Musik mit bösen Klängen

Otto Brusatti, 01. Jänner 2010 19:37

Ein Botschaft an die Welt soll das Neujahrskonzert gewesen sein. Eine vielleicht fragwürdige, bedenkt man die Musikhintergründe des Programms

Mit Mohammed und Juden wird da nicht zimperlich umgegangen.

***

Vorweg: Bitte liebe Wiener Philharmoniker, in den nächsten Jahren könnte man doch wieder einmal DirigentInnen verpflichten, die ein Neujahrskonzert auch beherrschen. Maestro Prêtre tat das nicht. Er lieferte hübsche Salonpiecen ab, aber weder richtigen Walzertakt noch passend Rascheres; und - leider - eine von ihm gegebene Polka mazur war dem Genre gegenüber eine Frechheit.

Gleichviel.

Oder vielleicht noch einmal kurz vorweg: Wer verantwortet eigentlich die Tatsache, dass die Live-Tanzeinlagen vor ungemein wertvollen Bildern im KHM (in einer ziemlich einfältigen Choreografie und in - trotz Vorausbejubelung - nichtssagenden Kostümen) dahingehupft werden? Dazu ist nämlich ein Maschinen- und Energie-Park vonnöten. Jede(r) Besucher(in), welche sich dergestalt sonst den Bildern näherte, wird usuell streng gemaßregelt.

Was aber beeindruckend und verstörend war im eben gegebenen und angeblich von Abermillionen gesehenen und gehörten Neujahrskonzert 2010, das sind die Musikhintergründe des Programms.

Also.

Musik generell und eben auch die angeblich lustige der Neujahrskonzerte hat auch andere Ebenen, ursprünglich sogar andere Absichten.

Wiener seid froh

So ist es immer wieder verblüffend, mit welcher Grandezza man weltweit und als österreichische Visitenkarte den Donauwalzer als heimlich-offene Welthymne zelebriert. Das Stück war dereinst etwas ziemlich Politisches! Österreich blutete nach 1866 aus den Wunden von Königgrätz. Im Fasching darauf musste sozusagen was geschehen und zugleich sarkastisch verschüttet werden. Strauß, der Junior, Jean, Schani, fabrizierte zu diesem Zweck die bis heute am bekanntesten gewordenen Musik, An der schönen blauen Donau, ein Gesangswalzer im responsorialen Satz. Dort wird aus zwei Männerchören gefragt, warum man denn überhaupt noch froh sein dürfe, alles rundum (pardon) sei doch nur mehr Scheiße. Und überhaupt: Lieber tanzen und vergessen, lieber Komatrinken und die Leute ausnehmen.

Klar antisemitisch

Später hat man den Donauwalzer-Text sogar noch erweitert. Dann brüllen sich die Männerchöre nämlich bewusst antisemitisch folgendermaßen an: "Der Ring (die neue Wiener Ringstraße) ist ein Juwel, dort wohnt ganz Israel."

Neujahrs-Weltmusik aus Wien.

Aber das ist noch lieb und historisch (es gibt Dutzende an höchst bekannt gewordenen Musiken aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit schlimmen und vor allem dummen Texten; der Strauß-Walzer op. 462, Klug Gretelein, beschreibt sogar die Vergewaltigung eines Mädchens, wobei dieses nachher noch sagen muss: "Es hat mir eh' Spaß gemacht." ).

Es geht ums Saufen

Im Neujahrskonzert 2010, angeblich das weltweit meistrezipierte Musikereignis überhaupt, gab es allerdings zudem (wieder einmal) den 1868 komponierten Strauß'schen Gesangs-Walzer op.333, Wein, Weib und Gesang. Nun gut. Das ist eine wunderbare Musik über einen saudummen Text. Es geht ums Saufen. Seit Adam und Eva. Es geht wieder um ein Sich-Besaufen bis zum Exzess. Es geht darum, wie man mittels Alkohols junge Frauen besser verführen kann. Dann brüllt alles "zum frommen Gebet" , dass sich rasch der himmlische Segen über uns ergieße.

Tja. Ist halt so. Jedes zweite Wienerlied und jeder Rap verfolgen ähnliche Ziele.

