Anti-Terror-Kampf

Pentagon beklagt hohe Rückfallquote

Frank Herrmann, 7. Jänner 2010, 18:55
  • Artikelbild
    foto: ap/jason reed

    Barack Obama mit einem geknickt wirkenden CIA-Direktor Leon Panetta im Hauptquartier des Dienstes in Langley, Virginia. Im Bild unten: der Dreifachagent Khalil Abu-Mulal a-Balawi, der sieben CIA-Leute tötete.

  • Artikelbild
    foto: reuters

20 Prozent der freigelassenen Guantánamo-Insassen steigen wieder in die Terrorszene ein, behauptet das US-Verteidigungsministerium. Menschenrechtler bezweifeln diese Zahlen.

Ein Bericht des amerikanischen Verteidigungsministeriums hat den Streit um die Schließung des Lagers Guantánamo neu aufflackern lassen. Demnach schloss sich jeder fünfte Häftling einer Terrorgruppe an, nachdem er freigelassen worden war. Bürgerrechtsinitiativen halten den Report für zu vage, als dass sich daraus politische oder juristische Schlüsse ableiten ließen.

Namen nennt das Pentagon nicht, Konkretes bleibt geheim. Pressesekretär Geoff Morrell spricht lediglich von einem Trend, der sich spürbar verstärkt habe. Mit ihrer Schätzung beziehen sich die Ministerialbeamten auf eine bereits im Mai veröffentlichte Übersicht. Damals hieß es, von 560 auf freien Fuß gesetzten Insassen hätten 74 ihre "feindlichen Aktivitäten" gegen die USA wieder aufgenommen. Lag der Anteil der "Rückfälligen" seinerzeit bei 14 Prozent, so sei er heute auf 20 Prozent angestiegen.

Die Konservativen nehmen es als Argument, um Barack Obama unter Druck zu setzen. Erst diese Woche hatte der Präsident seine Absicht bekräftigt, das Camp auf Kuba zu schließen, wenn auch später als ursprünglich geplant. Dass ehemalige Guantánamo-Häftlinge den Ableger Al-Kaidas im Jemen anführen, jene Zelle, die offenbar das vereitelte Flugzeugattentat über Detroit plante, ändert für Obama nichts am Grundsätzlichen. Nach seiner Überzeugung treibt die rechtsfreie Zone auf dem US-Stützpunkt auf Kuba nur Wasser auf die Mühlen der Fanatiker, indem sie ihnen hilft, neue Freiwillige zu rekrutieren. Führende Republikaner fahren dem Weißen Haus kräftig in die Parade. "Guantánamo bleibt der richtige Platz, um Terroristen in Gewahrsam zu halten" , sagt etwa Mitch McConnell, Fraktionschef im Senat zu Washington.

Said Ali al-Shihri: "Bei Gott, unsere Gefangenschaft hat unsere Entschlossenheit nur noch verstärkt."

Eines der wenigen konkreten Beispiele, die in der emotional aufgeladenen Debatte die Runde machen, ist der Fall von Said Ali al-Shihri. 2007 heimgekehrt nach Saudi-Arabien, zählt der 36-Jährige heute zu den führenden Köpfen der Al-Kaida-Filiale "Arabische Halbinsel" , deren Schlupfwinkel hauptsächlich im Jemen liegen. "Bei Gott, unsere Gefangenschaft hat unsere Entschlossenheit nur noch verstärkt" , lässt al-Shihri in einem Propagandafilm verlauten.

US-Menschenrechtsanwälte halten wiederum für Propaganda, was an Schätzziffern aus dem Pentagon kommt. "Ich nehme die Zahlen mit größter Vorsicht" , sagt Marc Falkoff, der Gefangene des Camps vertritt. "Niemand wird beim Namen genannt, bei keinem erfahren wir, was er falsch gemacht hat." Die Initiative Human Rights Watch zitiert den Fall eines Mannes, der unter die Rückfälligen einsortiert wurde, weil er in Russland hinter Gittern landete.

