Herta Müller

"Ich leide nicht an Verfolgungswahn"

11. Jänner 2010, 17:37
  • Artikelbild
    foto: peter peitsch

    "Die rumänische Intelligenzija ist an der Aufarbeitung der Diktatur und an einer Beobachtung des reinstallierten alten Apparats leider nicht interessiert": Herta Müller.

Die Literatur-Nobelpreisträgerin über demokratische Entwicklungen in Rumänien, Seilschaften, Korruption und alte Kader in neuen Positionen

Wien - Vergangenen Dezember nahm die in Rumänien geborene Herta Müller in Stockholm den Literaturnobelpreis entgegen. Verliehen wurde ihr der Preis für "großen Mut" beim Widerstand gegen die Diktatur und, wie es Jury-Sprecher Anders Olsson ausdrückte, für die "sprachliche Energie" ihrer Prosa, "die uns von Beginn an mit einbezieht. Es steht etwas auf dem Spiel, bei dem es um Leben und Tod geht." Die Preisvergabe wurde in Rumänien heftig diskutiert, Radu Tinu, der frühere stellvertretende Securitate-Chef von Temeschwar, warf der Autorin vor, sie leide unter einer Psychose. Morgen liest Müller in Graz aus ihrem neuen Roman Atemschaukel, der die Geschichte eines jungen Rumänien-Deutschen erzählt, der 1945 in ein russisches Arbeitslager deportiert wird.

Standard: Der berüchtigte Geheimdienst Ceausescus, die Securitate, hat sich nicht aufgelöst, sondern nur umbenannt. Wie begründen Sie diese These?

Müller: Der neue Geheimdienst, der rumänische Informationsdienst SRI, sagt von sich selber, dass er 40 Prozent der alten Securitate-Leute übernommen hat. Das ist ja wohl ziemlich viel, und ich vermute, dass es noch mehr als 40 Prozent sind. Das ist also keine These, sondern eine Realität.

Standard: Wie ist es möglich, dass die Securitate 20 Jahre nach dem Sturz Ceausescus praktisch weitermacht, als sei nichts geschehen?

Müller: Sie macht nicht so weiter wie früher, es gibt keine Todesdrohungen mehr gegen mich, nur: Sie macht weiter. Sie ist offenbar nach wie vor daran interessiert, dass ich, wenn ich in Rumänien bin, merke, dass es sie gibt, dass man noch immer beobachtet, was ich tue. Wieso und warum, verstehe ich nicht. Das liegt wahrscheinlich an der Verlängerung der Gewohnheit.

Standard: Was bedeutet das für die demokratische Entwicklung Rumäniens? Immerhin gehört das Land seit 2004 zur EU?

Müller: Es bedeutet, dass die Demokratie in Rumänien eine fragwürdige Sache ist. Zum Teil gibt es Ansätze, aber die werden von diesem alten Apparat boykottiert, zunichte gemacht. Und die Korruption in Rumänien, alles, was von der EU ständig an Vorwürfen geäußert wird, hängt damit zusammen, dass die alten Seilschaften sich bedienen, sich kennen, einander helfen.

Standard: Stehen Sie mit Ihrer Kritik alleine, oder wird sie auch von anderen in Rumänien unterstützt?

Müller: Ich stehe damit nicht ganz alleine, aber ich bin ja nicht in Rumänien, ich lebe in Deutschland. Die meisten Leute in Rumänien sagen dasselbe, aber das äußert sich meistens nur im privaten Milieu. Dass man offiziell etwas dagegen unternimmt, ist unwahrscheinlich. Das können einzelne vermutlich auch gar nicht. Das müsste die Justiz machen. Das müsste die rumänische Birtler-Behörde machen - die Akten öffnen und so weiter. Diese Aktivitäten müssten dann auch Folgen haben. Aber das passiert nicht.

Standard: Was machen die rumänische Presse und die Intellektuellen in dieser Situation?

