Hoch klingt das Lied vom bösen Staat?

Helmut Kramer, 8. Jänner 2010, 19:30
  • Artikelbild
    foto: donau-uni krems

    Ex-Wifo-Chef Kramer (Foto) antwortet US-Wirtschaftsforscher Martin Feldstein.

Wider die Verkünder der "reinen Lehre" auf beiden Seiten der Deregulierungsdebatte - eine Erwiderung von Helmut Kramer

Martin Feldstein ist in der ökonomischen Wissenschaft nicht irgendwer. Er ist Harvard-Professor, er war Wirtschaftsberater des US-Präsidenten Ronald Reagan, und er ist emeritierter Präsident des National Bureau of Economic Research in New York. Als solcher begründete er unter anderem die Organisation der nationalen Wirtschaftsforschungsinstitute NERO, welcher auch das österreichische Wifo angehört. Seine zahlreichen Veröffentlichungen haben wesentliche Fragen gestellt, etwa über die Auswirkungen einer staatlichen Pensionsversicherung auf die private Sparneigung, und - überwiegend kontroversiell - beantwortet.

In dem Beitrag "Kein Zurück zu 'Mehr Staat'" (STANDARD, 7.1. 2010) versichert er, dass es kein Zurück hinter die tiefgehenden wirtschaftspolitischen Kursänderungen unter Reagan in den USA und unter Margaret Thatcher in Großbritannien geben könne und werde. Das ist die einzige Feststellung, der ich zustimmen kann. Ich könnte vielleicht noch folgen, wenn er feststellen würde, dass die marktorientierten Reformen dieser beiden Regierungen - und auch einiger anderer, die in der Folge auf diesen Zug aufsprangen - einige beachtliche Verbesserungen gebracht haben. Aber, wahrlich, nicht nur! Was sich verschlechterte und was indirekt zur Finanzkatastrophe 2008 nicht unwesentlich beitrug, davon findet man bei Feldstein kein Wort.

Der Spitzensteuersatz in den USA wurde gesenkt. Ja. Wahrscheinlich ein Fortschritt. Aber kein Wort über die aus den Steuerreformen bis einschließlich George Bush junior resultierende Verschiebung der Einkommensverteilung zugunsten der oberen und obersten Einkommensklassen.

Die Inflation Anfang der Achtzigerjahre wurde von der amerikanischen Notenbank (Fed) unter Paul Volcker erfolgreich gestoppt. Ja. Bei Feldstein aber kein Wort dazu, um welchen Preis dies geschah und was der "Triumph", dass die US-Politik nun angeblich das Ziel der Nullinflation anstrebe, tatsächlich bedeuten würde: Wenn das nämlich so wäre, wäre das sowohl theoretisch bedenklich wie insbesondere in der heutigen Situation eines noch immer nicht ganz vernachlässigbaren Deflationsrisikos sogar äußerst gefährlich. Für die Weltwirtschaft.

Ideologische Verblendung

Schließlich aber: Feldstein räumt nach dem verheerenden Zusammenbruch eines finanziellen Kartenhauses, das erst durch die von ihm gepriesenen Deregulierungen im Finanzsektor und aufgrund der Ideologie effizienter und stabiler Kapitalmärkte, entstehen konnte, ein, dass als Folge "den Banken zwar einige Beschränkungen auferlegt werden" (klingt da Bedauern durch?), aber eine Rückkehr zu strengen gesetzlichen Auflagen werde es nicht geben. Das ist eine gefährliche Drohung. Wahrscheinlich werden nationale und globale Regulierungen des Finanzsektors nicht die gleichen Formen annehmen können wie vor Reagan - die Welt hat sich verändert - aber man muss schon inständig hoffen, dass sie mindestens so streng sein werden wie vor der Epoche der Deregulierung der Finanzmärkte.

Ob das mehr Sicherheit bieten wird vor platzenden Finanzblasen, gewaltigen Vermögensverlusten auch kleiner Sparer und Pensionisten und vor der Arbeitslosigkeit, die die folgende tiefe Rezession mit sich brachte inklusive aller sozialen und politischen Folgen, die das noch haben könnte, ist eine andere Frage.

Es ist unfasslich, dass ein so brillanter Geist wie Feldstein nach dem, was sich doch wohl auch zu seinem Entsetzen in den letzten zweieinhalb Jahren vor unser aller Augen in der Weltwirtschaft abspielte, darauf nicht anders als mit der ideologischen Auseinandersetzung "mehr Staat" gegen "weniger Staat" reagiert.

