"Der klassische Bergfilm war fürchterlich"

8. Jänner 2010, 17:24
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    foto: thimfilm

    Keine Heldengeschichte, "sondern eine, wie sie das Leben spielt": Andreas Tobias und Florian Stettner als Brüder Messner.


    Drama im Gepäck: Joseph Vilsmaiers "Nanga Parbat" - ab 15. 1. im Kino

    Wien - Die Besteigung des 8125 Meter hohen Nanga Parbat durch Reinhold und Günther Messner 1970 wurde nicht nur vom Tod des jüngeren Bruders überschattet, sondern in der Folge auch von Rechtsstreitigkeiten mit anderen Expeditionsteilnehmern: Diese warfen Messner vor, seinen Bruder nach der gemeinsamen Durchsteigung der Rupal-Flanke, der höchsten Steilwand der Welt, auf dem Gipfel im Stich gelassen zu haben.

     

    Als der Berg schließlich 2005 die Überreste von Günther freigab und damit Reinholds Version stützte, trat dieser an Regisseur Joseph Vilsmaier (Stalingrad, Comedian Harmonists) heran, um die Ereignisse für die Leinwand zu adaptieren - wohl auch, um so einen Schlussstrich zu ziehen.

     

    Vilsmaier konzentriert sich auf Rivalitäten: auf die kameradschaftliche zwischen den Brüdern (Andreas Tobias, Florian Stettner) und auf jene mit Expeditionsleiter Karl Maria Herrligkoffer (Karl Markovics), der der Messner'schen Freigeistigkeit nur Nazirhetorik und Knickerbocker-Mentalität entgegensetzen kann. Körperliche und technische Herausforderungen treten ebenso in den Hintergrund wie der Nanga Parbat: Das wahre Drama nehmen die Menschen hier mit auf den Berg - und zurück in die Zivilisation. (pek)

Auf der Kinoleinwand durchleiden die Brüder Messner nun noch einmal die Tragödie am Nanga Parbat - Der echte Reinhold Messner im Interview

Standard: Die Besteigung des Nanga Parbat, bei der Ihr jüngerer Bruder Günther ums Leben gekommen ist, liegt mittlerweile 40 Jahre zurück. Warum sind Sie jetzt an Joseph Vilsmaier herangetreten, um das Drama als Film zu erzählen?

Messner: Die Ereignisse habe ich schon damals im Buch Die rote Rakete dokumentiert, das ich aus rechtlichen Gründen nicht veröffentlichen durfte. Darin wechsle ich öfter die Erzählperspektive, weil ich auf dem Nanga Parbat das Gefühl hatte, zugleich Akteur und Zuschauer zu sein. Das war eine außerkörperliche Erfahrung, die für mich eigentlich nur als Film erzählbar war. Der Untertitel des Buchs heißt auch Drehbuch zu einem Film, der nie gezeigt werden kann.

Standard: Ist die Verfilmung also eine nochmalige Aufarbeitung und späte Hinterfragung?

Messner: Ich hatte kein Interesse, eine Heldengeschichte zu erzählen. Mein Bruder und ich hatten uns aus eigener Schuld in eine Zwangslage manövriert, aus der wir nicht mehr auskamen. Das ist Tatsache. Ob unsere Entscheidung richtig war oder falsch, spielt aber keine Rolle. Diese Geschichte ist Teil meines Lebens und so nahe wie möglich an den Tatsachen erzählt.

Standard: Der Film endet mit einem Foto von Ihnen, als Sie Jahre später noch einmal allein auf dem Gipfel waren. Eine Art Echtheitszertifikat auch für den Film?

Messner: Aus der 1970er-Expedition haben wir keine Bilder gerettet, die sind mit dem Bruder verschwunden. Für mich ist ein Gipfelfoto aber völlig unwichtig. Natürlich war die Bezwingung der großen Berge ursprünglich ohne Foto nicht beweisbar: Auch Hermann Buhl konnte seine Erstbesteigung des Nanga Parbat 1953 nur anhand seines einzigen Fotos beweisen. Ich habe selbst davon gelebt, dass ich Bilder gemacht, Vorträge gehalten habe. Heute ist mir das Fotografieren auf dem Berg mit diesen kleinen Kameras peinlich geworden. Außerdem spielt es keine Rolle mehr, ob ich irgendwo oben war oder nicht.

Standard: Der vom Heldentum geprägte deutsche Bergfilm der 30er-Jahre lebte stark von Mythos und Melodram. War Ihnen Distanz zu bestimmten Traditionen wichtig?

Messner: Der klassische Bergfilm war fürchterlich. Die Filme von Fanck, deren Ästhetik Riefenstahl und Trenker übernahmen, haben das politische System verinnerlicht - und waren damit unglaublich erfolgreich. Damit ist der Bergfilm später in Misskredit geraten. Und die gleichen Autoren - bis auf Riefenstahl, die nicht mehr auf die Beine kam - haben dann nach dem Krieg Heimatfilme geschrieben, die im Grunde noch viel schlimmer waren.

