Neujahrskonzert 2010

Dompteur der musikalischen Zeit

Ljubiša Tošić, 1. Jänner 2010, 19:36

Die Wiener Philharmoniker unter Georges Prêtre im Musikverein: Der französische Routinier, der zum zweiten Mal antrat, animierte das Orchester zu einem Höchstmaß an Poesie

Wien - Es lässt der alte Herr auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz eine gewisse Vorsicht walten. Kaum dort angekommen und die Klänge in Gang gesetzt, ereignet sich bei ihm allerdings eine wundersame Transformation zum quirligen, jungen Herrn, zu einer von der Musik immer wieder neu geformten, sehr lebendigen Dirigierskulptur. Sie zieht die Noten gleichsam aus den Streichern heraus, oder sie umarmt Töne. Sie stampft ganzkörperlich im Rhythmus, und sie wiegt die Musik auch gerne im Arm wie ein Baby. Unerschöpflich ist bei dem Routinier aus Frankreich die Bandbreite des mimisch-gestischen Ausdrucks.

Das Entscheidend-Schöne aber bei Georges Prêtre, der heuer zum zweiten Mal das wohl global präsenteste Klassikkonzert dirigiert: Er nimmt diese Musik sehr ernst, sie geht ihn etwas an, und er will sie formen. Ein sympathischer Zug, der an diesem ersten Vormittag des neuen Jahres durchaus viele vor dem Einnicken bewahrt.

Wie oft hatte man im Laufe der Jahre bei Neujahrsdirigenten ja das Gefühl, da käme ein großer Name quasi nur vorbei, um sich ein paar nette Tage in Wien und dabei dirigierend auch den Klang der Philharmoniker zu gönnen. Wobei: Natürlich ist Prêtre auch ein Genießer; aber eben einer auf der Suche nach jenem magischen, seligen Etwas in dieser Musik. Er findet es im Klang, der auch bei ihm keine besondere Doppelbödigkeit (wie etwa bei Harnoncourt) aufweist. Er findet es aber, und da kommt Prêtre ganz zu sich, auch über einen großzügigen Umgang mit der musikalischen Zeit.

Elegantes Binden von Ideen

Es ist denn auch so markant wie schön, wie Prêtre bei der Fledermaus-Ouvertüre die langsamen Stellen innehaltend auskostet, wie er Poesie erzeugt, indem er die Philharmoniker auch zu grazilem Legatospiel animiert und zum ausgiebigen Aussingen der Phrasen. Zudem: Elegant bindet er Episoden, er lässt sie ineinander übergehen und erzeugt damit eine nicht nachlassende Spannung. Intimes Schweben herrscht da vor; bei seinem ersten Antritt 2008 war dies nicht immer der Fall: Das Zierliche wirkte mitunter geziert und etwas träge. Diesmal jedoch immer authentisch und wach, trotz der im Zweifelsfall eher langsamen Tempi.

Zweifellos einer der Höhepunkte war Offenbachs Rheinnixen-Ouvertüre: Da ging es gehörig in die Werktiefe; mit extrem zurückgenommener Dynamik erreicht Prêtre (mit Hilfe des Klanges) glühende, dunkle Unmittelbarkeit; und auch die Gesamtbalance stimmte: Als großer Kontrastkünstler verstand Prêtre es, auch die "fetzigen" Momente zu ihrem Recht kommen zu lassen. Sei es bei der Nikolai-Ouvertüre Die lustigen Weibern von Windsor, sei es beim Morgenblätter-Walzer.

Natürlich müssen schon Werke auf dem Programm stehen, die den Interpreten auch inspirierend "reizen". Wo dies nicht der Fall ist, erlebt man ein nettes Konzert mit einer lustigen Polka Im Krapfenwaldl, einer gediegenen Champagner-Polka und der soliden Schöne-Helena-Quadrille. Hier wirkt das Orchester wie eine gut funktionierende, virtuose Maschine und Prêtre wie der freundlich überwachende Ingenieur.

