City-Maut

Experte hält Einführung für problematisch

11. Jänner 2010 13:15
  • Artikelbild
    Foto: standard/matthias cremer

    Verkehrsplaner Hermann Knoflacher warnt vor einer Einführung der City-Maut in Wien.

Verkehrsplaner Knoflacher schließt wirtschaftliche Nachteile für Innenstadt nicht aus - "Klare Lösungen" gefordert

Wien - Die Wiener werden im Rahmen der Volksbefragung im Februar darüber entscheiden, ob sie für oder gegen die Einführung einer City-Maut sind. Kein Freund der Maßnahme ist der prominente Verkehrsplaner Hermann Knoflacher. Er warnte vor möglichen Folgen für innerstädtische Bereiche. Diese hätten mit wirtschaftlichen Nachteilen zu rechnen - weil Konsumenten auf Shopping-Center im Umland ausweichen könnten.

Aufklärungs-Initiative

Knoflacher forderte eine umfangreiche Aufklärungs-Initiative vor dem Urnengang, der vom 11. bis zum 13. Februar über die Bühne gehen wird: "Man muss ja die Folgewirkungen berücksichtigen, bevor man solche Sachen fragt. Die Leute, die das beantworten, sollten wissen, was da herauskommt." Die City-Maut habe so wie alle Maßnahmen ihre Pro und Kontras. Darüber müsse man informieren.

"Genauso gut kann ich fragen: Sind sie dafür, dass man keine Steuern mehr zahlt? Dann krieg ich eine absolute Mehrheit", gab Knoflacher zu bedenken. Wenn man dazu sage, dass es dann keine Sicherheitsmaßnahmen mehr gebe, keine Gesundheitsvorsorge und keine Altersvorsorge, dann schaue die Geschichte schon wieder anders aus.

Die City-Maut sei jedenfalls nur eine symptomorientierte Maßnahme: "Sie greift beim Fließverkehr an und nicht bei den Ursachen." Und man müsse die Größe der Stadt berücksichtigen und die Frage stellen, was man unter City verstehe. Die Maßnahme in London etwa ist laut Knoflacher nicht zu vergleichen: "Dort leben zwölf Millionen Leute." Westminster, wo die Maut eingehoben werde, sei ein "kleines Fuzzerl". Dort gebe es kein Problem: "Das macht dem Gesamtorganismus nichts."

In Wien sehe die Sache anders aus. Eine Stadt, so betonte Knoflacher, sei nicht an den Grenzen zu Ende. Und die Wirtschaft, die zum Teil vom Auto abhängig sei, könne durchaus betroffen sein. Kunden könnten in den Speckgürtel ausweichen. "Da müsste man gleichzeitig eine Maut bei den Parkplätzen der Shopping-Center einführen. Das wäre ein Ausgleich", so der Vorschlag des Verkehrsexperten.

"Ursachen bekämpfen"

Er sprach sich dafür aus, statt Symptomen die Ursache zu bekämpfen. Wien habe das bereits getan: "Wir haben eine Reihe von Parkplätzen aus dem 1. Bezirk herausgenommen. Das ist die höchste Form der Maut." Und man könne in den Innenbezirken auch nicht mehr kostenlos parken: "In Wirklichkeit haben wir eine Form der City-Maut, nur nicht in dieser Art, wie es die Elektronikfirmen gerne hätten. Die haben natürlich größtes Interesse, ihre Sachen anzubringen."

"Wenn man daran denkt, dass man Ende der 1960er-, Anfang der 70er-Jahre ernsthaft daran gearbeitet hat, den 1. Bezirk gänzlich autofrei zu machen, dann sieht man erst, wie weit wir da zurückgefallen sind", resümierte Knoflacher. Nun werde bei den Symptomen "herumgenudelt". Viel besser wären "klare Lösungen". Man müsse die Autos von der Oberfläche weg in die Parkgaragen bekommen.

