Stromausfälle

Frankreich fürchtet das Blackout

6. Jänner 2010, 18:30

In der Kälteperiode drohen großflächige Stromausfälle - Reaktoren sind überaltert

Die französische Stromwirtschaft befürchtet seit Wochen massive Pannen, die ganze Regionen ins Dunkel stürzen könnten. In einzelnen Städten wie Nizza oder Marseille musste sie die Stromzufuhr kurz vor Weihnachten bereits einmal ein Stunde lang für zwei Millionen Haushalte kappen, um den großen Blackout zu verhindern. In der Bretagne herrscht derzeit elektrische "Alarmstufe rot" - die höchste überhaupt. Die Bürger werden aufgerufen, die Raumtemperaturen um zwei Grad zu senken. Lieber etwas schlottern als vor dem Totalausfall zittern, lautet die Devise an der verschneiten französischen Atlantikküste.

Angespannte Lage

Zum Teil werden die Appelle an die Konsumenten gar per SMS verschickt. Oft eilt es gefährlich. Am Dienstag rechnete der Elektrizitätsverteiler RTE mit dem Schlimmsten. Die kritische Zeit des morgendlichen Spitzenkonsums wurde knapp überstanden, doch für den Abend, wenn die Leute nach Hause kommen und den Stromhahn wieder aufdrehen, drohte neues Ungemach. Zum Glück stieg die Außentemperatur um ein Grad - das verschaffte RTE ein Plus von 500 Megawatt und damit eine kleine Verschnaufpause. "Doch die Lage in der Bretagne wird bis Ende Januar angespannt bleiben", meint Didier Beny, Direktor von RTE-Westfrankreich. "Das Risiko eines Blackouts ist reell und immanent."

Etwas weniger gesprächsfreudig sind die französischen Behörden, wenn es um die Ursachen dieser höchst labilen Lage geht. Dabei ist die Erklärung einfach: Der gewaltige Park der französischen Kernkraftwerke, einer der größten der Welt, kommt mit der Nachfrage kaum mehr mit, wenn es etwas kälter wird. In diesem Winter sind mehr Atommeiler denn je abgeschaltet: Mehr als ein Dutzend der über das ganze Land verteilten 58 Reaktoren liefern derzeit keinen Strom.

Pflanzenreste im Reaktor

Viele von ihnen sind veraltet und müssen monatelang gewartet werden. Bei anderen sind Streiks im Spiel. Im elsässischen AKW Fessenheim, das seit 1977 in Betrieb ist, musste ein Block schon im Oktober für eine umfassende Inspektion vom Netz genommen werden. Nach Weihnachten schaltete die Direktion auch den zweiten Block ab. Wie die Atomaufsichtsbehörde ASN mitteilte, waren "Pflanzenreste" in den Kühlkreislauf geraten.

Dieser Zwischenfall ist symptomatisch für den ganzen nationalen AKW-Park, in dem sich kleine Zwischenfälle immer wieder zu größeren Versorgungspannen ausweiten. Als Folge des "tout nucléaire" - das heißt in der französischen Politik, alles auf die Atomproduktion zu setzen - heizt heute schon ein Drittel der Haushalte elektrisch. Wenn es kalt wird in Außenregionen wie der Bretagne oder der Provence, zeigen sich die Risiken dieser Energiepolitik.

Laufzeit der Atommeiler soll verlängert werden

Seit einigen Wochen muss der traditionelle Stromexporteur Frankreich erstmals seit 27 Jahren wieder Elektrizität aus Nachbarländern einführen. An einzelnen Tagen kauft RTE über 6600 Megawatt im Ausland ein - etwa so viel, wie sechs Atomreaktoren in Frankreich produzieren. Wenn sie nicht abgeschaltet sind.