Er soll im Kaukasus an einem Muslim-Aufstand teilgenommen haben. Eine solche Rebellion, meint Rechtsberaterin Stacy Sullivan, bedeute aber wohl kaum "die Rückkehr auf das Schlachtfeld des Kampfes gegen Amerika".

Indes wurden neue Details über Khalil Abu-Mulal al-Balawi bekannt, den Attentäter, der im afghanischen Khost sieben CIA-Agenten in die Luft sprengte. Laut New York Times war al-Balawi nicht nur Doppelagent, sondern ein dreifacher. Während er in Wahrheit in den Diensten Al-Kaidas stand, verdingte er sich zugleich bei der CIA und beim Da'irat al-Mukhabarat al-Aama, dem Geheimdienst Jordaniens. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, Printausgabe 8.1.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 92
1 2 3
Jaenson
01
16.1.2010, 12:24

Was? Guantanamo hat sie nicht resozialisiert? ach ne...

Fritz Wunderlich
00
10.1.2010, 12:21

liegt an der saudischen musiktherapie

Walter KURTZ
 
02

Hätten die USA bei ihrer restlichen Gefängnispopulation eine annähernd so niedrige Rückfallrate, wäre Jubel angebracht...

Hafner
11
Ab wann wird man lebenslänglich eingesperrt?

Ab einer Rückfallquote von 20% 10% 1%?
Alle Männer in Haft, sie wären potentiell in der Lage, eine Frau zu vergewaltigen.
Ich weiss nicht, was die USAmerikaner für ein Rechtsstaatsverständnis haben. Mir graut vor ihnen.
Es kann nur eine Lösung geben: Alle Personen, die in USAmerikanischem Gewahrsam sind, müssen die Möglichkeit haben, vor ein USAmerikanisches Gericht gestellt zu werden.

Alexander Patjomkin
11
Wenn Sie noch nicht zu alt sind,

werden Sie nach ein paar Jahrzehnten die erfreuliche Chance haben, das amerikanische (und auch österreische) Rechtsystem auf der eigenen Haut spührend, mit der Scharia zu vergleichen.

Hafner
00
Was an meiner Antwort kann so schlimm gewesen sein,

.... dass sie zensuriert wurde?

a b4
22
Das ist keine Rückfallquote sondern die Rachequote für die unmenschliche Behandlung.

Rachequote wird ein bekannter Begriff werden.

barbarutta
10

richtig. rückfällig kann man nur werden, wenn man vorher ein verbrechen verübt hat. die ehemaligen gefangen von guantamano wurden aber freigelassen, weil sie unschuldig eigesperrt waren. dass einige nach jahren der erniedrigenden haft radikal werden, verwundert nicht....

Michl52
10

Wahrscheinlich ist Guantanamo das größte Ausbildungslager der Al-Kaida (so es die überhaupt gibt).

Fritz Wunderlich
01
10.1.2010, 12:22

genau, madrid, london, ..
alle dort ausgebildet

iohui
01
ich versteh noch immer nicht wieso diese menschen kein ordentliches verfahren bekommen

und wieso das die ganze welt widerspruchslos hinnimmt.

nAK
16
Wenn ich unschuldig in ein Folterlager komme,

dann werde ich garantiert "rückfällig".

Die Behauptung, dass die rückfällig würden ist zuallererst eine Behauptung. Es scheint mir wahrscheinlicher, dass die dann erst mal in die Terrorszene einsteigen.

Wer kann es ihnen verdenken?

der kleine nick
01
11.1.2010, 21:54
nur zum besseren Verständnis!

Sie sind ein Leben lang unschuldig - kommen dann ins Folterlager und werden dann RÜCKFÄLLIG!
Damit sind Sie meiner Definition nach also nach dem Folterlager wieder UNSCHULDIG!
Und somit sicher kein potentieller Terrorist!
Also - nur damit Sie auch ja unschuldig bleiben:
Ab in den Knast!
(das war jetzt ironisch gemeint! Mir ist schon klar, dass Sie mit rückfällig meinten, dass Sie jetzt erst recht... Aber leider hat es mich so in der Tastatur gejuckt!)