Eine Prognose über den Ausgang der Befragung wolle er nicht wagen: "Das kann man überhaupt nicht sagen." Seiner Meinung handle es sich beim Thema City-Maut um eine Sondierungsfrage. Er könne sich durchaus vorstellen, dass die Verantwortlichen mit einer Ablehnung rechnen. Damit wäre das seit Jahren diskutierte Thema vom Tisch. "Das wäre politisch eine nicht ungeschickte Lösung", befand Knoflacher.

Blaue Kritik an "Inkassoaktion" und "Abzocke"

Durch die Aussagen Knoflachers in seiner Ablehnung einer City-Maut für Wien bestätigt sieht sich FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache. "Wenn sogar erklärte Autogegner wie Knoflacher vor der City-Maut warnen, müsste auch bei den Träumern in den Reihen von SPÖ und Grünen endlich ein Umdenken stattfinden", befand Strache in einer Aussendung. Dies scheint jedoch nicht der Fall zu sein: Die Grünen bekräftigten am Montag ihre Forderung nach Einführung einer solchen Maßnahme.

"Häupls Inkassoaktion würde bei marginalen Lenkungseffekten im Verkehrsbereich große wirtschaftliche Schäden für die Betriebe im 1. Bezirk mit sich bringen", kritisierte der FP-Chef. Er bezeichnete eine City-Maut als "weitere Autofahrer-Abzocke". Was die Wiener davon halten, können sie im Rahmen der Volksbefragung im Februar kundtun. Sie werden gefragt, ob sie für die Einführung einer derartigen Maßnahme sind.

Grüne fordern Maut am Stadtrand

Der Umweltsprecher der Wiener Grünen, Rüdiger Maresch, hielt indessen seine Forderung nach einer City-Maut aufrecht: "Durch eine auf Wien abgestimmte City-Maut ab dem Stadtrand kann der Kaufkraftabfluss gestoppt werden. Die Annahme, eine solche Maut hätte negative Folgen für die Wirtschaft in der Innenstadt, ist schlicht falsch, denn das Einkaufen im Wiener Speckgürtel wird durch eine Maut am Stadtrand unattraktiver."

Die Wiener Wirtschaft würde so wie die Wiener von einer solchen Maßnahme profitieren, zeigte sich Maresch überzeugt. Dies zeige sich etwa in Stockholm, wo die City-Maut den Verkehr um 15 Prozent verringert habe.

"Österreichs Klimaschutz-Ziele sind nur durch Maßnahmen auch beim Autoverkehr erreichbar. Hier sind die Städte und Länder gefordert, genauso wie bei der Feinstaubbekämpfung", betonte Maresch. Es sei bedauerlich, dass Bürgermeister Häupl durch eine "tendenziöse und suggestive Pseudo-Volksbefragung" wirksame Klimaschutzmaßnahmen abschießen wolle.

Autofahrerclubs dagegen

Die beiden Autofahrerclubs ÖAMTC und ARBÖ zeigten sich als Reaktion einig in ihrer Ablehnung der City-Maut: "Teuer und nicht zielführend", so ÖAMTC-Experte Mario Rohracher. Eine unsoziale Maßnahme gegen die Pendler, so ARBÖ-Geschäftsführer Herbert Hübner. Beide lobten die derzeitige Parkraumbewirtschaftung, die funktioniere, akzeptiert sei und die zu ändern es keinen Bedarf gebe. (APA)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 358
1 2 3 4 5 6 7 8
bafe
07.02.2010 23:41
Vision Autofreie Josefstadt?

Die Agenda Josefstadt lädt zum Dienstagsgespräch über eine autofreie Zukunft im Achten.
Als Referenten werden Dipl. Ing. Harald Frey vom Institut für Verkehrswissenschaften an der Technischen Universität Wien sowie ein Vertreter der IG Fahrrad und Daniel Cranach von der Agenda Gruppe “Öffentlicher Raum” darüber Auskunft geben, was es braucht um diese Vision in die Tat umzusetzen.