Was aber ein wenig stutzig (oder in unserer Zeit: ängstlich) machen könnte, das sind die Schlussstrophen von Wein, Weib und Gesang (zur Erinnerung: eine Musik und deren Vorlagen, die aus Wien, live und weltweit als Musik-Medien-Ereignis Nr.1 ausgestrahlt werden). Man geht dann nämlich voll ins Religiöse, im Texthintergrund von Wein, Weib und Gesang.

Zuerst werden Martin Luther und das Konzil bemüht. Beiden wird Sauferei und Frauenverführung unterstellt.

Lebenslust nach Mohammed

Tja. Noch einmal gesagt. Ist halt so. Wir sind hierorts und nach diversen Aufklärungen solchen Texten gegenüber zumindest lässig. Aber dann? Man übt sich in religiöser Vielfalt.

Zitat aus dem Original: "Denn man braucht deshalb noch kein Lutheraner zu sein, selbst der koscherste Jud liebt G'sang, Weib und Wein. Es hat der Mohamed freilich den Wein confiszirt, doch dafür hat er sich an den Weibern regressirt. Kühner Muth, frisches Blut, thun sehr gut in jeder Zeit, Lieb und Sang, Becherklang, trotzen lang der Traurigkeit."

Wenn man da bedenkt, was wesentlich harmloserer Lächerlichmachungen des Propheten des Islam in den letzten Monaten nach sich gezogen haben. Konflikte im Weltmaßstab nämlich. Und dann spielt man sowas als größtes einschlägiges Musikereignis? Live übertragen. Vergleichsweise unbewacht, was mögliche Fundi-Anschläge betrifft? Mutig! (Offenbar in der eigenen Ignoranz kühn mit der Ignoranz der Fundis rechnend.)

Dieser Kommentar wurde übrigens und sicherheitshalber erst nach Abschluss der Übertragung des Philharmonischen Neujahrskonzertes 2010 verfasst. Man weiß ja nie.

Und noch einmal übrigens: Ich würde mich in dieser Zeit etwa als Opernintendant auch ziemlich fürchten, das eine oder andere Orientalen-Stück aufzuführen. Auch dort drinnen kommen Sachen vor, welche weit über jegliche aufgeregt rezipierte Karikaturen gehen. Vor allem würde ich eine der Star-Opern überhaupt nicht mehr aufführen. Mozarts Die Entführung aus dem Serail. Dort wird ja schließlich im Saufduett dem Herrn Allah unterstellt, dass dieser wahrscheinlich sowieso zu blöd ist, den Alkoholkonsum eines Gläubigen zu bemerken.

Man sagt, das wäre in manchen Religionsauslegungen bereits ein Todesurteil. (Otto Brusatti, DER STANDARD/Printausgabe, 02./03.01.2010)

Zur Person:
Otto Brusatti ist Autor,Regisseur, Musikmacherund Moderator.

Weiterlesen:
Dompteur der musikalischen Zeit
Die Wiener Philharmoniker unter Georges Prêtre im Musikverein: Der französische Routinier, der zum zweiten Mal antrat, animierte das Orchester zu einem Höchstmaß an Poesie - Von Ljubiša Tošić

    Kommentar posten
    Posting 1 bis 25 von 288
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    E. Pagliacchi
    08.01.2010 09:44
    Satyr returns to sender

    Na, Herr Brusati, Sie outen sich als Satirewilliger? Tja, ist halt so. Dann gönnen Sie sich einmal diese Satire hier. Alt, leider aktuell und noch immer gut: http://www.youtube.com/watch?v=6ozEA0JJiCY

    paradiselost
    07.01.2010 21:46
    ja, der brusatti!

    kleiner agent provocateur? wieder einmal vergessen, das taferl mit der aufschrift: „achtung! ironie!“ hochzuhalten? tja, so geht’s einem, der halt als radiomoderator so leidenschaftlich gern politisch inkorrekt ist und das mit esprit verwechselt: ziemlich sexistisch, gern selbstüberheblich, auf eine pseudo-elegante weise neophob im kulturellen - und das alles würzt er dann mit einer prise islamkritik. aber vielleicht hat ihn auch nur der wagner-trenkwitz als präsentator gestört? das wäre verständlich.

    DerRoland
    07.01.2010 21:23
    Lassen Sie mich kurz ein Gleichnis bringen, Herr B.

    Wenn ich jetzt im Anschluss an Ihren Text, also auch auf der selben Internetseite, antisemitische Äußerungen machen würde, wäre es dann gerechtfertigt Ihren Artikel herabzuwürdigen?

