Double-Dip-Zukunft - Rückfall in die Rezession

03. Jänner 2010 18:08

Lebenserhaltungsmaß­nahmen für Finanzsystem haben funktioniert - Regeln für globalen Markt müssen folgen - Von George Soros

Die Weltwirtschaft ist momentan mit einer ungewöhnlich großen Bandbreite an Ungewissheiten konfrontiert. Wir haben gerade die schlimmste Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg durchlaufen. Die einzigen relevanten Vergleiche lassen sich zur japanischen Immobilienblase ziehen, die 1991 platzte (und von der sich Japan nicht erholt hat), und zur Großen Depression der Dreißigerjahre - nur, dass diese Krise quantitativ wesentlich umfangreicher und qualitativ eine andere war.

Die ganze Welt war in diese Krise verwickelt, die sich - anders als Japan - nicht auf ein einziges Land beschränkt hat. Und im Gegensatz zur Großen Depression wurde das Finanzsystem dieses Mal künstlich am Leben erhalten und am Zusammenbruch gehindert. Das Ausmaß des heutigen Problems weist eine noch beeindruckendere Größenordnung auf als in der Zeit der Großen Depression. 1929 belief sich das Volumen der ausstehenden Kredite auf 160 Prozent des BIP und kletterte bis 1932 auf 250 Prozent. 2008 haben wir mit 365 Prozent begonnen - und in dieser Berechnung wurde die weit verbreitete Verwendung von Derivaten außen vor gelassen, die es in den Dreißigerjahren nicht gegeben hat.

Trotzdem haben die künstlichen Lebenserhaltungsmaßnahmen funktioniert. Knapp ein Jahr nach dem Bankrott von Lehman Brothers haben sich die Finanzmärkte stabilisiert, die Aktienmärkte haben sich erholt, und die Wirtschaft zeigt Anzeichen einer Erholung. Man will wieder zum "business as usual" übergehen - und an die Krise von 2008 als bösen Traum zurückdenken. Leider kann der Erholung leicht die Luft ausgehen und ein zweiter Konjunkturabschwung könnte folgen, obgleich ich mir unsicher bin, ob dieser 2010 oder 2011 eintreten wird.

Meine Ansichten sind zwar bei weitem nicht außergewöhnlich, sie weichen jedoch von der vorherrschenden Stimmungslage ab. Je länger die Kehrtwende anhält, desto mehr Menschen werden glauben, dass sie weiterbestehen wird. Meinem Urteil zufolge ist dies charakteristisch für Situationen, die weit davon entfernt sind, ausgewogen zu sein und in denen die Wahrnehmung gemeinhin der Realität hinterherhinkt.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Verzögerung in beide Richtungen wirkt. Die meisten Menschen haben noch nicht realisiert, dass sich diese Krise von vorigen unterscheidet - dass wir uns am Ende einer Ära befinden. Andere, so auch ich, haben nicht mit dem Ausmaß der Erholung gerechnet.

Insgesamt sind die internationalen Finanzbehörden mit der Krise auf die gleiche Art und Weise umgegangen wie mit den vorherigen: Sie haben angeschlagenen Instituten aus der Klemme geholfen, geldpolitische Impulse und steuerliche Konjunkturmaßnahmen angewandt. Diese Krise war jedoch viel größer, und die gleichen Methoden haben nicht funktioniert. Die gescheiterte Rettung von Lehman Brothers war ein bahnbrechendes Ereignis: Die Finanzmärkte haben tatsächlich aufgehört zu funktionieren.

Also mussten Regierungen gewährleisten, dass sie keine anderen Institute bankrott gehen lassen würden, deren Zusammenbruch das System gefährden könnte. Dann dehnte sich die Krise bis in die Peripherie der Weltwirtschaft aus, denn Länder der Peripherie konnten keine ebenso glaubwürdigen Garantien abgeben. Osteuropa wurde am schlimmsten getroffen. Länder im Zentrum nutzten die starken Bilanzen ihrer Zentralbanken, um Geld ins System zu pumpen und für Verbindlichkeiten von Geschäftsbanken zu bürgen, während Regierungen begannen, die Konjunktur in nie gekanntem Ausmaß durch Defizitfinanzierung zu stimulieren.