Wann: Dienstag, den 9. Februar 2010, 18.30 Uhr
Wo: Büro Agenda Josefstadt, Laudongasse 40, 1080

Info: http://agendajosefstadt.wordpress.com/2010/01/2... osefstadt/

Ro_bert
03.02.2010 13:42

Gibts ernsthaft Leute die mit dem Auto in die Innenstadt zum Einkaufen fahren?
Wie auch immer, bevor über Verkehrsbehinderungen nachgedacht wird sollten doch zuerst die Förderungen entfallen. Wie z.B. Ampeln und Einbahnen, die nur den Autofahreren nützen.

Emil i Lönneberga (advocatus diaboli)
02.02.2010 15:50
"wirtschaftliche Nachteile"

Genau. Auch die Kaufleute auf der Kärntnerstrasse haben ja recht behalten, als sie wirtschaftliche Nachteile bei Einführung der Fussgängerzone befürchteten.

Fähnchen Fieselschweif
18.01.2010 23:04
Citymaut = Tobin-Tax des Verkehrs!

Deshalb: Her damit!

RonConSoda
22.01.2010 08:17


die haben sie schon mit der parkraumbewirtschaftung

me phisto
01.02.2010 11:36

die parkraumbewirtschaftung ist wohl die unintelligenteste form, um nicht gewünschten verkehr zu bemauten, da sie das nicht bewegte und damit keine emissionen und keinen feinstaub verursachende fahrzeug "straft".

die PRB gibt ausschliesslich dem öffentlichen parkraum einen öffentlichen preis, der dann nicht bezahlt werden muß, wenn man trotzdem fährt und privatrechtlich (z.B. firmengarage) parkt, anstatt dem verkehr per se einen preis zu geben.

hat herr knoflacher schon mal bedacht, dass eine citymaut auch umgekehrt wirkt, sprich kaufkraft evtl. im grätzel läßt, anstatt diese "kostenlos" an die einkaufscenter im umland abfliessen zu lassen?

der verkehr ist das problem und nicht der parkplatz!!!

RonConSoda
01.02.2010 18:47


' dass eine citymaut auch umgekehrt wirkt, sprich kaufkraft evtl. im grätzel läßt, anstatt diese "kostenlos" an die einkaufscenter im umland abfliessen zu lassen? '

das müssen sie mir näher erläutern, denn von der maut wären die innenstadtbewohner ausgenommen.

me phisto
02.02.2010 10:55

... beim sogenannten "cordon-charging" wird jede überfahrt einer imaginären zonengrenze in beide richtungen(klarerweise mit einem tages-deckel) vergebührt. sinn und zweck dieser massnahme ist die individualmobilität mit PKWs von zone zu zone zu vergebühren und dem (ungewünschten) urbanen verkehr damit einen preis zu geben. damit fördert man aktiv das stehenlassen des autos und gibt einen echten anreiz stattdessen öffentliche verkehrsmittel zu benutzen oder im grätzel zu bleiben. solange es genügend parkplätze (zB. als aufwand abzuschreibende firmenparkplätze in innerstädtischen parkhäusern oder bei einkaufscenters) gibt und der verkehr dorthin nichts kostet, wird dieser auch entstehen, ob man ihn will oder nicht!

¤
16.02.2010 21:08

Das kümmert mich nicht. Dann lasse ich halt das eine Auto innerhalb der Grenze stehen und das andere ausserhalb.

Change
18.01.2010 22:24
Parkplatzprobleme ließen sich auch anders lösen

mit saftigen steuern auf die länge des autos. wenn man rechnet wieviele parkplätze durch die ganzen bonzenschlitten mit ihren über 5 metern verloren gehen wird mir klar, warum die stadt immer kleiner wirkt.

die parksensoren in diesen schlitten haben da leider die berührungsängste mit großen autos für schlechte einparker vollkommen fallen lassen, also könnte man auch hier den hebel ansetzen.

theres mallinger
21.01.2010 00:49
Mit so einer Maßnahme treffen sie Familien

Wenn Kinder da sind, kann man nicht mit einem zweisitzigen schicken Smart herumfahren, sondern benötig ein langes Auto, um Kinder, Kinderwagen, Windeln etc. unterzubringen.

Offenbar sollen Familien nicht nur die Steuerzahler von morgen (die Kinder nämlich) aus eigener Tasche finanzieren, sondern auch die Spaßgesellschaft mit den kurzen zweisitzigien Cabrios querfinanzieren.

