Anhörung der EU-Kommission

Die Reifeprüfung für Barrosos Team

Thomas Mayer , 11. Jänner 2010, 15:33

EU-Parlament startet mit Anhörung der Kandidaten für die Spitzenposten in der Kommission - Geht alles gut, kommt das neue Team am 26. Jänner ins Amt.

Mit einer Befragung der neuen EU-Außenministerin Catherine Ashton (53) haben am Montag in Brüssel die Anhörungen der künftigen EU-Kommission begonnen. Die Britinund der designierte Kommissar für den EU-Haushalt, der Pole Janusz Lewandowski, waren die ersten Kommissionsmitglieder, die sich dem politischen Verhör stellen mussten.

Ashton sagte, die Schaffung eines neuen diplomatischen Dienstes der EU sei ihre "Top-Priorität". Europa müsse sich außenpolitisch stärker als bisher engagieren: "Und wir müssen dafür sorgen, dass unsere Stimme gehört wird." Der designierte österreichische EU-Kommissar Johannes Hahn muss sich am Donnerstag den Fragen stellen. Hahn wird für die Regionalpolitik zuständig sein.

Insgesamt 27 Personen umfasst die EU-Kommission auch nach dem neuen EU-Vertrag von Lissabon, der seit 1. Dezember Gültigkeit hat. Wenn sich die designierten Kommissare den Fragen in den Fachausschüssen des Europäischen Parlaments stellen, dann kann nur einer von ihnen relativ gelassen sein: der Präsident.

José Manuel Barroso aus Portugal, ein Konservativer, hat das neue Team gemeinsam mit den Staats- und Regierungschefs der Mitgliedsländer zusammengestellt. Aber er selber muss nicht mehr „vorsingen". Das Plenum hat ihn bereits im September mit großer Mehrheit (wieder)gewählt. Dennoch kann Barroso eine gewisse Anspannung nicht verleugnen.

Denn vom Abschneiden seiner Kandidaten hängt letztlich auch sein persönliches Schicksal ab (siehe Frage/Antwort). Die Kommission funktioniert als Kollegialorgan. Scheitert sie, wackelt auch der Präsident, auch wenn er nach der Papierform eine enorme Machtfülle hat. Die Kommission ist „Herrin der EU-Verträge", nur sie kann europäische Gesetzesinitiativen ergreifen, muss übernational agieren. Der Präsident hat große Personalvollmachten. Umso penibler achten die EU-Abgeordneten darauf, eines ihrer wichtigsten Machtinstrumente - die Bestätigung der Kandidaten - für ihre Interessen und Zwecke zu nutzen. Über die Befragungen, mit den Festlegungen und Versprechungen der Kandidaten für die Zukunft, wird handfeste Politik gemacht.

Die Anhörungen sind nicht nur in der Sache streng, „hart, aber fair", wie eine Mandatarin betont. In ihnen bündelt sich viel an Symbolkraft für das sich wandelnde demokratische Wechselspiel in der Union. Dem Parlament hat das gegenüber Kommission und dem EU-Ministerrat der Nationalstaaten Zug um Zug deutlich mehr Einfluss gebracht hat. Mit jedem neuen EU-Vertrag mehr.

Barroso weiß das: „Das Prinzip der Kollegialität ist entscheidend für die Arbeit der Kommission." Barroso ist darauf bedacht, dass „seine" designierten Kommissare die Parlamentarier vorzüglich behandeln, ihre Rolle finden. Wochenlang wurden die Kandidaten von den Stäben der EU-Kommission trainiert, auf die vielen Fallstricke aufmerksam gemacht, sprachlich geschult, mussten Fachdossiers büffeln. Nicht weniger als dreimal hat Barroso sie in Brüssel versammelt, um sie auf die große politische Linie einzuschwören, wie Wissenschaftsminister Gio Hahn (Termin: Donnerstag) erzählte.

Da die großen Fraktionen von Christ- und Sozialdemokraten wie auch die Liberalen mit der Aufteilung der Ämter weitgehend zufrieden sind, ist ein Scheitern nicht wahrscheinlich. Aber Angriffsflächen gibt es genug: Die exkommunistische Vergangenheit des Tschechen Štefan Füle und des Ungarn László Andor dürfte ebenso ins Kreuzverhör kommen wie die überschäumende Freude von Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy über die Besetzung des Agrarressorts mit dem Rumänen Dacian Ciolos, den man „ganz französisch geprägt" habe.

Oder auch die völlige Unerfahrenheit der neuen EU-Außenministerin Catherine Ashton im Bereich Außenpolitik.  (red/Thomas Mayer/DER STANDARD Printausgabe, 11.1.2010)

Kommentar posten
10 Postings
Der auf der Nudelsuppen dahergschwommen is
 
00
11.1.2010, 17:46
was wünscht man sich mehr...

12 konservative
9 liberale
6 sozialdemokraten

das sagt schon viel darüber aus, in welche richtung sich europa weiterbewegen wird...

Christoph ************
00
11.1.2010, 21:46

Das kommt halt davon wenn eine Mehrheit in Europa konservativ wählt und die Sozialisten Barroso mehr gedultet als unterstützt haben.

Mawol
00
11.1.2010, 17:25
Die Reifeprüfung...

im Titel hätte heut viel besser zu einer anderen internationalen Politik-Story gepasst (die im Standard allerdings noch fehlt) - Stichwort Nordirland :)

kyselak3
 
00
11.1.2010, 16:38
bitte!

wos is a "exkommunistische vergangenheit"?

byron sully
00
11.1.2010, 18:14

entweder ein pleonasmus oder eine absurdität oder wenn wer heute kommunistisch ist, es vor 1989 aber nicht war. aber jeden fall eine sehr abenteuerliche formulierung.

byron sully
01
11.1.2010, 16:26
als eu-anhänger

hoffe ich, daß DIESE kommission vom eu-parlament abgelehnt wird (wäre ich ein eu-gegner, der der eu das schlechteste wünscht, wäre ich hingegen durchaus dafür, daß sie die notwendige mehrheit bekommt).

bösartiger Schlechtmensch
00
11.1.2010, 17:43

Die EU ist kein Fanclub, der man "anhängt".

Teleobjektiv1
04
11.1.2010, 10:17

Herr Mayer,

Die "Herren der Verträge" sind die Mitgliedsstaaten.

Die Kommission wird die "Hüterin der Verträge" genannt.

Tut mir leid, aber auch an solchen Kleinigkeiten sieht man, wie wenig vertraut die Journalisten mit den Grundlagen der europäischen Integration sind. Und zwar selbst dann, wenn sie sich hauptsächlich mit diesem Thema befassen. Und zwar selbst dann, wenn sie für sog. Qualitätsmedien arbeiten.

Das ist nicht nur ernüchternd. Das ist erschreckend

Perry Rhodan1
20
11.1.2010, 08:16

ashton war eine ungluckliche wahl. ein politiker soll erfahren und anerkannt sein - oder, wenn er sich auf seine experten stuetzt - zumindest telegen und redegewandt. lady ashton ist leider weder erfahren noch telegen - hier wurde eine moeglichkeit verpasst, eine person mit mehr potentiellem gewicht auf der internationalen buehne zu praesentieren. ein denkbar schlechter kompromiss. david milliband waere VIEL besser gewesen, wenn es schon aus politischen gruenden ein englaender hat sein muessen. es bleibt zu hoffen, dass man daraus lernt und in zukunft bessere leute auswaehlt.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.