Besinnung auf Byzanz

Jürgen Gottschlich, 1. Jänner 2010, 18:59

Am 16. Jänner wird Istanbul zur Europäischen Kulturhauptstadt 2010 (zusammen mit Pécs und dem Ruhrgebiet). Sehr viel Geld floss in Restaurierungen

Man will die Zahl der Touristen verdoppeln.

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Auf die Frage, welche Stadt die größte Europas ist, wird vermutlich auf London oder Paris getippt. Kaum jemand denkt an Istanbul, obwohl in der Metropole am Bosporus mit 15 bis 17 Millionen wesentlich mehr Menschen leben als in der britischen oder französischen Hauptstadt. "Genau das wollen wir ändern" , sagt Yilmaz Kurt, Generalmanager für Istanbuls Auftritt als Europäische Kulturhauptstadt 2010 als Erstes, wenn er gefragt wird, was die wichtigste Botschaft sein soll. "Wir werden zeigen, dass Istanbul eine durch und durch europäische Stadt ist - natürlich mit seinen Traditionen."

Um diese Botschaft möglichst flächendeckend zu verbreiten, haben die Stadt und der türkische Staat keine Kosten gescheut: Die Macher der Kulturhauptstadt können 250 Millionen Euro - über drei Jahre verteilt - ausgeben. Zum Vergleich: Essen muss mit 60 Millionen Euro auskommen, mit dem vergleichsweise kleinen Pécs suchten die Istanbuler lange nach einem gemeinsamen Projekt, das auch im Rahmen derer Möglichkeiten zu realisieren ist.

Entsprechend üppig sieht das Programm aus. Allein der Katalog, aufwändig auf Hochglanzpapier gedruckt, listet mehr als 400 Projekte, Ideen und Veranstaltungen auf. Kritiker werfen den Veranstaltern allerdings vor, sie würden unter dem Etikett Kulturhauptstadt eine Mogelpackung verkaufen. "Rund 70 Prozent des Geldes werden für Vorhaben ausgegeben, die die Stadt sowieso hätte anpacken müssen" , lästerten verschiedene Zeitungen.

Dazu zählen vor allem Instandsetzungsarbeiten an den bekanntesten Baudenkmälern der Stadt. So wird die Restaurierung der berühmten Kuppel der Hagia Sophia, der ehemals größten christlichen Kirche überhaupt, genauso aus dem Kulturhauptstadtfonds bezahlt wie Sanierungsarbeiten am Topkapi-Palast, dem weitläufigen Areal, von dem aus die Sultane das Osmanische Reich jahrhundertelang regierten. Und auch die Runderneuerung des Istanbuler Kulturzentrums, an dem seit Jahren dringende Reparaturen verschleppt wurden, ist im Budget enthalten. Yilmaz Kurt hält diese Schwerpunktsetzung aber für gerechtfertigt. Schließlich seien es ja gerade die Zeugnisse der Vergangenheit der Stadt, die alle Besucher am meisten interessieren.

Tatsächlich ist es noch nicht lange her, dass die Stadt ein Bewusstsein für ihre eigene Geschichte zu entwickeln begann. Bis in die 1980er-Jahre rotteten selbst die wichtigsten osmanischen Bauten vor sich hin, die Zeugnisse von Byzanz waren erst recht vergessen. Vor allem die Besinnung auf Byzanz und damit auch auf die multireligiöse und multiethnische Geschichte Istanbuls ist neu. Yilmaz Kurt ist denn auch bemüht, besonders solche Projekte hervorzuheben, die Minderheiten betreffen. Eine Synagoge wird restauriert, ein armenisches Gemeindehaus instandgesetzt. Bei den Bauarbeiten der Metro stieß man zufällig auf den ältesten byzantinischen Hafen. Über 30 Schiffe konnten im lehmigen Untergrund geborgen und sollen nun auch ausgestellt werden.

