Amors messerscharfe Pfeile

Harnoncourt mit Händel und Purcell

Wien - Während der entscheidenden Szene in Henry Purcells Dido and Aeneas stehen sich die Königin von Karthago und der Held aus Troja in einer verfahrenen, paradoxen Situation gegenüber: Er möchte seinen Entschluss, die Geliebte zu verlassen, rückgängig machen, als er ihren Schmerz erfasst. Doch sie will nichts mehr davon wissen, denn allein durch seinen Gedanken an die Trennung fühlt sie sich tödlich verletzt.

So wechselvoll wie dieser Dialog kommt die Musik der ganzen Miniaturoper daher, die trotz ihrer Kürze an Tragik und Emotion kaum zu überbieten ist. Es wäre wohl niemand berufener, die Dramaturgie solcher Kontraste aufzuzeigen, als Nikolaus Harnoncourt.

Im Musikverein ließ er schon in der Ouvertüre das Zerstörungswerk erahnen, mit dem die Hexen rund um ihre skurrile Anführerin (Wolfgang Holzmair) das Liebespaar - hier: die herzzerreißende Bernarda Fink und den markigen Gerald Finley - auseinanderintrigieren werden. Und mit aller Wucht legte Harnoncourt mit dem Concentus Musicus und dem exzellenten Arnold Schoenberg Chor die Ausdruckskraft noch der mikroskopischsten Details frei.

Er zeigte etwa, dass direkt nebeneinander liegende Dur-Moll-Varianten, die quer zu allen späteren Kompositionsregeln stehen, gerade deshalb noch immer eine ungeheure Sprengkraft besitzen.

Zauberhafte Zartheit

Ganz auf den Kampf um die Liebe konzentriert ist auch Georg Friedrich Händels zuvor gegebene Kantate Apollo e Dafne, bei der die mythologische Handlung - im Grunde ähnlich wie bei Purcell - nur als Folie für zeitlose amouröse Verstrickungen dient. Trotz liebevoller szenischer Andeutungen in beiden Werken war auch hier die musikalische Dramatik suggestiver, als es eine Bebilderung je sein könnte.

So ließ das Orchester Amors Pfeile fliegen und mit aller Schärfe treffen - und sorgte nicht zuletzt auch für jenen Hauch von Schönheit, der die Nymphe umgibt. Während Gerald Finley dem liebeskranken Apoll glaubhaft Kontur verlieh, war Sophie Karthäuser eine Daphne von zauberhafter Zartheit. (Daniel Ender, DER STANDARD/Printausgabe, 12.01.2010)

Hinweis:
Ö1-Sendung: 7. 2., 19.30

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