Trippelschritte zur Finanzhygiene

11. Jänner 2010 18:37

Notenbank-Bereinigung und Aufstockung der Staatsanwaltschaft reichen nicht aus

Die Regierung zieht langsam die Lehren aus den Finanzskandalen der Republik. Höchste Zeit auch: Bawag, Anlegerskandale wie Immofinanz oder Meinl und zuletzt das Debakel der Hypo Alpe Adria haben nicht nur den Ruf des Finanzplatzes Österreich massiv beschädigt. Sie offenbarten auch die Schwachstellen der Aufsicht und der Justiz. Was noch schwerer wiegt: In der Bevölkerung macht sich das Gefühl der Ohnmacht breit, das von der schleppenden Aufarbeitung der Affären verursacht wird - Bawag ausgenommen.

Nach mehr als einem Jahr im Amt geht Finanzminister Josef Pröll nun zwei Bereiche an: Die Notenbank soll gänzlich verstaatlicht, die Staatsanwaltschaft aufgestockt werden. Richtige, wenn auch Trippelschritte, wenn Österreich nicht gänzlich zur Bananenrepublik verkommen will.

Zuerst zur Nationalbank: Dass Banken, Versicherungen und diverse Interessenvertretungen im Generalrat des Instituts sitzen, stellte seit jeher einen Konstruktionsfehler dar. Zwar existiert formal ein Riegel, der verhindert, dass der Generalrat bei Fragen der Bankenaufsicht mitredet, doch die Realverfassung sieht wie so oft in Österreich anders aus.

Nimmt Pröll schon die Notenbank zur Brust, könnte er das gleich mit vollem Schwung tun. Wenn Banken und Interessenvertretungen in der OeNB "nichts mehr verloren" haben, sollte das genauso für den traditionellen Proporz unter den einstigen Währungshütern gelten. Rot-Schwarz schnapsen sich seit Jahrzehnten nicht nur die Posten in Generalrat und Direktorium aus, die Farbenlehre bestimmt die Besetzungen bis in die untersten Führungsebenen. Kein Wunder, dass Minister und andere Würdenträger regelmäßig auf den Fundus des Otto-Wagner-Platzes zurückgreifen, wenn sich dort Kompetenz und das richtige Parteibuch paaren. Bei der Finanzmarktaufsicht sieht das Proporz-Bild nicht viel anders aus.

Auch mit der Aufstockung der Staatsanwaltschaft um 35 Personen erfüllt Pröll vorerst nur das Minimum. Die Einsparungen bei der Justiz - gegen die karrierebewusste Neo-Ministerin leicht durchzusetzen - erweisen sich zunehmend als Schuss ins Knie. Wenn man sich die Realität in den komplexen Wirtschaftsdelikten vor Augen führt, wirken die Arbeitsbedingungen schon fast wie ein Hohn. Während die Beschuldigten mit Gutachtern, Staranwälten und jeder Menge Verfahrenstricks auffahren, erdrücken meterhohe Aktenstapel die Anklagebehörde, die oft einen Staatsanwalt auf mehrere Fälle aufteilen muss.

Allerdings: Personalaufstockungen bringen noch keine Steigerung der Justizhygiene. Vergessene Akten und exkulpierte Landeshauptleute spiegeln nicht gerade ein Bild von Kompetenz und Unabhängigkeit wider. Und wenn in zentralen Causen erst nach zweijähriger Schrecksekunde Hausdurchsuchungen erfolgen, kann das nicht einfach nur mit Arbeitsüberlastung erklärt werden.

Freunderl- und Parteibuchwirtschaft sowie wechselseitige Abhängigkeiten zwischen Politik und Wirtschaft prägen das Land. Solange sich die Koalition weigert, Parteispenden - insbesondere aus Industrie und Finanz - offenzulegen und Postenschacher in Behörden und Justiz zu beenden, fehlt der Glaube an eine effizientere Überwachung und Verfolgung von Wirtschaftsdelikten.(DER STANDARD; Print-Ausgabe, 12.1.2010)

 

Kommentar posten
19 Postings
The_long_Walk
14.01.2010 22:12

ausgezeichneter Artikel, danke!!

go4wards
12.01.2010 12:14
Management bei Banken am Prüfstand

oder auf gut deutsch , weniger selbstherrliche Psychopathen ...

http://global4wards.blogspot.com/2010/01/s... ieder.html


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PickaBall
 
12.01.2010 11:52
Die Kommunen und Cross Border Leasing (1)


Das Volumen der österreichischen Cross Border Leasing Geschäfte (CBL) wird auf 10 Mrd. Euro geschätzt.

US-Trusts pachten für 100 Jahre öffentliche Einrichtungen (Heizkraftwerke, Straßenbahnen,…) und vermieten diese an die Kommunen zurück.

Die US-Trusts zahlen diese Pacht im voraus (natürlich zu 85% finanziert), aber nicht an die Kommunen, sondern an eine US-Depot-Bank (AIG, FreddieMac), welche daraus die Miet- und Rückkaufszahlungen an die Trusts tätigen.

PickaBall
 
12.01.2010 11:51
Die Kommunen und Cross Border Leasing (2)


Die Kommunen erhalten den steuerlichen Barwertvorteil (7% vom Volumen) ausbezahlt.

