Biodiversität

Das Verschwinden der Arten

4. Jänner 2010, 17:00

Der weltweite Verlust an biologischer Vielfalt schreitet voran - das Internationale Jahr der Biodiversität 2010 soll den Blick auf den Schwund der Arten richten

Die Vereinten Nationen haben 2010 zum "Internationalen Jahr der Biodiversität" erklärt und lenken damit den Blick der Öffentlichkeit auf den weltweiten Verlust an biologischer Vielfalt, der bei ungebremstem Fortschreiten die Funktionstüchtigkeit der Erde und damit unser Überleben infrage stellt.

Weltweit sind 21 Prozent der Säugetier-, zwölf Prozent der Vogel-, 30 Prozent der Reptilien- und Amphibien- sowie 37 Prozent der Fischarten gefährdet. Hauptsächlich dafür verantwortlich ist der Verlust bzw. die Verschlechterung von Lebensräumen durch menschliche Aktivitäten. Dazu kommen invasive Arten, Übernutzung und Umweltverschmutzung. Ein neues Bedrohungsszenario ist der Klimawandel, der sich in vielfältiger Weise auf die Biodiversität auswirkt bzw. noch auswirken wird.

Ein zentrales Anliegen ist auch der Erhalt der Biodiversität in den Böden: Deren Funktionstüchtigkeit hängt von der Vielfalt der Mikroorganismen, Pilze und Bodentiere ab, die den Abbau toter organischer Substanz und die Freisetzung der darin gebundenen Nährstoffe bewerkstelligen.

So beherbergt ein Quadratmeter Waldboden ca. 1000 Tierarten mit ein bis zwei Millionen Individuen. Wird diese Artenvielfalt massiv reduziert, droht der Verlust der sogenannten Ökosystemleistungen, zu denen unter anderem die Erzeugung von Nahrungsmitteln und Holz oder der Schutz vor Muren und Lawinen gehören. Viele Insekten-, Vogel- und Fledermausarten spielen eine zentrale Rolle bei der Bestäubung von Pflanzen, die ihrerseits wieder Nahrung und/oder Unterschlupf für eine Vielzahl anderer Tiere bilden. Und zahlreiche Medikamente - darunter fast die Hälfte aller Krebsmittel - stammen aus natürlichen Quellen, wobei jede Menge Wirkstoffe in Arten vermutet wird, die noch nicht näher untersucht bzw. noch gar nicht entdeckt wurden.

Staatenbund zum Schutz

Vor diesem Hintergrund wurde 1992 auf der UN-Konferenz in Rio de Janeiro die Biodiversitätskonvention zur Signatur aufgelegt, die von 190 Staaten plus der EU unterzeichnet wurde. Darin bekennen sich die Staaten zur Erhaltung der biologischen Vielfalt, deren nachhaltiger Nutzung und gerechter Aufteilung der daraus entstehenden Vorteile. Der Begriff "Biodiversität" bezeichnet dabei nicht nur Artenvielfalt, sondern auch die Diversität an Lebensräumen und genetischer Vielfalt.

Zehn Jahre später beschlossen die Unterzeichnerstaaten, den Verlust der Biodiversität bis 2010 signifikant zu reduzieren, während die EU sich die Latte noch höher legte und sich vornahm, den Schwund bis dahin gänzlich zu stoppen. Davon kann jedoch keine Rede sein: Der Verlust an Vielfalt konnte in manchen Gegenden zwar eingedämmt werden, im Großen und Ganzen jedoch ist das Problem so virulent wie eh und je.

Österreich ist im mitteleuropäischen Vergleich eines der artenreichsten Länder: 82 Säuger, 239 Vogel-, 59 Fisch-, 14 Reptilien-, 20 Amphibien- und rund 25.000 Insektenarten sowie circa 3000 Gefäßpflanzen sind im Bundesgebiet heimisch. Allerdings gelten 38 Prozent der Säuger, Vögel und Fische sowie ca. 60 Prozent der Reptilien und Amphibien als in unterschiedlichem Ausmaß gefährdet. Die wichtigsten Faktoren, die dazu führen, sind Beeinträchtigungen von Lebensräumen, vor allem durch Siedlungen und Infrastrukturbauten, sowie die Intensivierung der Landwirtschaft, einhergehend mit hohem Pestizid- und Düngereinsatz.

Mit "vielfaltleben" startete das Lebensministerium 2009 gemeinsam mit Naturschutzbund, WWF und BirdLife eine Kampagne, um Schutzmaßnahmen, Forschung und Öffentlichkeitsarbeit für 21 gefährdete Tier- und Pflanzenarten zu forcieren. Eine dieser Arten ist das österreichische Wappentier, der Seeadler, der in Österreich seit 1946 als ausgestorben galt, seit 2001 aber wieder hier brütet. Seit zehn Jahren wird der Brutbestand überwacht und kontrolliert. Nun werden diese Aktivitäten um ein genetisches Monitoring erweitert und potenzielle Lebensräume gesucht.

Erste Erfolge hat "vielfaltleben" bereits in Vorarlberg zu verzeichnen: In den Riedgebieten des nördlichen Rheintals hat sich der Kiebitzbestand merklich erholt: Statt der fünf Jungvögel 2008 gab es heuer dank entsprechender Schutzmaßnahmen 45 Junge dieses immer seltener werdenden Wiesenbrüters.

Wird uns der Kiebitz retten, wenn wir ihn retten? Oder die Asiatische Keiljungfer oder das Dickwurzel-Löffelkraut, die ebenfalls den besonderen Schutz von "vielfaltleben" genießen? Wir wissen es nicht. Die Wirkungsgefüge der Erde sind zu komplex, als dass wir mit Sicherheit sagen können, was passieren wird, wenn einzelne Teile wegfallen. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Printausgabe, 5. 1. 2010)

Kyberkrat
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Artenvielfalt in den Städten

Josef H. Reichholf erklärt in seiner "Eine kurzen Naturgeschichte des letzten Jahrtausends" den Wandel von Klima und Artenvielfalt über 1000 Jahre. Das ist in diesem Zusammenhang sehr lesenswert. Als größten Feind der Artenvielfalt indentifiziert er die Intensiv-Landwirtschaft mit ihren Unmengen an Kunstdünger. Der intensive Bewuchs unterdrückt empfindliche Pflanzen und Tiere. Die Stadtgebiete werden (als Nährstoffmangelgebiete) zu Rückzuggebieten vieler Arten.
Allen Naturschützern / -liebhabern ist dieses Buch zur Erweiterung der Sicht auf komplexe Zusammenhänge warm zu empfehlen!

fuerTiere
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Die Ausbreitung des Jagdbetriebes

über die gesamte Erde haben viele Säugetiere, Vögel und Reptilien nicht oder nur in Restbeständen überlebt. Tierarten, die begehrte Jagdtrophäen oder hochbezahlte Produkte lieferten, wurden besonders hartnäckig verfolgt. Jäger behaupten gern, daß Beutegreifer wie Fuchs, Marder, Dachs und Raubvögel den Bestand an rückläufigen und seltenen Arten wie Hase, Rebhuhn, Auer- und Birkhuhn gefährden und daher bejagt werden müssen. Aber in keinem Ökosystem gefährden Raubtiere den Bestand ihrer Beutetiere. Tierarten oder -unterarten, deren Lebensräume durch die Landnutzung des Menschen großflächig zerstört wurden, geraten durch die Bejagung besonders schnell an den Rand der Ausrottung.

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