Müller: Eine Gesamtübersicht habe ich nicht, weil ich die rumänischen Zeitungen nicht ständig lese. Die rumänische Presse deckt zwar zum Teil Skandale auf, und es werden auch Artikel über Korruption und Spitzel geschrieben. Aber das hat alles keine Folgen. Und die Intellektuellen sagen am wenigsten. Die rumänische Intelligenzija ist an der Aufarbeitung der Diktatur und an einer Beobachtung des reinstallierten alten Apparats leider nicht interessiert.

Standard: Sie sind 1987 in den Westen gegangen. Haben Sie sich von der Securitate verfolgt gefühlt?

Müller: In den ersten Jahren, als ich hier ankam, war Ceausescu noch drei Jahre im Amt, da habe ich Todesdrohungen und anonyme Anrufe bekommen. Ich wurde auch vom Verfassungsschutz gewarnt, dass ich gefährdet sei. Man gab mir verschiedene Ratschläge, was ich damals nicht tun sollte, etwa nachts durch einen Park gehen, oder in eine Wohnung, wenn ich die Leute nicht kenne, keine Zigaretten auf dem Tisch liegen lassen, nie im Parterre wohnen ... Das war keine Einbildung, das waren Tatsachen. Es ging auch noch Jahre nach dem Sturz Ceausescus so weiter. Ich war zum Beispiel in der Villa Massimo in Rom und habe auch dort anonyme Anrufe bekommen. Heute in Berlin bemerke ich nichts davon. Gottseidank. Ich sage nicht etwas, was nicht ist. Und ich leide auch nicht an Verfolgungswahn. Das hat einem der Geheimdienst immer unterstellt.

(Wolf Scheller, DER STANDARD/Printausgabe, 12.01.2010)

Zur Person:
Herta Müller wurde 1953 im deutschsprachigen Nitzkydorf in Rumänien geboren. Sie studierte deutsche und rumänische Philologie in Temeschwar und arbeitete nach dem Studium als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik. Sie wurde entlassen, weil sie sich weigerte, für die Securitate zu arbeiten. Ab 1984 konnte sie in Rumänien nicht mehr publizieren. 1987 emigrierte sie nach Deutschland, sie lebt in Berlin.

Hinweis:
Herta Müller liest am Dienstag um 20 Uhr im Literaturhaus Graz (Elisabethstraße 30, 8010 Graz) aus ihrem neuen Roman "Atemschaukel". Karten um 10 bzw. 8 Euro. - Vorbestellung:0676/671 01 66

Kommentar posten
17 Postings
Kein Witz
00
14.1.2010, 14:53
Die Jelinek nicht zu vergessen,

ich glaube, die beiden könnten sich großartig während eines Spaziergangs unterhalten, früher oder später wird wohl eine der beiden eine Landung hinlegen, weil sie sich ständig umdrehen müssen - aber Verfolgungswahn hat sicherlich keine von den beiden!

""Manatscha"" -- packt Satan Azrail mit links!
00
13.1.2010, 08:42
In Österleich unterstellen sogar öffentlichen Behörden wie AMS

Finanzamt, FSW oder auch Eichamt, dass Klienten an "Paranoia" leiden -- nur wenn es wagen, auf bescheidmässige Erledigung behördicher Schritte zu bestehen.

daNinooo
00
12.1.2010, 16:32

beim ersten hinsehen hab ich mir gedacht - "warum bitte bekommt ingrid thurnher einen kulturartikel im webstandard?" - so kann man sich irren.

der erleuchtete
120
12.1.2010, 14:14
frau müller erinnert peinlich an herrn handke

der sich auch (allerdings in österreich) von allerlei polizei-diensten verfolgt und schikaniert glaubte.
die aktuelle kampagne gegen rumänien scheint aber eher von solchen plänen der dortigen regierung, hamburger und coca-cola wegen gesundheitgefährdung mit strafsteuern belegen zu wollen, herzurühren :))
bis dato is es keinem der p.t. demokrate hierzulande aufgefallen, dass die securitate noch existiert, alles gewendete kommunisten wären, etc.pp. - aber jetzt plötzlich!?

