Renée Schroeder: "Ich wollte doch zum Mond fliegen"

8. Jänner 2010, 16:42
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Die Molekularbiologin ist fasziniert von komplexen Systemen - Im Interview erzählt sie, was sie von frauenfeindlichen Strukturen, Religion und Wikipedia hält

STANDARD: Ich habe Sie vor einigen Jahren bei einer Podiumsdiskussion mit vier, fünf Männern gesehen. Als Ihnen erstmals das Wort erteilt wurde, meinten Sie voller Sarkasmus: "Ah, die Quotenfrau darf jetzt sprechen." Hat sich die Situation seither gebessert? Gibt es mehr Frauen in den Wissenschaften, die sich in solchen Foren Gehör verschaffen können?

Schroeder: Es gibt mehr, aber es ist immer noch so, dass Podiumsdiskussionen zum Beispiel zum Thema "Wissenschaft und Religion" mit einer Handvoll Männer, aber nur mit einer oder keiner Frau besetzt werden. Ich muss dann mehreren Rollen gerecht werden. Ich bin die Frau, die Feministin, die Atheistin, die Wissenschafterin. Die Männer dagegen sitzen alle mehr oder weniger im gleichen Lager, dennoch muss jeder nur eine Position vertreten, ob sie nun religiös, konservativ oder vorurteilsreich gegenüber manchen Wissenschaften sind. Dieses Ungleichgewicht empfinde ich oft als sehr schwierig.

STANDARD: Trotzdem werden Sie nie müde, in diese vielen Rollen zu schlüpfen?

Schroeder: Ich könnte wahrscheinlich, würde ich jede Einladung annehmen, jeden zweiten Tag meinen Senf zu irgendeinem Thema abgeben. Nein, mir wird es nicht langweilig, gegen dieses Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen aufzutreten. Frauen werden immer noch oft übersehen und ignoriert. Man vergisst ja gerne, dass bis Mitte der 1980er-Jahre im Eherecht verankert war, dass sich die Frau dem Mann unterordnen muss, gehorsam sein muss. Diese Missachtung der Frauenrechte hat ihre Ursache in den Religionen.

STANDARD: Dieses Argument einer Atheistin ist jetzt nicht gerade überraschend.

Schroeder: Es ist Tatsache: In der Bibel oder im Koran oder der Tora haben Frauen keine Stimme. Die einzige Frau, die hier Bedeutung hat, ist die Jungfrau, die rein sein muss, rein durch Leiden. Das ist ein verheerendes Bild. Im Islam verhüllt die Frau ihr Gesicht. Das ist das Bild einer unterworfenen Frau, die nicht sichtbar sein darf. Es gibt zwar viele Frauen, die sich freiwillig verhüllen und sich sehr wohl zu Wort melden. Das Bild der Frau, die ihr Gesicht verstecken muss, bleibt aber für mich negativ.

STANDARD: Wie verlaufen Diskussionen mit Kirchenvertretern, egal welchen Glaubens, angesichts Ihrer nicht gerade angepassten Sichtweise?

Schroeder: Sie verlaufen nach den immer gleichen Mustern. Man will mir klarmachen, dass wir Menschen von außen gesteuert sind, von Gott gewollt. Wir können uns nicht selbst organisieren. Ein Unsinn. Wenn ich zum Beispiel Katholiken darauf anspreche, dann werden meine Überlegungen als primitiv bezeichnet. Man müsse die Aussagen der Bibel "anders interpretieren" und dürfe sie nicht wörtlich nehmen. Kirchenvertreter werfen jede Menge Zitate in die Diskussion, statt ihre eigene Meinung zu vertreten. Aber wie soll das funktionieren, diese hochgeistige Interpretation? In der Bibel steht, Gott sah auf die Erde, und das, was er sah, gefiel ihm nicht. Dann schickte er auf der Erde die Sintflut. Das ist ein Genozid.

STANDARD: Wodurch entstand diese vehemente Kirchenkritik? Sie lebten doch als Kind in einem sehr gläubigen Land, in Brasilien?

Schroeder: Ich war im Sacre Coeur, obwohl meine Eltern nicht religiös waren. Da hörte ich, Gott habe für Frauen zweierlei Wege vorbestimmt. Entweder wir heiraten und kriegen Kinder, oder wir gehen ins Kloster. Das fand ich ungerecht. Ich wollte doch zum Mond fliegen. Ich beschwerte mich bei meinem Vater, und der sagte, ich könnte, wenn ich mal groß sein würde, alles machen, was ich wollte. Ich entschied: Mein Vater weiß das besser als der Pfarrer im Erstkommunionunterricht. Und: Die Kirche erzieht die Menschen nicht zu reflektierenden Denkerinnen, sondern zu angepassten Dienerinnen.

STANDARD: Ihr Weltbild ist also nicht, von oben herab bestimmt zu werden. Wie schaut es konkret aus?

Schroeder: Die Autorin Melanie Mitchell erklärt es in ihrem Buch Complexity, A Guided Tour sehr schön. Man betrachtet komplexe Systeme und sieht, dass viele Teilelemente und ihre Eigenschaften für die Form dieses Systems verantwortlich sind. Und dass die Zusammensetzung nicht vorbestimmt von außen ist, sondern dass sich die Elemente in verschiedenen Formen miteinander verknüpfen können. Mehr oder weniger zufällig. Ein faszinierendes komplexes System sind Ameisenkolonien. Ameisen sind einzeln stupid, in der Kolonie aber entsteht ein hochintelligentes System. Interessant daran ist, dass die Zusammensetzung der Systeme einmalig ist.