;->
dkn

peter schmidt
 
01
und sie würden in 6 monaten kontakte finden

um an solchen dingen teilzunehmen?

DieBo
00
11.1.2010, 10:52
Da brauch ich keine 6 Monate. Das würde ich aus dem Stand machen. Hatte ja Zeit genug mir einen Plan auszudenken.

iohui
00

diese kontakte haben sie in guantanamo schon geknüpft (bekommen).

pepitant
00
Vielleicht

würden die Kontakte ja Sie finden ?

a b4
01
Laut englischen Geheimdienst gibt es so enorm viele junge Menschen,

die mit den Extremisten Kontakt haben, dass Mutallab, der dösige Unterhosenbastler, angeblich gar nicht speziell aufgefallen ist. Also wozu 6 Monate, drei Tage sind wahrscheinlich ausreichend, um irgendwo gesponserte Terroristen zu finden, und wenn sie eine Unterabteilung der CIA wären. No problem, die sind überall willkommen und auch der CIA braucht solche Burschen, wetten?

Claus_W
00

Das einzige was ich zu Guantanamo Bay sage ist:

"The road to Guantanamo"

Ingrid Richter
14

Ich würde bestimmt nicht "rückfällig". Ganz sicher aber würde ich eine Gesellschaft, die mich einsperrt, folter und aller Menschenrechte beraubt mit allen Mittel und an jedem möglichen Ort bekämpfen.

cafevanilla
00
Es ist anzunehmen, dass die Statistik...

... einem Fragebogen entsprang. Man hat sich wohl den Fragebogen aus einem Flugzeug ausgeliehen: "Sind Sie Terrorist? [x]Ja []Nein" So kommen diese Leute zu Ihrer Angabe, dass jeder fünfte wieder rückfällig wird... :)

Hafner
00
Man glaubt es kaum,

... aber derartige Dinge werden bei USA-Reisen wirklich in Fragebögen abgefragt.
Es klingt wie eine Satire.

Teleobjektiv1
12

Vielleicht ist bei Vielen, die vor Guantanamo nichts mit Terrorismus am Hut gehabt hatten, erst in Guantanamo der Entschluss gereift, zu Terroristen zu werden?

Ich könnte es zumindest verstehen...

Ob man deshalb Guantanamo weiterführen soll?

Nein! Guantanamo war, ist und wird eine rechtsstaatlich monströse Konstruktion bleiben, solange es bestehen bleibt.

Menschen, denen keine Straftat nachgewiesen werden kann, darf unter keinen Umständen die persönliche Freiheit entzogen werden.

Menschen, die eine Straftat begangen haben, werden, müssen ihrer Strafe zugeführt werden, nachdem dies durch ein ordentliches Gericht festgestellt worden sind.

Alles, was sich außerhalb dieser Möglichkeiten bewegt, ist verfassungswidrig

Student der Magie
12
wenn man in ein Gefängnis kommt

und dort jahrelang eingesperrt wird, ist die Chance Heroinsüchtig zu werden sehr hoch, auch wenn man sonst nichts damit zu tun hatte.
Wenn man jahrelang gefoltert wird, ohne oft zu wissen warum, wie lange oder sonst etwas, wenn man hungern, frieren muss, gedehmütigt wird, erniedrigt, geschlagen, dann ist die Chance, wenn man dieser Hölle entkommt um ein Vielfaches höher nach diesen Mißhandlungen als Terrorist zu enden.

Auch Terroristen sind Menschen, aber vor allem VERDÄCHTIGE derselben Rechtelosen Situation auszusetzen ist eines Rechtsstaates nicht würdig.

Hat jemand ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, soll er verurteilt werden, und eine gerechte Strafe erfahren, aber wenn nicht, dann soll er entsprechend freikommen.

hugocajetan
00
Danke für die Korrektur

Der Standard wird nun doch nicht zum Handlanger der USA sondern besinnt sich seiner sprachlichen und inhaltlichen Verantwortung, aus einer übernommenen Agenturmeldung wurde jetzt ein echter solider Artikel.

Vielen Dank für die prompte Reaktion auf das Feedback

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 92
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.