Jürgen Rembremerding
11
12.1.2010, 17:34
Tandaradei Kladderadatsch
26
12.1.2010, 15:47

Wer wie Sie Herta Müller, die unter einer Diktatur gelebt und gelitten hat, mit Peter Handke, der in keiner Diktatur gelebt hat, dafür aber serbische Kriegsverbrechen verharmlost hat, vergleicht, kann höchstens von Spirituosen "erleuchtet" worden sein. Und natürlich ist es hierzulande aufgefallen, dass die Securitate noch immer existiert etc. Es wird nur leider zu wenig darüber berichtet.
Selten so einen Schwachsinn wie den Ihren gelesen.

Toeris
01
12.1.2010, 15:23

Setz a Brille auf. Das hilft den Erleuchteten meistens.

der innere neugebauer
10
12.1.2010, 11:30

nur weil ich paranoia habe heißt das noch lange nicht daß sie mich nicht kriegen wollen

der erleuchtete
51
12.1.2010, 14:15
die frau hat paranoia

und sollte in behandlung

hassprediger
00
15.1.2010, 16:14

wieso behandlung? hören sie einfach auf, ihr nachzulaufen.

Lécollier Emmanuel
 
213
11.1.2010, 22:35
Die deutsche Presse hat sich kaum

für Herta Müllers Nobelpreis begeistert. Wäre Müller eine amerikanische Schriftstellerin gewesen, hätte sie die ganze denglische Schickeria als Genie bezeichnet. Herta Müller ist nicht nur achtenswert, weil sie über Menschenleben unter der Last der Diktatur schreibt sondern auch weil sie die deutsche Sprache blühen bzw. ausstrahlen lässt zu einer Zeit wo die Deutschsprachigen selbst ihre Muttersprache dem schalen Weltenglisch opfern. Chapeau (Hut ab) Madame!

hassprediger
00
15.1.2010, 14:40

a) wurde in der deutschen presse durchaus über müller und ihren nobelpreis berichtet, und das durchweg positiv
b) sind es immer die spracherhalter, die in jedem satz fehler unterbringen - ich will ihre sätze nicht korrigieren, aber konjunktiv wie kommata verwenden sie schon recht willkürlich

Lécollier Emmanuel
 
00
15.1.2010, 15:07
Ich bin aber kein Deutschsprachiger!

hassprediger
00
15.1.2010, 15:43

in dem fall ist ihr deutsch gut - chapeau braucht übrigens nicht zwangsweise eine übersetzung, gibt es auch im deutschen als überbleibsel aus der zeit, in der das deutsche vom "weltfranzösischen" beeinflusst wurde. so ist das halt mit den sprachen, kaum eine ist für sich allein, und irgendeine meist obenauf.

Preger
21
12.1.2010, 15:27
Ihrem Posting ist nichts hinzuzufuegen.

Herta Mueller's Werk ist grossartig und eindrucksvoll. Nicht mehr und nicht weniger.

Preger, Teilzeitkuenstler/In

jooo ulmasi
110
11.1.2010, 19:32
"Die rumänische Intelligenzija"

...das nennen sie vielleicht Mircea Dinescu,der ein viel"seitiker" männsch (war)ist,ja,es ist leider so...er ist überall von deutsche sprachige Zeitungen gelobt...aber in wirklickeit ist ei ehemaliger(bedekter)"disident"!!
Und Rümanien ist seit 2007!!!!!! bei der EU...liebe Redaktion...verbreiten sie bitte nicht wieder die UNWAHRHEIT,so wie in der vergangenen Wahlkampf,der Presidentschaft...

opelkadett
313
11.1.2010, 19:06
so eine mutige frau!

danke.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.