Würde man also die Evolution zurückdenken bis zu dem Zeitpunkt, als die ersten Atome oder Biomoleküle entstanden sind, und fragen, ob die Evolution noch einmal so verlaufen würde wie bisher: Die Antwort könnte nur "Nein" lauten. Einmaligkeit ist nicht wiederholbar. Ein gutes Beispiel ist der genetische Code: Ist er ein eingefrorener Zufall oder eine chemische Notwendigkeit? Das wissen wir nicht, aber ich denke, dass der genetische Code ein anderer wäre, wenn die Evolution noch einmal ablaufen würde.

STANDARD: Sehen Sie Ihre eigene Forschungsarbeit in einem ähnlichen Kontext?

Schroeder: Ja. Wir schauen uns ein ganzes Ensemble von Molekülen an. Ich würde gerne den Zusammenhang verstehen, wie aus den Eigenschaften der Einzelmoleküle das Verhalten des Ensembles entsteht.

STANDARD: Auch in Ihrem Wittgenstein-Projekt, das Sie heuer abschließen wollen?

Schroeder: Was wir hier analysieren, ist ein Musterbeispiel für Komplexität. Alles, was im humanen Genom codiert ist, haben wir in Trilliarden RNA-(Ribunukleinsäure)-Moleküle umgeschrieben. Dann suchen wir nach bestimmten Eigenschaften - durch Selektion und durch Vervielfältigung. Die selektierten Moleküle werden dann dem humanen Genom wieder zugeordnet. In Verbindung mit neuen Techniken geht das heute sehr schnell, weil RNA-Gemische bestimmt werden können. Der Engpass ist jetzt die Analyse und Interpretation der Daten.

STANDARD: Welche Ergebnisse erwarten Sie sich?

Schroeder: Wir wollen damit jene Information bekommen, die für die Steuerung der Zellvorgänge verantwortlich ist. Derzeit versuchen wir eine Unzahl von Daten zu analysieren, das ist nicht immer ganz einfach. Deshalb arbeiten wir mit Bioinformatikern zusammen. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir 2010 einige dieser Elemente entdecken.

STANDARD: Und dann?

Schroeder: Ich werde 57 und möchte die nächsten acht Jahre wieder verstärkt der Forschung und der Lehre widmen. Also auch weniger Verwaltungsarbeiten übernehmen.

STANDARD: Ein neuer Job?

Schroeder: Nein. Wichtig ist mir aber auch die Vermittlung der Wissenschaften. Ich gehe im Rahmen des Projekts "Science goes school" der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Schulen und beantworte dort die Fragen der Schüler und Schülerinnen. Meine Erfahrungen dabei könnten unterschiedlicher nicht sein: Eine Klasse wollte alles wissen und saugte mich regelrecht aus, eine andere hingegen ließ sich eher berieseln. Wenn Kinder so erzogen werden, dass sie sich Wissen erarbeiten und nicht alles ohne nachzufragen nachplappern, dann können aus ihnen kritische Geister werden. Deswegen schätze ich ja Wikipedia so ungemein. Weil man sich hier Wissen erarbeiten kann, weil das Wissen in einer Community weitergegeben wird und auch überarbeitet wird.

STANDARD: Bloß muss nicht immer stimmen, was dort geschrieben steht.

Schroeder: Sicher nicht. Es wird immer Leute geben, die dieses komplexe Wissenssystem durch Falschinformation stören, es gibt aber mindestens ebenso viele, die es korrigieren. Das ist, wenn Sie so wollen, ein Evolutionsprozess. So etwas wie Wikipedia lässt mich an die Menschheit glauben, dass sie sich eben nicht von oben steuern lässt.

STANDARD: In diesem Fall zumindest nicht von Gott.

Schroeder: Genauso ist es. (Das Interview führte Peter Illetschko/DER STANDARD-Printausgabe, 5./6. Jänner 2010)

Zur Person:

Renée Schroeder (56), geboren in Joao Monlevade in Brasilien, ist Professorin am Department für Biochemie der Max F. Perutz Laboratories. 2003 erhielt sie den Wittgensteinpreis des FWF, im gleichen Jahr wurde sie als eine der ersten Frauen Mitglied der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. In ihrem aktuellen Wittgenstein-Projekt arbeitet sie an der Entwicklung einer Methode zur Entdeckung neuer RNA-Moleküle, die komplexe Prozesse in den Zellen steuern.

  • "Ich würde gern den Zusammenhang verstehen, wie aus den Eigenschaften der Einzelmoleküle das Verhalten des Ensembles entsteht", sagt die Molekularbiologin Renée Schroeder. In ihrem Wittgenstein-Projekt analysiert sie derzeit Trilliarden von RNA-Daten.
    foto: heribert corn

    "Ich würde gern den Zusammenhang verstehen, wie aus den Eigenschaften der Einzelmoleküle das Verhalten des Ensembles entsteht", sagt die Molekularbiologin Renée Schroeder. In ihrem Wittgenstein-Projekt analysiert sie derzeit Trilliarden von RNA-Daten.

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