Delors: "Es geht um Überleben oder Niedergang"

Stefan Brändle, 11. Februar 2010, 16:30
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    foto: epa/chema moya

    Spaniens Premier Zapatero (li.) hat den langjährigen früheren EU-Kommissionspräsidenten Delors in einen "Weisenrat" berufen. Der Franzose soll Vorschläge für Wege aus der Wirtschaftskrise liefern.

Der wohl erfolgreichste EU-Kommissionspräsident rügt die Ich-Bezogenheit der Regierungschefs. Ein Gespräch in Paris

Jacques Delors, neuer EU-Weiser, geht mit den heutigen Europapolitikern ins Gericht.

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Der Reformvertrag von Lissabon ist in Kraft, die auf 27 Mitglieder angewachsene EU hat damit endlich ihre innere Organisation angepasst. Doch der alte Kontinent steckt weiter in der Krise. Spanien, das zum Jahresbeginn den halbjährlichen Ratsvorsitz in Brüssel übernommen hat, kämpft zum Beispiel mit einer Arbeitslosigkeit von nahezu 20 Prozent.

Der spanische Regierungschef José Luis Zapatero hat deshalb diese Woche einen Weisenrat, bestehend aus seinen Landsleuten Pedro Solbes und Felipe González sowie dem Franzosen Jacques Delors, berufen. Der 84-jährige Sozialdemokrat leitete die EU-Kommission von 1985 bis 1995 und ist einer der angesehensten Gründerväter der Europäischen Union. In den Pariser Büros seines Thinktanks "Notre Europe" (Unser Europa) führt der Elder Statesman Europas aus, wo der Schuh drückt.

Delors spricht wie immer zugespitzt: "Es geht für uns um das Überleben oder den Niedergang. Die Europäer sind sich dessen nicht bewusst, aber die Alternative ist wirklich so dramatisch" , meint er. "Zuerst einmal müssen sich die europäischen Regierungen zusammenraufen und wieder zum Geist der Kooperation zurückfinden."

Nationale Solotouren

Heute bevorzugten die einzelnen Staats- und Regierungschefs hingegen nationale Solotouren. Nach den EU-Gipfeln kehrten sie in ihre Hauptstädte zurück und posaunten, sie hätten ihre nationalen Interessen gegen die anderen mit Haut und Haar verteidigt. So nach dem Umweltgipfel in Kopenhagen, ebenso auch bei den nationalen Rettungsplänen gegen die Finanzkrise. "Man kann nicht eine Familie bilden und das Ziel verfolgen, gegen den anderen gewinnen zu wollen" , meint Delors, der keine Namen nennen will. Aber dass er Politiker wie Nicolas Sarkozy oder Silvio Berlusconi im Visier hat, lässt sich unschwer erahnen.

Die heutige Politikergeneration müsse wieder lernen, eine "europäische Pädagogik" zu betreiben - und selbst besser zusammenzuarbeiten. Das sei in den 27 Hauptstädten weitgehend abhanden gekommen , meint der frühere Kommissionspräsident. "Eine bessere wirtschaftspolitische Koordination - nicht unbedingt eine eigentliche ‚Wirtschaftsregierung‘ - hätte die Krise zwar nicht verhindert, aber das Wirtschaftswachstum maximiert und wohl um einen halben Prozentpunkt gesteigert" , was Hunderttausende von Arbeitsplätzen geschafft hätte.

Deshalb begrüßt Delors den Ansatz des neuen EU-Ratspräsidenten Herman Van Rompuy, am 11. Februar einen außerordentlichen Wirtschaftsgipfel nach Brüssel zu berufen. Der Belgier übernehme die ihm zugedachte Rolle - nicht eines exekutiven Entscheiders, sondern eines "Chairman, der die Dinge in die Wege leitet" . Indem er die 27 Regierungschefs zu einem Kamingespräch einlade, suche er zuerst einmal den verlorengegangenen EU-Kooperationswillen neu zu beleben. Dies sei wichtiger als Sofortmaßnahmen. Das Brainstorming der 27 müsse langfristig angelegt sein, wie auch Van Rompuy sage: Es gehe letztlich um die Frage, ob und wie die Europäer ihren Lebensstandard überhaupt wahren könnten. Einen Weg dazu sieht Delors in der Umwelttechnik.

Wenn Delors mit den heutigen Europapolitikern ins Gericht geht, verschweigt er nicht, dass ihre Selbstbezogenheit dem gefährlichen Trend zum Individualismus folge, der die europäischen Gesellschaften erfasst habe. Das "Jeder für sich" führe dazu, dass sich die einzelnen Nationen und Bürger nach außen abschotteten. Nur so sei die französische Debatte über die "nationale Identität" zu erklären, meint Delors - erneut, ohne den Debattenlancierer Sarkozy zu nennen. "Die Regierungschefs müssen wieder von Europa sprechen, weil das den Nachbarn betrifft, den ‚Anderen‘. Sonst ziehen sich die Leute noch mehr auf sich selber zurück und fallen den obskurantischen Kräften und Egoismen anheim."