Blumenstrauß aus Gewehr

Kurzum: Am stärksten die Wirkung, wo es um das Selige ging und die Suche nach etwas Tiefe auch Werk-möglich war. Da verschmolz Prêtres Ästhetik mit dem glühenden Sound der Philharmoniker delikat und sinnstiftend.

Was sonst noch geschah? Der Gagfaktor hielt sich in Grenzen: Einmal schenkten sich manche Musiker Sekt ein, dann schoss Prêtre mit einem Gewehr, aus dem ein Blumenstrauß kam. Und bei Perpetuum mobile ging er mitten in der Musik ab, um bald zurückzukehren und das Ganze mit einem Harald-Serafin-Zitat ("Wunderbar!") zu beenden. Zeuge des in Summe letztlich wunderbaren Konzertes war auch Ex-James-Bond Roger Moore.

So wie er applaudierte, wird er auch nächstes Jahr dabei sein, wenn Franz Welser-Möst, wie exklusiv berichtet, das Neujahrskonzert leiten wird. Welser-Möst wird dann 50 sein - etwa so alt wie die philharmonische Partnerschaft mit dem Überraschungs-Künstler Pretre. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD/Printausgabe, 02./03.01.2010)

Weiterlesen:
Kommentar der anderen
Musik mit bösen Klängen - Von Otto Brusatti

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Posting 1 bis 25 von 65
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Kalidasa
00
12.1.2010, 15:49

Wurde der dmäliche Brusatti-Kommentar mittlerweile entfernt? Die Posting-Links scheinen nicht mehr zu funktionieren.

schiral
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Schmierige Rubati

Die Kritikerin meint, dass Pretre langsame Stellen "ausgekostet" habe. Ich fand gleich bei der Fledermaus-Ouvertüre die rubati "schmierig" - auch beim folgenden Stück!

rasenmähermann
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Ich weiß nicht, es mag ja am Kater gelegen haben, aber so berauschend war dieses Neujahrskonzert meiner Meinung nach auch wieder nicht.
Es war sicher handwerklich nicht schlecht, aber mir hat das gewisse Etwas gefehlt.

da bese Wolf
00

Kritiken müssen Sie zwischen den Zeilen lesen! Diese trifft den Nagel auf den Kopf: An Poesie hat es diesem Konzert nicht gefehlt, im Gegenteil: Es war fast schon kitschig, wie viel da rüber kam... Da war einer am Werk, der dieses Orchester kennt, sich drauf eingelassen hat und dann erst begann, zu gestalten. Diese Herangehensweise hat überzeugt.

aber jetzt
91
pretre...

ich glaube da hat jemand seinen zenit weit überschritten!

qwert zuiop
00

"Zweifellos einer der Höhepunkte war Offenbachs Rheinnixen-Ouvertüre ... mit extrem zurückgenommener Dynamik ..."

etwas mehr crescendo hätte dem ganzen gut getan.
aber was schreib ich da, die wissen schon was sie tun.

und sonst: 1, 2 and perhaps 3.

E. Pagliacchi
00

Erst die zurückgenommene Dynamik loben, dann jedoch mehr Crescendo einfordern - sollten Sie sich nicht überlegen, was Sie wollen?

qwert zuiop
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ich zitierte aus dem artikel.

E. Pagliacchi
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I'm soo sorry!

gastrosoph
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Eingeschlafene Füße

Die angebliche Poesie entwickelte sich aus einer Langsamkeit heraus - altersbedingt. Und wenn man die Philharmoniker nicht im Griff hat, ja dann... Von wegen Dompteur! Denke wehmütig an Kleiber zurück... Was wird bleiben? Bevor es dunkel wird, kommt Carmen Nebel. Jingle Bell für den Boulevard übers Jahr.

EauRouge
34

Ja man kanns nicht oft genug sagen. Am besten man spart sich jedes Jahr den Zirkus und wiederholt abwechselnd die Konzerte von Kleiber 89 und 92.