Museum der Unschuld

Bei den Musik- und Theaterveranstaltungen überwiegen solche, die den westlichen kulturellen Bezug der Stadt hervorheben: große Oper, klassische Konzerte im Vorhof des Topkapi-Palastes und ein Theaterfestival. Mit Essen und Pécs sind gemeinsame Literatur- und Theaterveranstaltungen geplant, schon jetzt werden die neu entstandenen Freundschaften zwischen den Menschen aus den drei Kulturhauptstädten gepriesen. Denn Istanbuler Künstler, Designer, Modemacher, Filmer, kurz: die gesamte Kreativbranche soll in Europa besser vernetzt werden.

Natürlich nutzt die Stadt auch werbewirksam ihren bekanntesten Literaten: Nobelpreisträger Orhan Pamuk will sein lange geplantes privates Museum der Unschuld fertigstellen. Die spektakulärste Veranstaltung für Yilmaz Kurt aber wird eine Regatta historischer Großsegler, die Ende Mai im Bosporus ihren Zieleinlauf hat. Eine Woche lang wird man dann die Schiffe vor der historischen Kulisse der osmanischen Paläste bewundern können. Das Ziel der Kulturhauptstadt ist damit klar vorgegeben: Die Zahl der Touristen von jetzt acht Millionen soll möglichst verdoppelt werden. (Jürgen Gottschlich aus Istanbul, DER STANDARD/Printausgabe, 02./03.01.2010)

  • Vom schwierigen Umgang mit der Historie [2]

    Titelbild "Nemci in Maribor": Ein Schlüsselprojekt der Kulturhauptstadt widmet sich seiner ehemals deutschsprachigen Bevölkerung und ist ein wichtiges Symbol einer lokalen Vergangenheitsbewältigung

  • "Wendepunkt"

    Die Suche nach der Kulturhauptstadt [16]

    TitelbildMaribor, zusammen mit Guimaraes Kulturhauptstadt Europas, protzte nicht: Das Eröffnungswochenende fiel eher bescheiden aus

  • Kulturappell auf Ausländisch [1]

    TitelbildMaribor steht vor der Pleite: Zentrale Bauten wurden nicht errichtet, berühmte Künstler vergrault. Doch die Hoffnung in der europäischen Kulturhauptstadt 2012 lebt weiter - trotz alledem

  • Mehr Licht!

    TitelbildAb Samstag, 14. Jänner, ist Maribor Kulturhauptstadt Europas 2012. Neben Hochkultur soll dabei auch Alltagskultur sichtbar werden

  • Der verlorene Mariborer Regie-Sohn [1]

    TitelbildMaribor ist europäische Kulturhauptstadt 2012. Der bisherige künstlerische Leiter, Theaterregisseur Tomaz Pandur, kehrte der Stadt allerdings den Rücken

  • Reihenfolge

    Kulturhauptstädte 1985 bis 2016

    Die Länderreihenfolge ist bereits bis 2019 festgelegt

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Regenfall
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nicht zu übersehen

dass manche hier vor neid kurz vorm platzen sind

maboco
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Auch die 250 Mio können meine Meinung über die Türkei nicht ändern. Solange die Türken ihrem stumpfsinnigen Nationalismus nachrennen, sind sie für Europa einfach entbehrlich!

goldener_drache_spielt_mit_phoenix
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kann mir jemand erklären

warum eine aussereuropäische millionstadt (die niemals teil der EU sein wird!) einen titel bekomt, der zur förderung europäischer mittelgroßer städte vergeben wird?

M..S..
20
Na, klar,

ist, das ein Teil natürlich auf europäischem Terrotorium steht. Grund genug?! ach immer dieses Ausgrenzen, seit den 60er sitzt die Türkei im Europarat, seit Jahrhunderten befinden sich 2 der 7 Weltwunder in Türkei, naja die 'Hochkultur' Europas hat natürlich den Ursprung in der Türkei, zumindest der Religion wegen... Wahrlich das Magnetgestein zum ersten Male in Kleinasien entdeckt worden ist..naja...