Die Kommunen haben die Leasingobjekte in gutem Zustand zu halten. (jährlicher Nachweis)

Die Kommunen dürfen keine Veränderung am Leasingobjekt vornehmen, da sonst Schadensersatzforderungen drohen.

Die Kommunen haften für entgangene Gewinne der Trusts, wenn die US-Steuergesetze dieses Modell verbieten - ist schon geschehen. (Gerichtsstand USA)

Die Kommunen haften, wenn die Depot-Banken pleitegehen - fast geschehen.

Offensichtlich hat keine der Kommunen diese 1000-seitigen Verträge (in Englisch) rechtlich prüfen lassen, denn dann hätte jemand diese Schnapsidee verhindert.

Angesichts dieses Desasters drängt sich fast der simple Schluss auf - weniger Po

PickaBall
 
12.01.2010 11:57
Angesichts dieses Desasters drängt sich fast der simple Schluss auf - weniger Politiker - weniger Schaden.

Alkolix
12.01.2010 13:17
naja

sie dürfen aber nicht vergesse von wem die kommunen da über den tisch gezogen wurden

selbst sind sie sicher nicht auf diese schnappsidee gekomen

Dilbert
12.01.2010 10:13

Jetzt muss Pröll nur mehr seine Parteifreunde überzeugen.

Sidlo
12.01.2010 09:36
Ein kleiner Schritt in die richtige Richtung!

Mario Rehulka
12.01.2010 02:47
Eine funktionierende Finanzmarktaufsicht wäre hilfreich.

Die jetzige hat seit ihrer Existenz absolut keinen der Finanzskandale aufgedeckt. Die scheinen sich eher auf Nebenschauplätzen zu bewegen, siehe z.B. die Schliesslung von bankless - life PUNKT at.

Toni Meister
12.01.2010 09:45
Absicht

Dass aus hinterlistigen Gründen die FMA absichtlich brustschwach konzipiert wurde könnten Sie aber schon erwähnen, s.g. Herr Mario Rehulka. Und wer der geistige Vater dieser unwirksamen Konzeption ist, noch dazu.

lobo marunga
12.01.2010 10:36

war das nicht dieser heimseiten typ?

Bergdolm
11.01.2010 21:38
Die Kosten für fehlende Staatsanwälte und Richter

könnte man sich locker von den verbrecherischen "Leistungsträgern" holen, wenn man diese Gauner verurteilte und entsprechende Gefängnis- und Geldstrafen verhängte. Und vor allem Schadenersatz forderte!

Aber alleine, da fehlt der "politische Wille".
Und das ist klar: Da stecken einige Politiker ganz tief persönlich mit drinnen, und Parteispenden tun ihr Übriges.

die dunkle seite der nacht
12.01.2010 11:49
man denke nur an die

okkasions-pressekonferenzen von den rumpolds oder die diskont homepage für den schönsten finanzminister aller zeiten der das beraterhonorar für den trauzeugen des schönsten finanzministers aller zeiten, oder den patriotenrabatt des karinthischen steuerberaters

oje, oje, wenn man da überall die ergaunerten millionen zurückhaben wollte......

Grantler
11.01.2010 21:08
Wirklich nur ein Trippelschritt

Das Finanzministerium hatte schon bisher im Vergleich zu Banken, Versicherungen etc. das große Sagen in der Notenbank.

Und dass mit dem Proporzsystem jetzt aufgeräumt werden wird, ist derzeit nur ein frommer Wunsch. Man traut's der jetzigen Regierung nicht wirklich zu.

Aber hoffen darf man ja.

dermartino
11.01.2010 20:36

Danke!

Extrem wichtiger Beitrag, den ich vollinhaltlich unterstütze

Meerwelle
11.01.2010 19:09

Danke ein guter Beitrag.
Ich bin mir nicht sicher, ob sich die Politiker überhaupt bewußt sind, welche Bedeutung der immer größer werdende Vertrauensverlust weiter Bevölkerungsteile hat.
Das ist einfach nicht gut für einen Staat - kann einfach nicht gut sein.

itavalda
12.01.2010 10:47

Nicht nur Vertrauensverlust,
Haben Sie die ntv Nachrichten über dieHypo gesehen ?
Die Deutsche Medien geben infos zu dem Fall da kommt man sich in Österreich vor als säße man noch in der DDR ?
Vom Schaden für die Reputation des Bankplatzes Österreich ganz abgesehen.

Walter Kaiser
 
12.01.2010 07:23
Auf jedenfall bewirkt es Steuerflucht.

Wenn das Steuergeld in den Augen der Steuerzahler nicht sinnvoll verwendet wird, dann wird vermehrt hinterzogen.

die dunkle seite der nacht
12.01.2010 11:54
aber die Pfuscher werden doch eh verfolgt.

DORT wird ja die Jagdgesellschaft aufgestockt. Weil wenn sich ein Arbeiter ein paar Euros zu seinem Hungerlohn dazuverdienen möchte, ist doch klar dass da mit der vollen Härte des Gesetzes dagegen vorzugehen ist.
Nur wenn der Meischi vom Karlheinz ein fettes Beraterhonorar zugewiessen kriegt (SWDUV), und das zu versteuern vergisst dann wird weggesehen.


(SWDUV....selbstverständlich wird die Unschuldsvermutung vorausgesetzt)

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