Hier noch ein Video (1. von 4) für Fans vom grossen Meister:
http://www.youtube.com/watch?v=M6Fza5QyuAI

Sien
00
@EauRouge

Vielen, vielen Dank für den Link!
Hatte jedoch zur Folge, daß es das Neujahrskonzert 2010 für mich relativiert hat ;)

PeanutbutterWolf
10

Wie öd....

krikri
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tosics kritik trifft es einerseits genau - nur frage ich mich, ob die begeisterung für die interpretation nicht zu einem teil an den doch eher selten zu hörenden werken liegt, denn bei den öfters zu hörenden wie krapfenwaldl, morgenblätter, wein weib...habe ich tollere im ohr (kleiber, reiner). Aber von den WPH wars traumhaft gespielt.
Bei der ORF2 übertragung via sat waren ständig kurze tonausfälle - ob da absicht dahintersteckt, um eine eventuelle eigenaufnahme wertlos zu machen und dann zur Kauf DVD greifen zu müssen?

cantanto
03
Welch Wunder!

Das Tosic auch etwas bürgerliches und qualitativ hochwertiges gefällt und das sogar, ohne das ein Nacketer über die Bühne rennt oder etwas - angeblich - "neu" "interpretiert" wird.

Vielleicht gibt es ja für das zweite Jahrzehnt dieses Jahrhunderts doch noch Hoffnung auf qualitativ hochwertige Kritik im Standard.

Das Neujahrskonzert war wirklich eines der besten, das ich je gehört habe. Dieser Maestro ist eben ein echter Musiker, un-eitel, voll Liebe für die Musik.

Auch das Ballet war heuer absolute Extraklasse mit Kostümen, die verzauberten!



PeanutbutterWolf
33

Ist Ihnen dieser Kommentar nicht peinlich?

josefa maier449
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Mir hat das Konzert sehr gefallen,

aber Ihr Kommentar ist eigentlich sehr lustig :-)

Robert Waloch
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Was soll diese dumme Frage?

Der Kommentar kam eben von Herzen - und nicht, wie etwa ein paar Seiten später bei einem Herrn Brusatti, aus seiner vom Neid zerfressenen Galle!
Und selbstverständlich war dieses Konzert eines der schönsten der letzten Jahre, was nicht ausschließt, dass für Kleiber und Karajan andere Parameter gelten...

PeanutbutterWolf
01

Leider haben Sie meinen Kommentar missverstanden bzw. nicht erkannt, dass er in zweiter Ebene steht.

mukl
00

die metaebene ihrer frage erschließt sich mir auch nicht ganz.

Robert Waloch
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In zweiter Ebene?

Hätten Sie noch weitere Varianten abwärts?

PeanutbutterWolf
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Versuchen Sie amüsant zu sein? Mein Kommentar entstand als Antwort auf den Kommentar von cantanto - ergo "zweite Ebene". Sie wiederum gingen - und jetzt nicht dumm stellen (zumindest nicht mehr als notwendig) - davon aus, dass sich meine Frage an Herrn Tosic richtete. Tat sie natürlich nicht.
Poster cantanto hat sich schlicht auf äußerst selbstentlarvende Weise über die Kritiken des Herrn Tosic - wie man zu ihm steht, ist in diesem Fall unerheblich - beklagt, weshalb ich mir die Frage einfach nicht verkneifen konnte.

Herr J.K.
018
Roger Moore beim Neujahrskonzert

Roger Moore? Das war James Bond! Traurig, dass manche nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden können.

Martin Major
 
00

ich glaube, hinter ihm saß die broccoli ...

Erika Rothen
202
Das Neujahrskonzert:

der Musikantenstadl, die Philharmoniker: die Kastelruther Spatzen der Klassik.

Auf irgendeinem Sender war richtige Musik. Was für eine Wohltat, umzuschalten.

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