    Sehen sie? Politisch völlig korrekt aufzutreten erfordert mehr als nur eine österreichische Gutmenschen-Raunzerseele.

    wickiwawa
    07.01.2010 21:04
    mit zweierlei Maß...

    wird hier von so machem Poster gemessen. Würde man diverses nationalsozialistisches Liedgut ohne Text auch nu im dunkelsten Keller aufführen, wäre das ein Skandal. Zurecht möchte ich meinen. Bei der Walzerseeligkeit wird verteidigt was geht. Nicht unbegründet wird hinterfragt, ob denn nun keine Walzer mehr zum Besten gegeben werden sollen. Ich mein, dass das schon sein sollte, aber nciht unreflektiert und beinahe kitschig, wie es beim heurigen Neujahrskonzert passiert ist.
    Ich gratuliere zu diesem mutigen Kommentar nicht zuletzt wegen der musikalisch fachlichen und kompetenten Kritik!

    the thing that should not be
    07.01.2010 20:14

    ich finde es nicht notwendig, die gestaltung des neujahrskonzert von "manchen Religionsauslegungen" abhängig zu machen ...

    political correctness ist den teufel mit dem beelzebub austreiben.

    dench
    07.01.2010 19:43
    ohne literatur musik und malerei

    wenn ich dem Gedankengang von Herrn Brusatti folgen kann, dann dürfen wir den Kaufmann von Venedig nicht mehr aufführen auch den Othello nicht usw auch das Bild das letzte Abendmahl müsste abgenommen werden...................

    Mampfred
    07.01.2010 19:32
    Rückwärts

    Wenn man die Stücke rückwärts abspielt, dann hört man bestimmt auch noch Aufforderungen zum Suizid...

    RebelAngel
     
    07.01.2010 19:25
    "Später hat man den Donauwalzer-Text"

    aha. Wenn also ein "später" dazugedichteter Text ein Musikstück disqualifizieren kann - ist dann auch ein Umkehrschluss möglich...? Also wenn jetzt einer hergeht und zum Hörst We $s el Lied eine "Weltfrieden"-Strophe reimt, hieße das dann...?

    Ich bitte um alsbaldige Aufklärung und Erteilung der Absolution durch die hochheilige PC-Inquisition!

    hr bert
    07.01.2010 19:07
    aufgescheuchte hühner

    haha, herrlich! ich kann mir die deix-gfrieser der neujahrskonzert-anhängerschaft dazu vorstellen. latente xenophobie, saufen als mittel zum zweck [...] und vergewaltigung als kavaliersdelikt.

    und hier im forum ein schwall an hysterische ausreden! hallo, die musik wird eh nicht kritisiert, es ist die p.t. österreichische vorzeigegesellschaft, die eindeutigen verbesserungsbedarf hat.

    dr.agon
    07.01.2010 18:48
    sollten entsprechende reaktionen aus der islamischen welt erfolgen

    (was an sich ja wesentlich skandalöser ist als jeder noch so dumme text) - so hätten sie diese provoziert, herr brusatti. denn bis zu diesem artikel kannte wohl niemand die texte, noch war jemand daran interessiert. kunst ist immer im kontext der zeit zu sehen. den struwelpeter nimmt heute auch niemand mehr ernst.
    wenn diese texte heute tatsächlich rezitiert würden, wäre ihre kritik vielleicht berechtigt. mit der musik haben sie nichts zu tun

    henne57
    07.01.2010 17:25
    und das alles

    fällt dem Herrn Brusatti erst beim diesjährigen Neujahrskonzert auf?
    Wo hat er denn die letzten 60 Jahre gelebt?
    In seiner Zelle in der Argentinierstrasse 30a?

    E. Pagliacchi
    08.01.2010 08:02

    Wir sehen uns bem Diesjährigen auf ein Achterl.

    Sudokusan
    07.01.2010 16:26
    Originalzitat???