Standard: Dafür erliegt der moderne Bergfilm der Faszination für die Natur, der Held wird zum Abenteurer und Aussteiger.

Messner: Aber noch niemand hat einen Film geschaffen, der auf dem Berg spielt und das entsprechende Selbstverständnis beim Zuschauer auslöst. Auch der Dokumentarfilm Am Limit über die Huber-Brüder, der Sportklettern als Höchstleistung präsentiert, wirkt in diesem Punkt verkrampft. Nordwand über die Tragödie auf dem Eiger hat sich zu Recht an der Ästhetik der 30er-Jahre orientiert und ist bis auf das verunglückte Ende immerhin ein guter Ansatz. Aber Filme wie Vertical Limit oder Cliffhanger waren einfach nur fürchterlich.

Standard: Wie kann man sich also distanzieren?

Messner: Etwa durch die Musik. Nicht mit Wagner, sondern mit einem Filmkomponisten wie dem Argentinier Gustavo Santaolalla. Außerdem durch die Dialoge selbst: Dadurch dass unser Expeditionsleiter Herrligkoffer mit seiner Haltung aus der Zwischenkriegszeit auf den Geist der 68er prallt, hatten wir die Möglichkeit, das Pathos zu konterkarieren.

Standard: Herrligkoffer spricht ganz im Duktus eines Soldaten von Sieg und Schlacht. Hier wird eine "alte" gegen eine "neue" Schule in Opposition gebracht, sowohl rhetorisch als auch alpinistisch.

Messner: Herrligkoffer spricht immer von der Gemeinschaftsleistung. Eine kriegerische Haltung. Er steigt ja auch für seinen auf dem Nanga Parbat verstorbenen Bruder, Willy Merkl, hoch. Er hat auch 1953 über Buhls Erstbesteigung immer im Plural geschrieben, worauf Buhl ergänzt hat: "Immer wenn er ‚wir‘ schreibt, war er ab und zu in der Nähe. Wenn er ‚ich‘ sagt, war er nie dabei."

Standard: Eine besondere Funktion im Film nimmt der Pfarrer im Südtiroler Heimatdorf ein, der bedeutsam über Kain als "Hüter seines Bruders" predigt.

Messner: Wir haben nach Diskussionen die calvinistische Bußhaltung wieder abgeschwächt. Aber der Pfarrer hat vermittelnde Funktion. Und diese Dorfgeschichten kann Vilsmaier recht gut erzählen: Wie funktioniert eine Gemeinde in den Bergen? Zum kirchlichen Hintergrund habe ich weniger Zugang. Bei uns sind alle in die Kirche gegangen bis auf meinen Urgroßvater. Der konnte angeblich zwölf Liter Wein trinken, bis er besoffen war, und ging nie in die Messe. Er hat seinen Hof verloren, sonst wäre ich nicht Bergsteiger, sondern Bauer geworden.

(Michael Pekler,  DER STANDARD/Printausgabe, 09./10.01.2010)

Zur Person:
Reinhold Messner, geb. 1944 in Brixen, Extrembergsteiger, Autor und Politiker, hat zwischen 1970 und 1986 als Erster alle 14 Achttausender bestiegen.

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Njörd
00
16.1.2010, 07:33
Man soll den Messner in Ruhe lassen, aber:

Kienlin, ein Gast der Expedition von 1970, damals ein enger Freund Messners, hat in einem Buch Tagebuchaufzeichnungen vorgelegt. Reinhold Messner, heißt es da, habe ihm unmittelbar nach der Überschreitung des Gipfels anvertraut, seinen Bruder bereits weit oben aus den Augen verloren zu haben.
Dem Reinhold wurde bekanntlich von anderen Expeditionsteilnehmern vorgeworfen seinen Bruder Günther im Stich gelassen zu haben.
Stimmt diese Version war es wohl aus purem Überlebenskampf und aus Verzweiflung.
Man kann auch nicht ausschließen, dass Reinhold selbst nicht mehr ganz Herr seiner Sinne war.
Schlimm war es für beide. Persönlich hätte ich vermutlich aber keine Lust verspürt, mich danach bei einer Verfilmung des Dramas zu beteiligen.

eyeinthesky
00
14.1.2010, 10:12
wenn der klassische bergfilm fürchterlich ist,

so ist leider auch dieser berfilm ein klassischer. der messner spürt sich ja selbst nicht mehr vor eitelkeit. unerträglich... don´t messnerize me!

kruazimuageli
00
12.1.2010, 09:38
höchst interessant.

für mich ist vor allem die überzeugung verwunderlich und zugleich bedenkenswert, dass nur der egoist als der wahre einzelgänger gegen nationalsozialismus gefeit ist.

alte frau
11
10.1.2010, 22:42

ich war ja damals die erste frau, die alle 8.000er ohne sauerstoff bestiegen ist. das hat der messi nie verkraftet.

major grubert
02
16.1.2010, 12:05
ich denke eher

das sie froh sind wenn sie in einem haus den 3ten stock ohne sauerstoffzelt schaffen.

annabrecht
40
da fällt mir josef hader ein,

war's in privat? da kommt der reinhold messner mit ihm aus der hölle raus, weil der hader regelmäßig den teufel schießt und plötzlich beschließt der messner durch sein nasenloch in sein gehirn zu steigen, weil "da war i no nit!". hat sich sein lebensmotto im alter tatsächlich aufgelöst? irgendwelche spannenden orte oder gipfel wird's schon noch zu erklimmen geben, oder?