Er übersieht im Übrigen, dass die Schutzdämme, die die Staaten der internationalen Gemeinschaft als letzte Rettung vor dem völlig chaotischen Zusammenbruch der Finanzmärkte und des liberalisierten Welthandels errichteten, zu einem Ausmaß an Verstaatlichung nicht nur im Bankensektor geführt haben, das es auch vor Reagan nicht gegeben hatte. (Bei uns in Österreich war ich als Steuerzahler zwar einmal ideeller Miteigentümer der Creditanstalt, aber nun bin ich, was ich mir nie gewünscht habe, auch ein solcher der Hypo Alpe Adria.)

Warum kann ein Mann wie Feldstein und warum können etliche, die ihm ideologisch folgen, nicht akzeptieren, dass es systematisches Marktversagen gibt, so wie es, unbestritten, systematisches Staatsversagen gibt? Warum ist nach allem, was jüngst geschehen ist und hoffentlich - da bin ich nicht sicher - hinter uns liegt, nicht die Erkenntnis gefestigt, dass "hands off" des Staates genauso schlimme Folgen haben kann wie bürokratischer und ideologischer Etatismus?

Frage der richtigen Mischung

Haben führende Köpfe der Ökonomie noch immer nicht akzeptiert, dass die Reinform der Marktwirtschaft und die Reinform der Staatswirtschaft extrem dazu tendieren, vom gesamtwirtschaftlichen Optimum abzuweichen? Es bleibt der Ökonomie wirklich nicht erspart, die jeweils bestmögliche Mischung zwischen Staatsregulierung und freiem Spiel der Marktkräfte zu definieren. Daraus entsteht keine elegante Reinkultur, daran kann keine Ideologie anknüpfen, das mag man dann "reality-based economics" nennen, wie John Cassidy in seinem neuen Buch Why markets fail.

Ich hätte mir gewünscht, Martin Feldstein, der auch einige Zeit in Wien lehrte, als äußerst gescheiten und liebenswürdigen Mann der Wissenschaft in Erinnerung zu behalten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9./10.1.2010)

Zur Person

Helmut Kramer, Professor für Wirtschaftspolitik, leitete bis 2005 das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo).

Weiterlesen

Serie "Zukunft des Kapitalismus" auf derStandard.at/Wirtschaft

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 113
1 2 3
sociovation
01
10.1.2010, 19:59
Könnte es vielleicht sein, dass besagter Herr Feldstein

eher ein brillianter Hack-Scientist als ein brillianter Geist ist?
M. a. W.: Ein Blender, der KHG in tiefsten Schatten stellt.

eagle13
 
01
10.1.2010, 16:29
Noch hat sich das System der Freien Marktwirtschaft mit Mrd und aber Mrd vom Steuerzahlen gehalten. Aber schon wird wieder nach einer Deregulation des Marktes und einer Zurückdrängung des Staates geschrien.

In dem derzeitigen System ist es nur eine Frage der Zeit bis die nächsten Blasen platzen und es stellt sich allein die Frage wieviel Geld die Staaten zur Verfügung haben um diese dann zu stützen um nicht selber unterzugehen.
Primär können alle EU - Staaten und auch weitere nicht mehr die Forderungen ihrer Gläubiger erfüllen und sind somit Regierungsunfähig.
Aber Leider gibt es keine Mischung aus Staats und Marktwirtschaft, es sei denn sie basiert auf Angst, wie die soziale Marktwirtschaft.

Kapitalismus Luege
22
10.1.2010, 15:42
3% der Amerikaner besitzten 60% des Vermögens

sie können die Unvermögenden kaum bewirtschaften, sondern *müssen* (in Blasen) "investieren".

Diese Spielform des Kapitalismus ist Feudalismus. Die neuen Feudalherren kontrollieren die Zirkulationssphäre, so wie die Kommunisten die Produktionssphäre kontrolliert haben.

Eine "Monitative" demokratisch neben den 3 anderen Gewalten (Judikative, Exekutive, Legislative) könnte Abhilfe schaffen.

Poldi Fesch
00
10.1.2010, 17:26
denkfehler

ohne Blase waeren es keine 60%

Häuptling Abendwind
05
10.1.2010, 13:11
Fundamental gesehen ist es erschreckend einfach...