Allein schon aus diesem Grund sei die Öffnung der EU zu den neuen Ostmitgliedern richtig gewesen, meint Delors. Und die Türkei? "Ich habe mich nie für oder gegen den EU-Beitritt Ankaras ausgesprochen" , meint der aus katholischen Verhältnissen stammende Franzose. "Aber ich bin für die Fortsetzung der Beitrittsverhandlungen. Sonst verleihen wir den Kräften Aufschwung, die ‚den Anderen‘ zurückweisen." (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, Printausgabe 9./10. Jänner 2010)

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20 Postings
frune
08
Die Situation ist absurd

Wir erleben die schwerste Krise der Europäischen Union.
Die Wirtschaft ist eingebrochen - alle die konnten, haben mit Konjunkturpaketen die negativen Wirkungen abzufedern versucht, so gut es ging.

Jetzt, wo beinahe alle europ. Staaten ihr Pulver verschossen haben, bleibt ihnen (nach eigener Meinung) anscheinend nur, abzuwarten, und die Masse von der tatsächlichen Situation abzulenken.

Dies ist der Moment, wo es sich rächt, dass nicht nur in Ö, sondern vor allem auch in GER, ITA, FRA, nicht mehr "Politiker" die wichtigsten Posten besetzen, sondern VERWALTER, deren grösstes Talent darin besteht, die öffentl. Meinung durch das lancieren von Belanglosigkeiten von den wahren Problemen abzulenken. Sachverstand, Innovationsgeist: unauffindbar.

alexander blass
00
14.10.2011, 22:42
Bitte folgende Links ansehen und auch weiterleiten..Aufklärung ist dringend ervorderlich!!!

ESM was da auf uns zukommt!!

http://www.youtube.com/watch?v=8kmcloVZu1o

Die Rückzahlung der Systemverschuldung ist unmöglich!

http://www.krivor.de/joomla/in... &Itemid=75

Versklavt für die nächsten 100 Jahre!!

http://derhonigmannsagt.wordpress.com/2011/10/1... 100-jahre/

Wohin den all dieses Geld fliessen wird?!!

http://www.deutsche-mittelstands-nachrichten.de/2011/10/26644/

Lesen und weiter verbreiten wäre wirklich wichtig!!

We are the 99% sooner or later..4 sure!!

alexander blass
00
14.10.2011, 22:22
The Brain Wash hat begonnen..

..grün von meiner seite...

Jetzt dürfen wir uns von den bezahlten Scharf Machern und späteren Nutznießern des geplanten ESM sogar noch auf unverschämte weise anhören das wir auf Grund Nationaler Interessen zu langsam sind um uns gegen die aus den USA schießenden und bezahlten Ratingagenturen zu wehren! Wer bis jetzt noch nicht erkannt hat das die "Cowboys" pleite sind und nun jagt auf das Europäische Tafelsilber machen und uns dabei genau so skrupellos im Elend zurück lassen wie ihre eigenen Bürger der tut mir leid! Ein Wirtschaftskrieg ist im Gange und nur die Staaten werden ihn überleben welche die Finger von den Aktien, Derivaten, CDS etc. lassen und ihr Geld in das eigene Volk und ihre Realwirtschaft stecken..siehe Schweiz

Fraho
12
15.2.2010, 08:40
ich kann Dir vollkommen zustimmen!

Die 3 Grundfreiheiten - freier Dienstleistungs-, waren- und Kapitalverkehr - sind der Sargnagel der EU und des Euro.
Wir erleben derzeit, dass alle Länder mit massiver Arbeitslosigkeit und Defiziten zu kämpfen haben. Die produzierenden Konzerne werden nach China etc. verkauft und wegen Umweltstandars und Löhnen dort wieder aufgebaut. Europa verkommt zu einem Industriefriedhof!
Es gibt nur EINE Lösung - Einfuhrzölle zu erheben und die Gruppenbesteuerung abschaffen. Europa muß sich selbst versorgen können und darf sich nicht in Abhängigkeit begeben.
Diese in einigen Ländern bereits bestehende Arbeitslosigkeit von über 20 % und die ausufernden Staatsdefizite sollten Warnung genug sein, dass es so nicht mehr lange weiter gehen kann.

Hamit_Hatemi
00
26.1.2010, 20:02

Wieso ist Delors der "erfolgreichste EU-Kommissionspräsident"?