Renzo Pasolini
83
"Außerdem spielt es keine Rolle mehr, ob ich irgendwo oben war oder nicht."

Na also! Dann ist ja auch das verdiente Geld nicht mehr wichtig und ich empfehle Messner daher, sein Vermögen den Verwandten von Franz Jäger zu schenken, dessen Tod er 1972 mitverschuldete!

Hairy Tongue
04
10.1.2010, 15:27

unsinn. jäger wollte absteigen, messner wollte "auffi" (wie immer). dabei hat sich ersterer verirrt und ist zu tode gekommen. als messner vom gipfel zu den wartenden ins höhenlager zurückkam, haben sie jäger angeblich noch rufen hören. zu behaupten, dass messner schuld an jägers tod trägt, ist also ein schmarrn.

im übrigen gilt das alte bergsteigermotto: wär er net auffigstiegen, wär er net runtergfallen.

Plaats van Samenkomst
00
10.1.2010, 16:43
Messner hätte mit Jäger umkehren müssen.

"Über 7.000 m lässt man einen Kameraden nicht allein!" (Werner Haim)

Hairy Tongue
16
10.1.2010, 22:23

geh bitte, das is doch bei den extrembergsteigern gang und gäbe. wenn einer absteigen will, weil ers net schafft, steigt er halt ab. is ja net so, dass er irgendwie krank oder sterbend zurückgelassen worden wäre.
"i geh obe"
"guat, i geh auffe"
"no donn..."
"babatschi"

Ulysses42
00
15.1.2010, 00:32
danke

hairy tongue, für den dialog!!!
sehr gelacht!!! noch dazu authentischer als authentisch (osttiroler verwandte reden genauso!)

Glod
10
12.1.2010, 10:19
Und wer aus Spass auf einen Berg klettert ist sowieso auf eigene Gefahr unterwegs.

Hairy Tongue
11
12.1.2010, 11:41

zumindest im bereich, in dem sich die messners, habelers, kaltenbrunners herumtreiben, trifft das hundertprozentig zu.

a z
16

Mit (Vor)-Verurteilungen ist der gemeine Couch-Potato Poster gegenüber Extrembergsteigern sehr schnell.
Oder waren sie am Manaslu `72 dabei? Bzw. haben sie Ahnung vom Bergsteigen jenseits der 6.000m?
Die Frage meine ich durchaus ernst, denn ein Wissen ihrerseits würde mein oben getätigtes Vorurteil widerlegen.

kiwi100
01
Wie kann jemand ...

auf über 7.000m am Tod von jemandem Schuld sein?

Renzo Pasolini
43
Indem er ihn alleinlässt!

Das tut man über 7000 m nicht. Außer der Gipfel ist einem wichtiger ...

cfa
01

Mir haben schon die 5895 vom Kilimanjaro gereicht, da hätt ich auch keinem mehr helfen können!

TomSim67
22

Über 7000 m kann man sich nur selbst retten.

major grubert
33
sind sie wo

dagegengelaufen? jeder der sich auf solche hoehen bewegt, und speziell wenn er profi ist, weiss das es da keinen buddy mehr gibt. man arbeitet vielleicht zusammen aber alleine der versuch einem anderen zu helfen kann den eigenen tod bedeuten.
don´t stay in the kitchen ...

Ret Marut
00
11.1.2010, 17:08
Sie denken ja genau wie Messner im Jahr 1970!

Searles
 
00

Ab welcher Hoehe waere es ok?

a z
24

Zitat:> Indem er ihn alleinlässt! Das tut man über 7000 m nicht<

O.K. Ihr wissen in diesem Bereich scheint damit evident nicht existierend. Ein Held der imaginären Lebenssituationen. Na ja, sich vorzustellen wie man handeln würde wenn denn…..ist sicher auch auf gewisse Weise Befriedigend. Für mich nicht ganz nachvollziehbar. Da halte ich mich lieber an Personen die aktiv in diesen Bereichen agieren.

slaine mcroth
12

Alter, red kan Bledsinn!!!!

LEAVE NO MAN BEHIND!
LEAVE NO MAN BEHIND!
LEAVE NO MAN BEHIND!
LEAVE NO MAN BEHIND!
LEAVE NO MAN BEHIND!
LEAVE NO MAN BEHIND!
LEAVE NO MAN BEHIND!
LEAVE NO MAN BEHIND!
;-)

major grubert
00
10.1.2010, 18:58
wuerden sich alle

an das halten gebe es heute beim mt. everest wahrscheinlich doppelt so viele leichen die im schnee herumliegen.

Ret Marut
12
11.1.2010, 17:06
Ganz im Gegenteil!

Denn die meisten sind Opfer der egoistischen Gipfelstürmer!

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