Wohlstandsindex für "Barfuß-Ökonomie" dringend gesucht

10. Jänner 2010, 18:32

EU-Kommission lässt nach Messgrößen für Makro-Ökonomie suchen

Wien - Die wichtigste Messgröße für Makroökonomie, das Bruttoinlandsprodukt (BIP), hat schwere Mängel. Die EU-Kommission lässt seit Herbst Indikatoren diskutieren, denn es habe sich gezeigt, dass das BIP hinsichtlich Klimawandel, effizienter Ressourcennutzung oder sozialer Integration nicht aussagekräftig sei.

In der akademischen Welt läuft die Diskussion bereits. Der chilenische Ökonom Manfred Max-Neff etwa lehnt Wachstumsfetischismus à la BIP ab: "Wachstum ist nicht gleich Entwicklung", sagte er zum Standard. Im Rahmen seiner Thesen zur "Barfuß-Ökonomie", für die er den Alternativ-Nobelpreis erhielt, definierte er sogenannte Kipppunkte. Ab einem gewissen Punkt führe gewohntes BIP-Wachstum nicht mehr zu Wohlstandsgewinn, sondern zu Stress für Sozialsystem und Umwelt. Gleichzeitig bewerte das BIP Aktivitäten, etwa Umweltkatastrophen, als Plus für die Wirtschaft. In den meisten europäischen Ländern, so auch in Österreich, habe dieser "Kipp-Punkt" bereits in den 1980er-Jahren eingesetzt, so Max-Neff, der deshalb soziale und ökologische Faktoren mit einbezieht.

Ökologischer Fußabdruck

Mehrere Ansätze, bei denen Faktoren wie "nachhaltige Entwicklung", "schonender Ressourcenumgang" oder "Sozialwesen" in eine Wirtschaftswohlstandsrechnung einbezogen werden könnten, gibt es bereits, wenngleich sehr unterschiedliche. Die Uno-Entwicklungsorganisation UNDP setzt mit ihrem Human Development Index (HDI) BIP, Gesundheit und Bildung in Relation. Die OECD führt Messungen des gesellschaftlichen Fortschritts durch, bei dem andere Indikatoren (etwa: Lebenszufriedenheit kombiniert mit Lebensdauer) einfließen sollen. Die Messung des ökologischen Fußabdrucks, bei dem gemessen wird, wie viel Treibhausgase ein Mensch oder ein Produkt benötigen, ist eine andere Möglichkeit, nachhaltige Wirtschaftsentwicklung zu messen. Laut Wifo-Expertin Angela Köppl sollte auch der Wasserverbrauch in eine Wirtschaftswachstumsrechnung einfließen.

Gerade in der Wirtschafts- und Finanzkrise habe sich gezeigt, dass das BIP, quasi der aggregierte Mehrwert aller auf Geld basierenden wirtschaftlichen Tätigkeiten, nur eingeschränkt zielführend ist, warnt die EU-Kommission. Bis 2012 soll ein Ergänzungsmesswert für das BIP kreiert werden. Am 28./29. Jänner hält das Lebensministerium dazu einen Kongress in Wien ab. (ruz, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.01.2010)

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16 Postings
Michael B
00
11.1.2010, 11:06
Das Konzept des BIP als Wohlstandsmaßstab ignoriert die in weiten Teilen der Erde vorherrschende Subsistenzwirtschaft der Agrarbevölkerung.

Das gilt nicht nur für Entwicklungsländer. Wenn ich mitten in Österreich auf meinem riesigen Öko-Bauernhof leben würde, nur von dem lebte, was ich reichlich produziere (samt Energie und Kleidung) und nichts davon verkaufen würde, trüge ich nichts zum BIP bei, und wäre nebenbei ein bettelarmer Mensch.

Meine Wenigkeit mit viel Senf
00
11.1.2010, 07:54
Bitte, das ist falsch.

Der so genannte ökologische Fußabdruck berücksichtigt alle Arten von "Naturverbrauch", nicht nur Treibstoffe und Abgase, sondern auch Wasser und Boden sowie die Abfallentsorgung und den indirekten Einfluss der Lebensweise auf die Natur, wie etwa Verdrängung von Planzen und Tieren und Verschleppung invasiver Arten.

Genau deshalb ist er ja so schwer zu berechen. Das Positive daran: Man setzt die Schätzwerte absichtlich an der Obergrenze an; es gibt also eine gewisse Hoffnung, dass es doch nicht ganz so schlimm ist. Jedoch würde ein Land, wie Österreich, auch bei Minimalschätzwerten über der kritischen Grenze liegen.

Simskoarl
 
00
11.1.2010, 09:54

Ich hab jetzt einige Internet-Seiten durchgeackert, und kann keinen Hinweis darauf finden, dass der Wasserverbrauch mit eingerechnet wird.

Es wird alles auf den Energieverbrauch zurückgerechnet.

Bertel Mann
00
11.1.2010, 07:25
Es gibt also doch einige wenige Wirtschafts"wissenschaftler", die denken statt nachplappern

Auf die geniale Idee, dass eine Meßgröße in einem komplexen System zuwenig sein könnte, dieses zu regeln, muss man erst mal kommen...