Doch die zunehmende Überzeugung, dass das internationale Finanzsystem dem Zusammenbruch entgangen ist und alles allmählich wieder seinen gewohnten Gang nehmen wird, ist eine gravierende Fehlinterpretation der gegenwärtigen Situation. Ein altes Dach ist schwer zu flicken.

Die Globalisierung der Finanzmärkte, die seit den Achtzigerjahren stattgefunden hat, ermöglichte die freie Beweglichkeit des Kapitals auf der Welt und erschwerte seine Besteuerung oder Regulierung. Das Geld gelangte in eine vorteilhafte Lage: Regierungen mussten den Bedürfnissen des internationalen Kapitals mehr Aufmerksamkeit widmen als den Bestrebungen ihrer eigenen Bürger. Einzelnen Ländern fiel es schwer, Widerstand zu leisten. Das so entstandene globale Finanzsystem war jedoch grundlegend instabil, weil es auf der falschen Prämisse aufbaute, dass Finanzmärkte gefahrlos sich selbst überlassen werden können. Deshalb ist es zusammengebrochen, und deshalb kann man es nicht wieder flicken.

Globale Märkte brauchen globale Regelungen, doch die gegenwärtig etablierten Bestimmungen sind im Prinzip der nationalen Souveränität verwurzelt. Es gibt einige internationale Vereinbarungen, insbesondere die Basler Regelung über eine angemessene Eigenkapitalausstattung, und darüberhinaus eine gute Zusammenarbeit zwischen den Aufsichtsbehörden für die Finanzmärkte. Doch es ist immer der souveräne Staat, der die Behörde stellt.

Es reicht nicht aus, einen ins Stocken geratenen Mechanismus wieder in Gang zu setzen: Wir müssen einen Regulierungsmechanismus gestalten, den es bisher nicht gegeben hat. Zurzeit ist es so, dass das Finanzsystem jedes Landes durch seine eigene Regierung aufrechterhalten und unterstützt wird. Die Regierungen sind jedoch in erster Linie mit ihrer eigenen Konjunktur befasst. Dies führt zu etwas, das man als finanziellen Protektionismus bezeichnen könnte, der die globalen Finanzmärkte zu stören und möglicherweise zu zerstören droht. Britische Aufseher werden sich nie wieder auf die isländischen Behörden verlassen und osteuropäische Länder werden nur widerwillig von Banken in ausländischem Besitz abhängig bleiben wollen.

Deshalb müssen international ausgerichtete Regelungen getroffen werden. Sonst werden globale Finanzmärkte durch regulatorische Arbitrage zerstört. Unternehmen würden in Länder umsiedeln, in denen die bestehenden Vorschriften am günstigsten sind und andere Länder so Risiken aussetzen, die sie sich nicht leisten können.

Die Globalisierung war erfolgreich, weil sie Länder zur Abschaffung von Regelungen gezwungen hat; umgekehrt funktioniert dieser Prozess aber nicht. Es wird schwierig werden, Länder dazu zu bewegen, einheitlichen Regeln zuzustimmen. Das kann man in Europa beobachten, wo sich die Mitgliedsländer der Europäischen Union nicht auf einheitliche Finanzvorschriften einigen können. Wie kann es dann die übrige Welt?

In den Dreißigerjahren war es Handelsprotektionismus, der eine schwierige Situation noch verschlimmert hat. In der globalen Wirtschaft von heute stellt zunehmender finanzieller Protektionismus eine noch größere Gefahr dar. (George Soros, DER STANDARD, Printausgabe, 4.1.2010)

© Project Syndicate, 2009. Aus dem Englischen von Sandra Pontow.

 

Zur Person

George Soros ist Vorsitzender des Soros Fund Management und des Open Society Institute. Sein jüngstes Buch trägt den Titel "The Crash of 2008".

Kommentar posten
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Peter Petersil
10.01.2010 17:31
Das mit der "Globalisierung" ist ja nichts neues !!