Change
18.01.2010 22:15
ANreize zum umsteigen auf VOR linien

ich bin dafür dass fahrzeugpapiere automatisch auch eine jahreskarte sind.

damit hätten alle autobesitzer automatisch auch einen gültigen fahrschein und würden nicht 3 mal überlegen ob sie sich jetzt für 2x1,70€ für eine umwelt- und verkehrsschonende alternative entscheiden.

whei
21.01.2010 22:44

Da fände ich die umgekehrte Variante aber besser. Der Nichtbesitz von Fahrzeugpapieren sollte als Jahreskarte gelten. Dann würde man Anreize schaffen ganz auf das Auto zu verzichten.

Ro_bert
03.02.2010 13:52

Gratis Öffis für alle sind sicher die beste Alternative.
So wie bei Rolltreppen und Aufzügen.

RonConSoda
22.01.2010 08:19


und wenn's nach tribstrü müssen kostet sie das mit den öffis stunden, wofür mit privatem minuten nötig sind.

Schnabeltierfresser
18.01.2010 12:34
Eine unsoziale Maßnahme gegen die Pendler

Und die Parkraumbewirtschaftung ist eine soziale Maßnahme?

mattreek
17.01.2010 22:26
Große wirtschaftliche Schäden...

...für das Gewerbe innerhalb des Rings halte ich für unwahrscheinlich. Wenn man sich überlegt, dass wahrscheinlich ein Großteil der dort ansässigen Geschäfte eher zu den exklusiveren gehört, die es sowieso nur dort gibt, kann deren Kundschaft sowieso nicht auf den Speckgürtel abwandern. Und für die Großketten wie Zara, H&M, etc. wird es wohl egal sein ob der Umsatz im 1. oder in der SCS gemacht wird!

mediocrity
18.01.2010 16:11
Von dem wirtschaftlichen Schaden ist auch in der Kärntner Straße geredet worden

bevor dort die FuZo kam. Und heute? Würde kein Geschäftsinhaber die FuZo mehr hergeben.

mattreek
17.01.2010 22:24
Mich würde interessieren...

...wie denn so eine City-Maut für den ersten Bezirk umgesetzt wird. Steht dann an jeder zweiten Straße ein blaubeleuchtetes Go-Box Messgerät wie an der Tangente? Selbst wenn die Messgeräte unscheinbarer wären als die auf den Autobahnen, müsste ja rein theoretisch noch immer, zumindest bei jeder Zufahrtsstraße zur Inneren Stadt, eines platziert werden. Das halte ich eher für unrealistisch. Wenn man dieses Modell auf den gesamten Stadtbereich skaliert, wie von den Grünen vorgeschlagen, wird das Problem nicht kleiner.

Schnabeltierfresser
18.01.2010 12:35
Technisch gibt es da verschiedene Möglichkeiten.

Am einfachsten: die Einfahrten filmen und stichprobenartige Kontrollen.

theres mallinger
16.01.2010 14:34
Ich bin für den Bau einer 20 m hohen Stadtmauer rund um Wien,

die für alle PKWs unpassierbar ist.

Dann werden die Wiener nicht durch die KOs und WUs gestört und auch die KOs und WUs haben eine Ruhe von den Ws.

So müßte dann alles in Ordnung sein, oder?

RonConSoda
22.01.2010 08:22


hehe, genial.

um das geht's aber nicht. es geht rein um weniger verkehr mit erhöhung der kauffrequenz

Chocoholic
15.01.2010 20:27
Ja, richtig. Und nach Einfuehrung der City Maut

wird dann der Zonenpreis der Oeffentlichen Verkehrsmittel um 1/3 erhoeht.

system1
15.01.2010 14:28
wenn kaufleute und staat nicht wollen,

dass ich in der city einkaufe, dann eben nicht. bitte, bleib ich halt daheim und bestell im internet. und somit im ausland.

RonConSoda
22.01.2010 08:22


is eh oftmals günstiger

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 358
1 2 3 4 5 6 7 8

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.