    Der Google findet garnix wenn man nach diesem 'Zitat aus dem Original sucht' sucht

    ????

    sleepyc
    07.01.2010 16:18
    sehr geehrter herr brusatti!

    respekt vor ihrem fachwissen. jedoch - was wollen sie uns mit ihrem kommentar sagen?
    dass wir ab sofort keinen strauß mehr hören dürfen?
    dass wir -mehr noch als bisher- jedes wort auf die goldwaage legen müssen?
    niemand hat beim neujahrskonzert die von ihnen angesprochenen texte gesungen. wahrscheinlich waren sie sogar "dem priester" zu blöd.
    denn - blöd sind operettentexte und walzertexte bis auf ganz wenige ausnahmen. schlagertexte eben.
    aber - ist das wirklich ein grund, sich die fraglos schöne musik zu versagen? oder glauben sie nicht auch, dass jene menschen moslemischen oder mosaischen glaubens, die zugehört haben, an diese dabei zuerst an diese texte gedacht haben? oder haben sie einfach der musik gelauscht. mit 45mio anderen...

    Analphabet
    07.01.2010 16:02
    Eigentlich recht informativ ....

    die meisten Hintergrundinformationen waren mir neu.

    Aber ich halte es eine Fehler, zu unterstellen, ein heutiger Interpret des Donauwalzers wollte das gleiche aussagen wie ein Männerchor vor langer Zeit.

    BTW: auch andere berühmte Werke strotzen nicht gerade vor politcal correctness: z.B.: Zauberflöte: "Ein Weib tut wenig, plaudert viel", oder: Menostatos, "der böse Mohr" als Verkörperung allen Übels.

    Da lob' ich mir die "Umdeutung" der Arie der Königin der Nacht in der Durex-Werbung :-)

    Renzo Pasolini
    07.01.2010 21:20
    "Menostatos"? Gibt's nicht ...

    Kelborn
    07.01.2010 15:44
    und noch was:

    Ich als Lutheraner fühle mich eher belustigt duch Strauß-Zitate dieser Art. Beleidigend (für meinen Intellekt) ist höchstens dieser Kommentar.

    Kelborn
    07.01.2010 15:41

    sau dummer Kommentar. Mehr muss man da nicht sagen.

    sepp schilehrer
    07.01.2010 15:11

    Als weg mit der "Entführung", weg mit dem "Donauwalzer", der Nikolaus muss sich (wenn er überhaupt noch kommen darf) vor den Kindern umziehen und überhaupt schaffen wir das Abendland gleich ganz ab, es könnte ja jemand Neu-zugezogene(r) beleidigt sein.

    Warum habe ich mehr und mehr das Gefühl, dass sich unsere Gesellschaft in die völlig falsche Richtung entwickelt...?

    Schön dass immer die Künstler am lautesten die Gutmenschenindustrie unterstützen. Das Ergebnis sieht man in Dänemark....

    Doch lassen wir auch hier die Kirche (jawoll die Kirche!) im Dorf. In einer Demokratie darf man sowas schreiben, man darf dem Schreiber aber auch einfach nur den Vogel zeigen bzw. ihn einfach für einen Wichtigtuer halten...

    Dr Grulka
     
    07.01.2010 15:07

    Es ist nicht mehr zu fassen, was in dieser bösen Welt schon alles einen finsteren Hintergrund hat, einen übelwollenden Subtext gegen irgend jemand von politischer Korrektheit geschützten oder eine generelle menschenverachtende Motivation.
    Man könnt schier verzweifeln an so viel Schlechtigkeit.

    RebelAngel
     
    07.01.2010 19:18
    jaja

    bald landet Strauß neben Cannibal Corpse am Index :-D

    Drago+
    07.01.2010 13:55
    Versteh i net ganz

    Der Opa von Johann Strauss Sohn (und damit Papa von Johann Strauss Vater) war selber a Jud'..

    Nur weil irgendwelche Deppen später dem Walzer etwas dazugedichtet haben, muss man das Stück nicht gleich als rassistisch und antisemitisch deffamieren. Ich meine, so kommt es mir irgendwie rüber...

    aunty
    07.01.2010 13:37
    also

    meinungsfreiheit hin - pressefreiheit her

    ich hab selten einen blöderen kommentar zum neujahrskonzert gelesen als diesen hier....

    RebelAngel
     
    07.01.2010 14:46
    nunja

    es sei doch jedermann unbenommen, sich öffentlich als Dolm zu outen...

    Poldi Prettljausn
    07.01.2010 12:54
    Genauso wenig

    wie es irgend einen Dirigenten - nicht einmal Harnoncourt - oder Musiker interessiert, ein Neujahrskonzert in den Originalfassungen mit Stimme und Männerchor aufzuführen, interessiert es die Leserschaft, um was es in den Texten geht.

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