Das gibts seit 400 Jahren.

Die Niederländische Ostindische Kompanie und die British East India Company haben im 17.Jahrhundert begonnen, die erste Spekulationsblase war die South Sea Company von 1711, die Blase ist 1720 geplatzt...

Aber: Wie man heute wieder einmal lernt: die Geschichte wiederholt sich nicht, sie spielt sich immer wieder in ähnlichen Mustern ab, ist aber nie 100% vorhersehbar !!

Und: Wenn Kurse im Vorjahr um 70 bis 90% gefallen sind und jetzt um 100 % steigen, ist das noch lange keine Blase, weil der Kurs erst bei 20 bis 60% vom Spitzenwert liegt...

böser wolf1
05.01.2010 11:36
Eine brillante Analyse

Allein das Wort regulatorische Arbitrage und die Gefahren die davon ausgehen ist fast schon nobelpreisverdächtig.

Laín Coubert
04.01.2010 17:08
Kann Soros nicht erkennen, daß es in echt eine Krise des Geldsystems ist?!

...oder kann er es nicht sagen, weil er einer der Hauptprofiteure ist?

Sein brillanter Vater Tivadar Soros würde im Grabe rotieren, wenn er sähe wo der kleine George da mitmacht!

DIE neue Aufklärung beginnt hier:

http://www.youtube.com/watch?v=_... 4F&index=0

Mentore_di_Gio
04.01.2010 14:41
mit dem Pelzebub (Soros) den Teufel (Spekulationskrise) austreiben?


Der Soros, der Obermanipulierer und Oberspekulant wuerde im echt funktionierenden Kapitalismus mit Herrn Maddoff im Knast Tarockieren und fuer Kinder in der 3. Welt basteln.

Da geht einer der Verursacher der Instabilitaet (d.h. Arbeitslose, Hunger, Krankheit, Tod, ...) ganz locker an die Presse und gibt noch Tips.

Das System Kapitalismus bestraft nicht seine groessten Feinde: Soros, Buffet und all die anderen Systemmanipulierer und Systemverdreher.

Ein Jahrhundertfehler!

böser wolf1
05.01.2010 12:00

Ihre Kritik an Soros ist mehr als berechtigt.

Soros ist damit reich geworden, dass er das System ausarbitriert hat - ich gestehe ihm - im Unterschied zu Ihnen - eine gewisse "Altersweisheit" zu.

EU-Austretter
04.01.2010 12:33
Was würde wohl Herr Soros auf diese Fragen an Joseph Pröll antworten?

http://www.meinparlament.at/dipl_ing_... ml#q241983

Es ist jedenfalls auffällig, dass die tieferen Ursachen der Krise nicht nur bei Finanzministern, sondern auch bei Spekulanten verdrängt werden.

http://www.webinformation.at/material/... system.pdf



VWL-Prof. Bernd Senf im taz-Interwiew auf die Frage:

"Aber das könnte man doch durch eine bessere Kontrolle in den Griff bekommen"

"Auf Dauer eben nicht"

http://www.berndsenf.de/MenuZinsp... ematik.htm


International (oder auch national) ausgelgte Kontrollen wie Soros sie fordert, gehen zielsicher am Kern des Problems vorbei - im bestehenden Geldsystem - das Soros gar nicht thematisiert -

bitte darüber mal nachdenken.

Ernst Bernhart
 
04.01.2010 19:54
sehr nett dieser Link ist zu empfehlen ,Pröll zieht sich wortkarg aus der Affaire

alles andere würde ihn den Kopf kosten ....

Walter Bimini
04.01.2010 18:55
soros und co leben ja vom grundlegenden problem

z.b von der tatsache, daß banken geld erzeugen können, indem sie ein vielfaches an krediten vergeben als sie eigenkapital besitzen und dann für dieses neu erzeugte geld zinsen verlangen oder daß sie billigste kredite von den zentralbanken bekommen und damit wieder spekulieren können. wenn das ganze schief geht, dann müssen wir alle wieder die zeche zahlen.

die grundprobleme sind
1) währungen ohne jeden anker, beliebig und billigst vermehrbar
2) zentralbanken, die wie die fed nichts anderes als banken kartelle sind
3) zentralbanken, die die währungen für die bankster manipulieren
4) zentralbanken, die niemandem rechenschaft schuldig sind und noch weniger verantwortung tragen als selbst die politische kaste

Laín Coubert
04.01.2010 17:15
Prölls Antwort ist lächerlich...