Die Stromengpässe entlarven auch die gewagte Vorwärtsstrategie von Electricité de France (EDF), die sich mit Dutzenden von Milliarden Euro in die Stromproduktion oder -verteilung in Großbritannien, USA oder China eingekauft hat. Für die Erneuerung der heimischen Stromproduktion - die zu vier Fünfteln aus Kernenergie stammt - bleibt zu wenig übrig. Deshalb versucht die EDF, die Laufzeit der älteren Atommeiler von vierzig auf sechzig Jahre zu erhöhen. Und hofft auf warmes Wetter. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.1.2010)

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her wig
01

Soso, der Konzern expandiert und die Kunden zahlen dafür. Wie nennt man denn sowas in der Wirtschaftswissenschaft?

mikromalist
 
01
(Staats)Monopolkapitalismus.

mikromalist
 
00
Heizen ist "teurer" als Kühlen.

Deshalb hoffen wir jetzt auf Global Warming?

Zinnmo
 
00

Weltweit wird meines Wissens nach mehr Energie zur Kühlung verwendet.

mikromalist
 
01
Das ist das korrekte Denken,

Danke! (Mein Beitrag war, provokativ, auf das kurznasige Denken-des-Naheliegenden gemünzt).

Die ganze Kernenergiediskussion wird so kurznasig geführt?

José Atento
11
Wer wertvollen Strom

zum Heizen verwendet, dem ist sowieso nicht mehr zu helfen!

gigngogn
 
20
Der bisherige Höhepunkt in einer Reihe von schlecht geschriebenen Artikeln zum Thema Energie im Standard

Ist es jetzt schon zu viel verlangt in seinem eigenen Blatt zu recherchieren wenn man einen Artikel wie diesen verbricht?
Ein paar kleine Fakten, zum Teil aus dem Standard(!)
* Die Kraftwerke stehen nicht weil sie so marode sind, sie stehen, weil man gesetzlich vorgeschriebene Wartungsarbeiten durchführen muss die von den Gewerkschaften verhindert werden (Streik)
* Die Pflanzenreste befanden sich nicht *im* Reaktor, auch nicht in dessen Kühlsystem, sondern in der Kühlung des Dampfrücklaufs der Turbine. Ein Vorfall der in *jedem* anderem thermischen Kraftwerk genauso passiert wäre
* Die Laufzeit von Reaktoren wird weltweit erhöht, Grund ist, das der Verschleiss der Reaktoren nicht so hoch war, wie man vor 30-40 Jahren annahm


José Atento
00

Aber sind auch ausreichend neue im Bau, um die alten zu ersetzen?

gigngogn
 
30
Dank dem Wiedererstarken der Kernkraft ja

Es sinkt zwar die Zahl der Kernkraftwerke, nicht jedoch die installierte Leistung, denn es werden alte Typen der 50-400MW Klasse durch neue der 1000-1600MW Klasse ersetzt.

Heavyweather
00
17.1.2010, 03:27

Wo wird etwas ersetzt?
In den USA? Deutschland?

Die meisten Reaktoren werden in nicht so demokratischen Staaten gebaut. Die müssen einfach noch lernen.

gigngogn
 
10
17.1.2010, 11:31
Allerliebst

>Die müssen einfach noch lernen.
Genau, das wird es sein :)

jake & elwood
01

Das wird dann lustig, wenn die franzoesischen Automobilhersteller so in ein, zwei Jahren damit beginnen werden, massiv E-Autos unters Volk zu bringen.

José Atento
00

JA, das wird uns als DIE Zukunft verkauft. Der Strom kommt bekanntlich aus der Steckdose.
Und diese Autos sind zusätzlich noch viel teurer.

pflasterhirsch
00
wer dann noch fragen hat...

http://fora.tv/2009/01/1... calculated

Mahatma Mahatmaned
10

Wie wäre es mit CO2-Ausstoss erhöhen, damits wärmer wird, dann hat man in Zukunft wenigstens nicht mit solchen Problemen zu kämpfen.

birka
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weil Klimaanlagen laufen ja ohne Strom...