Jedes Guthaben ist nichts anderes als mit Zins versehene Schulden. Die Schuldner müssen diese hereinarbeiten. So lange sie dies schaffen, ist der Schuldschein gültig - das Ersparte "existiert". Da aber Zinswachstum exponentiell ist, die Leistung der Schuldner aber nicht mithalten kann, reisst irgendwann die Schere zwischen Forderung und der Fähigkeit diese zu bedienen auf - et voila! Wir MÜSSEN die Reset Taste drücken und die Schuldverhältnisse wieder auf ein Niveau zurückführen, welches die Schuldner bedienen können. Wäre es durch einen Bankencrash passiert, wären alle geschoren worden - jetzt wird es durch eine Geldentwertung gemacht, damit Superreiche und Günstlinge rechtzeitig ihre Schuldscheine in Ware verwandeln können. Toll, nicht?

Poldi Fesch
01
10.1.2010, 17:27
bewaehrtes

System der Sozialdemokratie, Androsch fragen

Häuptling Abendwind
00
10.1.2010, 19:29
Plonk!

Poldi Fesch
00
10.1.2010, 21:01
:) das ist jetzt

wirklich leicht, die hohe Inflation Anf. der 70er sowie die Einfuehrung der Mwst. hate vor allem den Sinn, die hohen Schwarzgeldbestaende abzuschoepfen.

Greenspann
36
10.1.2010, 12:31

Herr Krames Erwiderung tut dringend Not! Seine Höflichkeit, Feldstein als brillanten Geist zu bezeichnen, ist üblicher akademischer Kotau! Allein Feldsteins Referenz, Berater von Reagen gewesen zu sein, disqualifizert ihn. Seine Uneinsichtigkeit nach der Finanzkatastrophe wäre Anlass für Entmündigung! Thank`s very much!

flotter denker
92
10.1.2010, 16:11
Reagan war der beste US-Praesident seit Roosevelt

Und auch nach ihm kam bis jetzt kein Besserer nach.
Das Desaster auf den Finanzmaerkten haben Klinton, Busch, Greenspan und Bernanke zu verantworten.

scala2
43
10.1.2010, 13:38
So spricht halt ein wahrer Linker:

Ein Wissenschaftler - gleich welche Referenzen er hat - gehört sofort entmündigt, wenn er sich wagt etwas gegen die eigene linke Vorstellung einzuwenden.

Aber Hauptsache man redet sich selber ein man sei Kämpfer für freies Denken, freie Meinung oder andere Menschenrechte.

Jake Gittes
24
10.1.2010, 09:31

Danke Herr Kramer für die vernünftigen Worte.

the comedian
 
00
10.1.2010, 07:37
respekt

die irrungen und wirrungen rund um die donaudumpfbackenuni seien herrn kramer hiermit verziehen.

Amelia Schöneberger
61
10.1.2010, 02:02

nicht deine Liga Kramer

scala2
02
10.1.2010, 00:18
Mit der Hypo benutzt der Kommentar ein besonders

schlechtes Beispiel, weil diese Bank immer im staatlichen Eigentum war und damit unter vollständiger staatlichen Kontroller stand.

Gerade diese Bank zeigt, dass wohl nur eine Berufsgruppe weniger Verantwortung übernimmt und damit noch verantwortungsloser agiert als neoliberale Bankmanager nämlich nach Aufstieg gierende Politiker.

Im übrigen sollten sich nach dem Staat rufende Ökonomen endlich auch eingestehen, dass Greenspan/Clinton eine sehr interventionistische Politik betrieben haben und damit mindestens genauso viel zur derzeitigen Krise beigetragen haben wie Intransparenzen im Bankbereich.

Häuptling Abendwind
00
10.1.2010, 19:34
Das beide Gruppen in den Knast gehören mag ja stimmen

Allerdings ist es bei Banken und Politikern mittlerweile eine Frage wer die Henne und wer das Ei ist. Halten sich die Banken die Politiker oder umgekehrt?
Da ich mich ohnehin mit einem Staat konfrontiert sehe, in dem nicht das Wohl der Bürger, der Fortschritt oder breiter Wohlstand sondern nur mehr die maximale Ausbeutung und Sedierung der Massen zum Ziel erkoren wurde, habe ich auch keine Lust mehr, zwischen den Verantwortlichen zu differenzieren - es ist das selbe Gesindel, es tauscht die Aufsichtsrats-, Minister- und Abgeordnetensessel wie bei einem Reise nach Rom spiel! Ich sehne daher still den Tag herbei, an dem wir ihre Sessel durch Pritschen austauschen, von mir aus auch stromführend.

frantiseklistig
00
10.1.2010, 17:24
Das ist schon weit hergeholt.