...wie alles was von offizieller Seite zu Krise und Geldsystem gesagt wird.

v.a. "...weil die Realisierung Ihrer Argumente letztlich mehr Probleme erzeugen als lösen würden."

Da kann er gleich zugeben "...mehr Probleme erzeugen für meine Freunde in der RZB und Kollegen wie George Soros..."

Verabscheuungswürdig diese Fadenscheinigkeit, oder ist es Ignoranz?

Zum Weiterdenken - "wer die Fäden zieht":
http://www.heise.de/tp/r4/art... 762/1.html
http://www.heise.de/tp/r4/art... 763/1.html

"power structure research"
http://www.uni-muenster.de/PeaCon/we... oertdieeu/

R. M.
05.01.2010 06:03
Gute Links! Danke!

Laín Coubert
05.01.2010 14:33
spread the word! :)

mayall
04.01.2010 11:26
Einer der

am meisten von der Deregulierung der Finanzmärkte profitiert hat verteufelt sie jetzt.

schwejk
04.01.2010 13:54
profitiert ja,

aber er hat sie auch immer für falsch gehalten.
informieren!

Radi Ator
04.01.2010 13:26
auch sie

werden hoffentlich von niemandem daran gehindert heute gescheiter zu sein als gestern ;-)

Michel Berger
04.01.2010 14:20
Süß, er ist heute gescheiter als vorher, aber die Kohle will er nicht mehr zurückgeben!

Herzerzog Johann
04.01.2010 09:44
Soros versteht zumindest die Angelegenheiten über welche er schreibt.

Kommt ja eher selten vor.

Mentore_di_Gio
04.01.2010 14:44
Der Schoepfer sollte sein Werk an sich (er-)kennen!

lessismore
04.01.2010 08:02

In Wahrheit brauchen wir globale Finanzmärkte so dringend wie einen Kropf.

Killer Bunny
04.01.2010 07:38

Double Dip - nicht ob sondern wann. Hätte mir nicht gedacht, dass er sich so weit aus dem Fenster lehnt. Roubini meinte in diesem Fall nicht auf Gold sondern auf Waffen, Dosennahrung und eine Blockhütte zu setzen.

SMR
04.01.2010 15:59

soros selbst setzt jedenfalls auf Gold

http://www.goldcheck24.de/blog/gold... -gold.html

Walter Bimini
04.01.2010 19:12
commodities sind in solchen krisen immer mehr wert als altpapier auch dann, wenn der staat es mit ziffern und mustern bedruckt.

in den 20er jahren des vorigen jahrhunderts hat die weimarer republik so viel geld gedruckt, daß kinder auf den straßen mit banknoten bündeln türme gebaut haben.

Walter Bimini
04.01.2010 09:17
wer weiß worauf roubini für sich selbst setzt?

es wäre überhaupt recht interessant zu wissen wieweit die wortmeldungen und aktivitäten sich widersprechen.

Hr. Wolf
04.01.2010 06:27
???

Hr. Soros hat aber auch keine Lösung parat!!!

Walter Bimini
04.01.2010 19:08
wie sollte er?

die usa ist im eck und die eudssr wohl auch. warum glauben sie, ist greenspan damals plötzlich abgetreten? weil er genau gewußt hat, daß es bald krachen wird. ich denke mir er hat zu bernanke gesagt "benny übernimm du" und das schlamassel seinem nachfolger, dessen bart mittlerweile ganz weiß wurde, überlassen.
soviele nacht- und wochenendeinsätze haben alle zentralbanker seit jahrzehnten nicht gemacht.

TanteMitzi
04.01.2010 00:05
Ein erhellender Beitrag.

Nationale Regelungen sind den globalen Finanzmärkten nicht gewachsen.

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