Niederlanden zunahm,
informierte Otto Frank Miep Gies über seine Pläne, mit der gesamten Familie
unterzutauchen. Trotz der Gefahr, die auch für sie dadurch entstand, sagte sie
ihm sofort ihre Hilfe zu. Am 5. Juli 1942 erhielt Margot Frank die Aufforderung,
sich in einem Arbeitslager zu melden.
Otto Frank versteckte sich und seine Familie im Hinterhaus in der
Prinsengracht 263, begleitet wurden sie von Miep Gies. Später stießen noch die
Familie van Pels und Gies' Zahnarzt Fritz Pfeffer dazu. In den folgenden zwei
Jahren half Miep Gies gemeinsam mit drei weiteren Helfenden den Familien Frank
und van Pels sowie Fritz Pfeffer mit Lebensmitteln und Zeitungen, aber auch mit
freundschaftlicher Zuneigung und Ermutigung.
Am 4. August 1944 wurden die Versteckten entdeckt und verhaftet. Miep Gies
war ebenfalls anwesend, konnte aber einer Bestrafung dadurch entkommen, dass sie
wie auch der Kommissar Karl Josef Silberbauer aus Wien stammte. Es war Zufall,
dass der SS-Mann, der die Verhaftung der Franks überwachte, Österreicher war.
Doch dieser Zufall dürfte geholfen haben, Anne Franks Tagebuch zu retten. "Sie
war so ein nettes Ding", sagte Silberbauer nach dem Krieg Ermittlern zur
Begründung dafür, dass er die junge Frau mit dem Wiener Dialekt, die er damals
im Vorderhaus des Verstecks antraf, nicht weiter verhörte, sondern laufen ließ.
Bestechungsversuch
Einen späteren Bestechungsversuch wies der Polizist jedoch zurück, da er
"nicht in der Position" sei, "dies entscheiden zu dürfen". Miep Gies betrat noch
am Nachmittag nach der Verhaftung das Hinterhaus und rettete die übrig
gebliebenen persönlichen Gegenstände der deportierten Familien, unter anderem
auch die Tagebuchaufzeichnungen von Anne Frank. Diese übergab sie 1945 Otto
Frank, der als einziger nach Amsterdam zurückkehrte.
Miep Gies lebte zuletzt in guter geistiger Verfassung in der Provinz
Friesland. Sie war die letzte noch lebende Helferin, die Anne Frank persönlich
kannte. Eine besondere Aufmerksamkeit empfand sie aber als unangebracht. "Ich
war keine Heldin", sagte sie oft, wenn Menschen die Tapferkeit bewunderten, mit
der sie einst die untergetauchte jüdische Familie Frank bei ständiger
Lebensgefahr versorgte. "Mitmenschen in Not zu helfen, ist keine Frage des
Mutes, sondern eine Wahl, die jeder Mensch in seinem Leben einmal treffen muss
als Unterschied zwischen dem Guten und dem Bösen."
"Mit ihr ist die letzte Zeugin der Geschehnisse in dem Hinterhaus-Versteck
von uns gegangen", sagte die Leiterin des Anne-Frank-Museums, Teresien da Silva.
Fast bis zuletzt habe sie noch jeden Tag Briefe aus aller Welt gelesen und
Fragen über ihre Beziehung zu Anne Frank, deren Eltern und Freunde sowie ihre
Rolle als Helferin beantwortet. Miep Gies hinterlässt einen Sohn, eine
Schwiegertochter und drei Enkelkinder.
Kondolenzbuch
Im Anne-Frank-Museum wurde ein Kondolenzbuch aufgelegt. Der S. Fischer Verlag
in Deutschland äußerte seine Trauer "um diesen außergewöhnlichen Menschen". Miep
Gies habe Leben bewahrt und ihr eigenes Leben riskiert - "und einen der
wichtigsten Texte des Zwanzigsten Jahrhunderts für uns gerettet", hieß es. Im S.
Fischer Verlag sind Anne Franks Tagebuch und Miep Gies' Erinnerungsband "Meine
Zeit mit Anne Frank" erschienen. Es handle sich um "zwei Dokumente des gleichen
Schreckens und der gemeinsamen Hoffnung", erklärte der Verlag. (red/APA)