Chien de Pique
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Und auch von keinem anderen Wunder war noch ein nennenswertes Restchen vorhanden,

als die Osmanen kamen (die Araber hingegen konnten noch letzte Fragmente des Kolosses von Rhodos einsacken). Drei Weltwunder wären heute noch arabisch (Irak/Ägypten), das heißt die Araber wären noch europäischer und EU-reifer als die Griechen, die wie die TR auch nur zwei Orte haben - und das Osmanische Reich wäre bei weitem europäischer gewesen als die heutige TR, denn das besaß ja bis zu 7 Stellen?

Chien de Pique
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Der Großteil vom Rest des Mausoleums von Halikarnassos wurde abgebrochen, um eine Festung zu verstärken, bevor diese in die Hände der Osmanen fiel, aber gut, zählen wir. Der Tempel von Ephesos hingegen war ewig lang Schutt, bevor der erste

Seldschuke in der Gegend auftauchte.
Die beiden Weltwunder für die TR zu vereinnahmen, ist ein bisschen schräg, meinen Sie nicht?
Hingegen lagen gar, wenn ich nicht irre, auch die anderen Orte ALLER anderen klassischen Weltwunder auf zeitweise (teils viele Jh.) osmanischem Gebiet, dank der großen kulturellen Leistung der militärischen Eroberung römischer und arabischer (einst griechischer, ägyptischer und babylonischer/später persischer) Gebiete.
Namentlich natürlich die Pyramiden - da ist der moralische Anspruch der TR noch der beste, denn immerhin blieben sie unter ihrer Oberherrschaft weiter erhalten. Der Pharos von Alexandria existierte immerhin noch in Trümmern zu mameluckischer Zeit, also gut. Beide Wunder wären nach Ihrer Argume

Bienenkönigin
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Die "Hochkultur" Europas

hat ihren Ursprung nicht in der Türkei! Diese gab es zu dieser Zeit noch nicht. Die Kulturschätze des oströmischen Reiches, die die Zerstörung durch die seldschukische Invasion überstanden haben, waren Vorbilder für die nachfolgenden Prunkbauten der osmanischen Herrscher.

Manuel Eder, hinter mir die Sinnflut
03

Nein, kann man ihnen nicht erklären da sie die Wahrheit eh nicht hören wollen und jedem die Zeit dafür zu schade ist.

capkin
04
ganz einfach, weil es nichts mit EU zu tun hat

bewerben kann sich jede stadt, dessen Land im europarat sitzt und dort ist die Türkei schon länger Mitglied als so manches der neuen osteuropäischen EU Länder. Und Förderung mittelgroßer städte hat es auch nichts zu tun, sonst wäre ja nicht Madrid bereits mal europäische Kulturhauptstadt gewesen.

= 8-b......
05
waren sie schon in istanbul?

die stadt un die stimmung dort sind definitiv europaeischer als so manch kommentar hier.

zudem befindet sich ein teil davon in europa. ob sie es wollen oder nicht.

maboco
00

Auch wenn Sie es noch so oft wiederholen, es wird deswegen nicht wahrer! ;-)

dreyfusard
08

wär schön, wenn diese besinnung auf byzanz zb. auch den blachernenpalast und den bukoleonpalast von ihrem traurigen dasein als müllhalden befreite. große architektonische meisterleistungen, neben der stadtmauer und dem aquädukt.
nicht bloß a bissl an der hagia sophia rumfeilen.
dennoch schön, der einst prächtigsten stadt der westlichen welt eine remineszenz zu erweisen

molekühl
02

Um pedantisch zu sein: Ich würde "westliche Welt" gerne durch den schönen Begriff "Europa" ersetzen - oder ist dieses Wort jetzt schon zu politisch beschmutzt, um es historisch zu verwenden? "Westlich" ist in dem Zusammenhang eher ein Ausdruck bei unseren amerikanischen "Ablegern", für die z.B. Dante, Shakespeare und Moliere unter "westliche Autoren" laufen.