En Sabah Nur - Apocalypse
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ich glaub ich zieh lieber weg, überall nur Tschernobyls aufgrund des Nukularwahns.

rough_rider
00

nukular.
das wort heißt "nukular"

Brigt Spark
00
Die Franzosen haben irgendwo geschlafen

Deren Druckwasser-Reaktoren sind mit besonderen Steuerstäben mit einem dazugehörigen Mechanismus versehen, sodass die Stromerzeugung dem Elektrizitätsbedarf angepasst werden kann. Diese Mechanismus ist eben einem Verschleiss ausgesetzt.
Wahrscheinlich haben die Franzosen bis zum Ausfall gewartet anstatt frühzeitig die Verschleissteile auszutauschen.
Nach 25-30 Jahren sollte auch einmal die Leittechnik auf den letzten Stand gebracht werden da auch Elektronik mit der Zeit störanfälliger wird.
Da kamen wohl einige Faktoren zusammen die bei guter 'Preventiver Maintanance' nicht passieren sollten.
Das ganze hat aber mit der Zuverlässigkeit von AKWs selber nichts zu tun. Solche Missstände können bei jeder Art von Kraftwerk eintreten.

Peter_23
33
Heizen viele Haushalte in Frankreich tatsächlich elektrisch?

Da wird auf der einen Seite die Glühlampe EU-weit verboten, weil ja soooo ein schlechter Wirkungsgrad und soviel Abwärme und Energiesparen nötig ist, etc p.p.

Und dann heizen offensichtlich grössere Regionen in Frankreich mit Strom und der sehr teuren elektrischen Widerstandsheizung. Puhh, das ist völlig irre.

Das Problem sind dann wohl nicht die fehlenden Kernkraftwerke sondern das über viele Jahre der Stromverbrauch massiv verschwenderisch ausgelegt wurde. Die E-Heizung ist so ziemlichst das Schlimmste und teuerste.

Da würde ein Umstellen auf andere Energieträger viel mehr bringen, zumal beim Heizen viel Energie verbraucht wird, als wie z.b. bei Beleuchtung. Stichwort Verkaufsverbot von Glühlampen oder Standby-Netzteile.

José Atento
00

Ja, das Heizen mit Strom ist wirklicher Frevel, einer französichen Verschwendungspolitik der Vergangenheit.

Aber vermutlich haben die Franzosen schon lange Wärmepumpen installiert. Da kann man diskutieren, ob das Heizen mit Strom okay ist, oder nicht. Je nachdem WO der Strom produziert wird.

gigngogn
 
20

>Ja, das Heizen mit Strom ist wirklicher Frevel,
>einer französichen Verschwendungspolitik der
>Vergangenheit.
Nein, gerade in Frankreich mit seinem hohen Atomstromanteil ist es sinnvoll Nachtspeicheröfen einzusetzen.
Das AKW kostet fast gleichviel ob es jetzt Strom erzeugt oder stillsteht.
Es macht ökonomisch Sinn, die AKWs durchlaufen zu lassen und den in der Nacht überschüssigen Strom in Form vom Wärme für den nächsten Tag zu speichern.

José Atento
01

Die AKW's können in der Nacht eine Grundlast decken. Das Heizen mit Strom ist auch wenn der Strom aus einem AKW kommt, nicht akzeptabel.
Schließlich ist Uran auch eine endliche Ressource.

gigngogn
 
30

>Schließlich ist Uran auch eine endliche Ressource
Uran gibt es noch für viele Jahrhunderte und das, was aus einem LWR als 'Abfall' rauskommt, dient für andere Reaktoren als Brennstoff.
Man muss sich vor Augen halten, das Kernenergie eine enorme Energiedichte besitzt.
1Gramm U235 erzeugt bei der Spaltung 350kWh, glauben sie mir, sie können guten Gewissens mit Atomstrom heizen.

langsam
00
10.2.2010, 15:46
Glauben?

Ich glaube ihnen nicht da sie offensichtlich ziemlich einseitig (tendenziös) informieren!

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