Ostbahn Kurti forever
00
11.1.2010, 09:12

haben Sie Komplexe odereinfach nur Vorurteile gegenüber Wirtsch.wissenschaftern?

Cuchullain
00
29.1.2010, 13:22
"haben Sie Komplexe odereinfach nur Vorurteile gegenüber Wirtsch.wissenschaftern?"

Sie kennen aber schon den Bonmot:
"Wer in einem geschlossenen System von unaufhörlichem Wachstum faselt, ist ein Vollidiot oder Wirtschaftswissenschaftler!"

Als ich vor ~25 Jahren an einem Wirtschaftsseminar der GRÜNEN teilnahm, fragte ich den Referenten, wieso wir unaufhörliches Wachstum bräuchten. Aber irgendwie verstand er nicht den Sinn meiner Frage ...

Ostbahn Kurti forever
00
29.1.2010, 14:22

vor 25 Jahren war das ein Bonmot, das kann ich mir gut vorstellen.
Heutzutage würde ich kein unaufhörliches Wachstum, sondern eher eine unbegrenzte Entwicklung propagieren. Auch das geschlossene System wird mit der Zeit größer.

Erkenntnisse sind ja nicht immer für die Ewigkeit, da sich die Rahmenbedingungen auch ändern können.

Aber Danke in jedem Fall für Ihren interessanten Beitrag.
MFG

Cuchullain
00
30.1.2010, 08:52
Der Bonmot ist nicht von vor 25 Jahren, ...

... den las ich erst im Zusammenhang mit der jetzigen Krise

GOTT (himself)
00
11.1.2010, 15:38
Wahrscheinlich verwechselt er BWL und VWL, was aber

- so er nicht eines von beiden studiert hat - mehr als entschuldbar ist, da:

1.) Der durchschnittliche Österreicher gemeinhin von Ökonomie Null Ahnung hat,
2.) Immer wieder Betriebswirtschaftler ihren unnützen Senf zu ökonomischen Themen absondern - dies noch dazu extrem öffentlichkeitswirksam; und
3.) Die Ökonomie der Wiener Schule leider seit mind. 30 Jahren scheintot ist und nur noch vom guten Ruf der Vor- bzw. Nachkriegszeit lebt.

International tut sich schon was in der Ökonomie - das ist ein höchst spannendes Fachgebiet. Nur leider hierzulande völlig veraltet und mit Null Innovation.

Ostbahn Kurti forever
00
11.1.2010, 15:47

zu den Punkten 1 und 3 pflichte ich Ihnen bei. Punkt 2: Nicht alle in einen Topf werfen!
;-)

Josh Dos Santos
10
11.1.2010, 07:10

Es gibt bereits seit langem einen sehr guten geeigneten Indexwert als Ergänzung zum BIP Wert zur Beschreibung des Wohlstands in einem Land - nämlich den Gini-Index.

Es braucht nicht schon wieder eine neue totalitäre Schmäherfindung der Ökos, nach deren Berechnungen eine Erde ohne Menschen am nachhaltigsten wäre.

Cuchullain
00
29.1.2010, 13:24
siehe posting von R. M. :

R. M.
01
11.1.2010, 08:25
Der Gini-Koeffizient sagt nur etwas darüber aus, wie gut (oder schlecht) der Wohlstand innerhalb der Bevölkerung verteilt ist.

http://de.wikipedia.org/wiki/Gini... oeffizient

Aber auch dieser Index sagt null darüber aus, wie sehr wir Menschen mit unserem Streben nach - sogenanntem - Wohlstand die Umwelt zerstören.

Nur nebenbei: Bei unserem derzeitigen Wirtschaftssystem drängt sich dem klar denkenden Menschen gezwungermaßen die Idee auf, eine Erde ohne Menschen wäre am nachhaltigsten.
Das ist nicht totalitär, sondern nur die Wahrheit.

Walter Tiefenthaler
00
11.1.2010, 06:11
cutt.off 80

der anteil der kosten fuer das billigste nahrungsmittel und wasser im verhaeltnis zum durchschnittsgehalt der lower 80%.

MondXicht
03
10.1.2010, 18:52

Das BIP sagt ja wirklich nicht so viel aus. Ein Hohes BIP heißt, dass viel Kohle umläuft im Lande, siehe USA, aber wem gehört das Geld, und wer hat keines?

Nach dem BIP sind ja die USA ja das wohlständigste Land von allen, aber wenn man sich das mal genau ansieht, gibt es einzelne Teile der USA, deren Niveau 3. Welt ist (zB Detroit Innere Stadt, Baltimore Innere Stadt, Compton in LA....)

amused8
00
11.1.2010, 03:56

Ein anderes simples Beispiel. Der hohe Energieverbrauch der USA ergibt sich auch durch die schlechte Wärmedämmung der meist minderqualitativen Häuser. Der Energieverbrauch, doppelt so hoch wie in der EU erhöht das BIP ohne auch nur im geringsten qualitativ wirksam zu werden.
Oder wie es ein anderes Beispiel ausdrückt. Wenn ich jetzt aus dem Fenster springe, überlebe, schwerst verletzt im Krankenhaus behandelt werde, habe ich zur BIP Erhöhung beigetragen.

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