Boandlkramer
00

Ich hab's lustig gefunden, dass in "Heute" betont wurde, das zum ersten Mal der Titel Kulturhauptstadt an ein Nicht-EU-Land (=Ungarn) vergeben wurde.

Quintus Beckloeffel
135

Wenn sie schon als "europäische" Kulturhauptstadt auftreten will, dann sollte sich die Stadt aber - zumindest in dieser Rolle - "Byzanz" oder "Konstantinopel" nennen.

frechie
 
33

der name istanbul ist griechisch und nicht türkisch. also genau so europäisch wie byzanz.

Quintus Beckloeffel
05

Es geht nicht um Etymologie, sondern darum, ob die Stadt unter dem jeweiligen Namen eine Kultur repräsentiert hat, die ein integraler Bestandteil des europäischen Kulturraumes war oder eine Kultur, die das nicht war.

= 8-b......
00
wann, falls ueberhaupt

waren sie das letzte mal in istanbul?

die stadt ist weit europaeischer als so manch kleinstadt in AT.

wer die stimmung und die leute dort erlebt hat, weiss, dass sich viele europaeische staedte, die sich fuer metropolen halten, ein grosses stueck abschneiden koennen.

maboco
00

Sorry, aber mir fällt jetzt wirklich nichts ein was sich Berlin, Paris, London, ... von Istanbul abschneiden könnten und ich lebe regelmäßig in Istanbul. Aber vielleicht können Sie mir ja mit ein paar Beispielen aus der Patsche helfen!

frechie
 
01

zur zeiten konstantinopels hatte diese stadt mit einer stadt wie aleppo oder damaskus sicher mehr gemein als mit irgendeiner europäischen.

Quintus Beckloeffel
04

Unsinn, die syrischen Städte waren bereits von Anfang an, also durch viele Jahrhunderte hinweg Teil der islamisch geprägten Kultursphäre, in denen Konstantinopel integraler Teil der griechischen Kultur war, welche wiederum das kulturelle Fundament der europäischen Kultur bildete.

Und auch die europäische Renaissance ist im Wesentlichen ein Produkt der Exilanten aus Konstantinopel, die vor den Osmanen nach Norditalien flüchteten.

Karl Kraus
 
01
schon lange........

vor der existenz eines islam in syrien, arabien und persien gab es in syrien städte.........bitte nicht auf so niedrigem level verlieren

Quintus Beckloeffel
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"schon lange........"

Na und? Deshalb hört das von mir angeführte Unterscheidungsmerkmal nicht auf zu existieren. Und es wird auch in keinem nennenswerten Ausmaß relativiert, da genau die aus dieser Unterscheidung resultierende Bevölkerungsdynamik die Kultur der europäischen Neuzeit hervorgebracht hat.

Karl Kraus
 
00
wenn man schon...

wissenschaftlich sein will dann sollte man exakt sein und der islam drang erst im laufe des 8. und 9. jahrhunderts in diese gegenden vor. lange vor dem islam waren syrische städte griechisch geprägt durch die diadochenreiche in der zeit des hellenismus.

Quintus Beckloeffel
00

Eben! Das macht rund 700(!!!) Jahre, in denen Konstantinopel einer markant anderen kulturellen Dynamik ausgesetzt war als die besagten syrischen Städte. Da wäre selbst Mexiko, das nur einen Bruchteil dieser Zeit und zudem weit weniger deutlich vom europäischen Kulturzusammenhang abgekoppelt ist, noch ein passenderer Kandidat für das Etikett "europäisch".

Insbesondere ist, wie gesagt, jene Dynamik zu nennen, im Zuge derer die europäische Renaissance hauptsächlich von Konstantinopel-Flüchtlingen losgetreten wurde, während im nahen Osten die Uhren kulturell ganz anders tickten.

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