Religion als Hort des Patriarchats?

10. Jänner 2010, 18:30
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Eine Erwiderung auf die Molekularbiologin und Wittgenstein-Preisträgerin Renée Schroeder - von Marianne Grohmann

In einem in "Forschung Spezial" am 5. 1. 2010 veröffentlichten Standard-Interview macht die Molekularbiologin Renée Schroeder "die Religionen" für "die Missachtung der Frauenrechte" verantwortlich. Dieses simplifizierende Pauschalurteil folgt einem Denkmuster, das der Vielfalt von institutionalisierten und nicht institutionalisierten Formen von Religion in keiner Weise gerecht wird.

Natürlich gibt es in allen Religionen Traditionen, die zur Unterdrückung von Frauen beigetragen haben. Es ist wichtig, diese Entwicklungen genau zu analysieren und sich gegebenenfalls davon zu distanzieren. Aber sie lassen sich nicht verallgemeinernd auf "die Religionen" anwenden. Es gibt zum Beispiel jüdische Rabbinerinnen, evangelische Bischöfinnen und katholische Theologie-Professorinnen. Gelebte Religion ist genauso patriarchal oder gendergerecht wie die Gesellschaft, in der sie praktiziert wird.

Es stimmt nicht, dass "in der Bibel oder im Koran oder in der Tora Frauen keine Stimme haben" und dass "die Jungfrau, die rein sein muss", die einzige Frau wäre, die in der Bibel Bedeutung hat. Der jüdische Tanach, die christliche Bibel, das Alte und Neue Testament, der muslimische Koran sind zweifelsohne in patriarchalen altorientalischen und antiken Gesellschaften entstanden. Aber sie enthalten neben manchem Frauenfeindlichen auch Traditionen, in denen Frauen durchaus gleichberechtigt sind: In den Schöpfungserzählungen der Genesis steht neben dem Bild von der Frau, die aus der Seite des Mannes geschaffen wurde, der Satz, dass Gott den Menschen zu seinem Bilde, männlich und weiblich, geschaffen hat (Gen 1,27). Die Erzelternerzählungen berichten von selbstbewussten Frauen, die genauso wie der bekannter gewordene Abraham die Entstehungsgeschichte des Volkes Israel mitgeprägt haben. Das Judentum kennt sieben Prophetinnen. Und im Neuen Testament enthält Gal 3,28 die Vision, dass in Christus alle Unterschiede zwischen Juden und Griechen, zwischen Sklaven und Freien und zwischen Mann und Frau aufgehoben sind etc.

Auch die Bibel ... 

In einer anderen Passage des Interviews geht Schroeder so weit, die Sintflut als "Genozid" zu bezeichnen. Wer so argumentiert, verkennt den Charakter dieses biblischen Textes als Erzählung. Genozid oder Völkermord ist - nach Wikipedia-Definition - "der Versuch eines Staates oder einer herrschenden Gruppe, 'eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören' (UN-Konvention von 1948)." Genozid ist Mord von Menschen an Menschen und hat mit Gott wenig zu tun. Die Sintflut ist ein literarisches Motiv, mit dem Menschen vor 3000 Jahren im Alten Orient ihre Erfahrungen mit Welt und Gott gedeutet haben.

Historische Bibelwissenschaft erforscht mindestens seit der Aufklärung die komplexen Entstehungsverhältnisse der Bibeltexte sowie Fragen unterschiedlicher Übersetzungs- und Auslegungsmöglichkeiten. Schroeders Zusammenfassung der Sintflut-Erzählung ("In der Bibel steht, Gott sah auf die Erde, und das, was er sah, gefiel ihm nicht") spricht dieser Vielschichtigkeit Hohn.

... ist ein "komplexes System" 

Zuzustimmen ist Schroeder, wenn sie, anknüpfend an Melanie Mitchells Complexity, A Guided Tour, sagt: "Man betrachtet komplexe Systeme und sieht, dass viele Teilelemente und ihre Eigenschaften für die Form dieses Systems verantwortlich sind." Die Bibel ist allerdings genauso ein komplexes System, das aus vielen unterschiedlichen Stimmen, Motiven und Textsorten zusammengewachsen ist. Viele Menschen haben an verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten an diesem Buch geschrieben, Material zusammengetragen, es immer wieder ergänzt und erweitert. Es gibt (fast) nichts, was es in der Bibel nicht gibt. Sie ist vielstimmig und facettenreich.

Warum ist es notwendig, den Graben zwischen Naturwissenschaften und Religion und Theologie so weit aufzureißen? Schroeder sagt: "Ich würde gerne den Zusammenhang verstehen, wie aus den Eigenschaften der Einzelmoleküle das Verhalten des Ensembles entsteht." Diese Frage lässt sich naturwissenschaftlich untersuchen. Aber die Frage nach dem Zusammenhang lässt sich auch als theologische stellen. Die leidige Gegenüberstellung von Evolutionstheorie und Schöpfungsgeschichte ist eine falsche Alternative.

Natürlich können wir heute nicht mehr hinter eine naturwissenschaftliche Erklärung der Entstehung der Welt zurück. Aber wir können daneben die alten biblischen Texte als Menschheitstexte lesen, in denen elementare Erfahrungen und Fragen des Menschen aufbewahrt sind. Die Schöpfungserzählungen der Genesis sind in ihrer Mischung aus menschlichen Erfahrungen mit mythologischen und theologischen Vorstellungen etwas ganz anderes als naturwissenschaftliche Erklärungen der Entstehung der Welt. Aber die dahinterliegenden Fragen sind vielleicht nicht so weit voneinander entfernt. (Marianne Grohmann/DER STANDARD, Printausgabe, 11. 1. 2010)

 

Marianne Grohmann ist ao. Professorin für Alttestamentliche Wissenschaft an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

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    Grenzen der Vereinfachung: Genesis-konforme Darstellung des Ursprungs der Geschlechterdifferenz aus der Playmobil-Werkstatt eines deutschen Pastors.

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