Margareta Stubenrauch
00
22.1.2010, 16:01
Delors ist verdienstvoll, aber kein Gründervater

Jacques Delors war zweifellos einer der verdiensvollsten Präsidenten der Europäischen Kommission. Als er dieses Amt übernahm bestand die (damalige) EWG aber schon fast 30 Jahre. Die wahren Gründerväter sind Jean Monnet, Robert Schumann, Paul Henri Spaak, Alcide de Gaspari, Konrad Adenauer und viele andere, die im Hintergrund für die Einigung Europas gearbeitet haben.

fmdj
01
13.2.2010, 22:24

Delors gibt sich gern als Gründervater der EU (natürlich nicht der EWG). Und blendet heute gerne ein paar wichtige Mitspieler hinter den Kulissen aus, z.B. den European Roundtable of Industrialists (ERT) und andere einflussreiche Lobbies wie AmCham. Dass Zapatero nichts anderes einfällt als die neo-liberalen Sozialisten der 85er - 95er Jahre zum Ratgeben zusammenzutrommeln, ist ein schlechter Witz für einen, der sich für links hält. Natürlich ist die übertriebene Deregulierung schuld am Desaster, und die wurde gerade unter Delors zum EU-Mantra. Wenn er sich "Weise" suchen will - die gibt's, sind aber sicher keine Politiker.

curieux
00
16.1.2010, 11:03
verklärung

Nun, seinerzeit war Delors auch nicht so unumstritten! Auch damals waren die Regierungen schon nationalegoitisch. Und heute in Österreich wird jeder angepatzt, wenn er etwas wird in Europa oder in der UNO...

Thomas Wetschnig
03
20.1.2010, 09:13
Je umstrittener ein Politiker ist ................

............. umso richtiger ist meist seine Handlungsweise. Jene, die nicht umstritten sind sind meist diejenigen, die am Ende ihrer Amtszeit keine nennenswerten Leistungen vorweisen können.

Thomas Wetschnig
01
12.1.2010, 10:46
Die Parteien haben es verabsäumt .................

........... bei der letzten EU-Wahl den Kommissionspräsidenten zur Disposition zu stellen indem sie schon vor der Wahl verkündeten, Baraos wieder wählen zu wollen. Es gibt nichts, was ich mir sehnlicher wünschen würde als einen neuen Delors. Der hat wirklich viel weiter gebracht, vor allem weil er vorbehaltlos von der Richtigkeit seines Projektes überzeugt war. Hätte er dagegen immer nur auf Meinungsumfragen gehört oder sich den Staats- und Regierunschefs angebiedert, dann sähe Europa heute deutlich schlechter aus.

Kid "Kongo" Powers
00
13.1.2010, 15:00
Die Parteien haben es verabsäumt

viel schlechter gehts nicht mehr. naja, doch, das kommt 2010.

skip it
10
12.1.2010, 08:02
da gibt's welche,...

...denen sollt' er nachhilfe geben.

nnn nnn
 
32
Verklärung der Vergangenheit

Es waren die egoistischen Einzelinteressen, die die Nettoempfänger in die Arme der EU trieben, es waren die Wirtschaftsinteressen der Nettozahler, ide ihren Völkern Lasten aufbürdeten.
Seit der Aufblähung der EU ist ein beständiger Niedergang der Nettozahler - Völker spürbar, deren Eliten aber ständig tönen, wie reich wir durch die EU wurden. Anhand der Gewinne der Aktiengesellschten, der Banken und Spekulanten kann das bewiesen werden. Doch wer hat die Zeche bezahlt?

hedgehog
01

Was verstehen sie eigentlich unter "Zeche bezahlen", bitte schön?

Christoph ************
01

"Niedergang der Völker"? Bitte was soll das konkret heißen? In der Krone würden man danach gleich von der "Umvolkung" lesen. Meinen Sie das? Oder meinten Sie wohl doch eher "Volkswirtschaften"?

Ava Tar
43
der Delors war halt noch ein Mensch

damals konnte man guten Gewissens an ein Europa der Bürger glauben

erschreckend eigentlich, wie schnell das verloren ging

TanteMitzi
16
"wie schnell das verloren ging"

Das Ganze ist (auch) die Summe der Teile... wie Griechenland, England ... die Provinz Österreich.

Und Komödianten wie Berlusconi, Klaus, Kaczynski, auch Sarkozy...Feymann ...

byron sully
14
das waren noch zeiten,

als an der spitze der eu leute von format wie delors standen und nicht flaschen wie barroso (by the way: das waren noch zeiten, als in österreich leute von format wie vranitzky regierten und nicht flaschen wie faymann...)

Enrico Furioso
01
Vranitzky? Format?

Der letzte Politiker mit wirklichem Format war imo Bruno Kreisky. Selbst Schüssel hatte als Politiker noch mehr Format als der Teflon-Kanzler, wenngleich insgesamt ein eher negatives.

skip it
01
12.1.2010, 08:01
wenn ich mir anschau,...

...was nach ihm kam, muss ich sagen, vranitzky war geradezu ein ausbund an charisma und integritaet.

und das will was heißen.

mfg,

ein schwarzer.

ps: kann sich jemand einen vranz vorstellen, wie er ein brieferl an den onkel dichand schreibt?

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