Die Hypo hatte zuletzt als Haupteigentümerin die Bayerische Landesbank. Was auch immer dort an falschen Entscheidungen gefallen mag, sind sicher nicht in erster Line von Politikern getroffen worden. Die bayerischen Politiker haben sich sicher nicht mit Ruhm bekleckert, verursacht haben sie das Kärntner Schlamassel nicht. Da sollte vielleicht der Alteigentümer Grazer Wechselseitige Versicherung - seit Jahren in den Organen vertreten - eher zur Verantwortung gezogen werden.

Circus Maximus
02
Reulierung vs Deregulierung

Die traurige Wahrheit ist: Die (Basel Committee, siehe http://www.bis.org/press/p091217.htm) sind drauf und dran die Regulierung derart komplex zu machen, dass das auf eine Non-Regulierung hinausläuft, was ja derzeit schon zu beobachten ist. Tatsache ist, dass schon Basel II eine Komplexität in die Regulierung gebracht hat, die von Banken nicht und noch weniger von Aufsichtsbehörden kontrolliert werden kann, dem setzt man nun noch eins drauf. Ich sage: Zu viel Regulierung läuft im Effekt auf eine schleichende Deregulierung hinaus. Das ist es, was derzeit passiert. Auch wenn der Ruf nach mehr Regulierung menschlich verständlich sein mag, es ist der falsche Weg. Was es bedürfte wäre nicht mehr an Regulierung, sondern Vereinfachung.

JoeGro2
36
Die Hedgefonds: 2009 - 20% zugelegt

Wenn wir nur nicht zu viel regulieren - die Hedgefonds haben die Krise schon überwunden. Wie sagte schon ein großler Kanzler: Mehr P i r a t , weniger Staat.

Amelia Schöneberger
74
10.1.2010, 02:03

nicht trotz, sondern wegen dieser staalichen "Regulierungen" sind Hedgefonds die großen Gewinner. Und werdens bleiben. Naive Linken werden das natürlich nie verstehen, das ist mir schon klar. Da muß man ganz vorn anfangen. Kleines 1x1 etc.

lesezeichen
07
10.1.2010, 11:10

die hegdefonds machen gewinne - ätsch-bätsch ihr linken .. harhar .. der reine markt funktioniert zwar nicht, aber es gelingt euch nicht ihn zu bändigen .. harhar .. er wütet weiter .. hehehe

manche marktfundamentalisten wirken auf mich wie diese weltzerstörer in den james-bond filmen

lesezeichen
00
10.1.2010, 10:58

und sie freuen sich scheinbar ganz narrisch darüber

flotter denker
43
Eine reine Marktwirtschaft fordert sowieso keiner

Am Beispiel der Bankenregulierung:
Es stimmt ja nicht, dass Banken je voellig unreguliert gewesen waeren. Regeln gabs und gibts zu Hauf. Und jetzt einfach zu fordern, dass wir mehr Regeln brauchen greift zu kurz. Da muss man schon dazusagen, welche.
Denn es besteht sowohl die Gefahr, dass sich alle Regulierungsversuche totlaufen und im Endeffekt alles beim (schlechten) Alten bleibt, als auch, dass in blinder Aktionswut irgendwelche Regeln geschaffen werden, die am Ende mehr schaden als Nutzen.
Der Finanzmarkt braucht beides: Regeln, die einen Kollaps erfolgreich verhindern, und genuegend Flexibilitaet, um sich weiterzuentwickeln und neuen Gegebenheiten anzupassen.

lesezeichen
12

interessant was der _finanzmarkt_ so braucht ....

das problem ist nur, dass die _menschen_ einen finanzmarkt, der völlig aus dem ruder läuft, nicht brauchen

ihre forderung nach "regeln, die einen kollaps verhindern" ist übrigens auch nicht gerade konkret ..

flotter denker
01
10.1.2010, 16:08
Also konkreter:

1) ad Regeln: strengere Erfordernisse beim Eigenkapital; Differenzierung der Eigenkapitalerfordernisse nach Risiko; noch strengere Regeln fuer besonders grosse Institutionen, die bei Scheitern das ganze System in Gefahr braechten.
2) Die Menschen brauchen natuerlich keinen voellig aus dem Ruder laufenden Finanzmarkt. Drum solls ja Regeln geben. Einen Finanzmarkt brauchen sie aber schon. Denn irgendwie muss man ja entscheiden, wohin die Investitionen fliessen sollen. Und da ist der Finanzmarkt immer noch viel effizienter, als z.B. der Staat (siehe UdSSR)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 113
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.