Auf die Rationalität des iranischen Regimes sollte man sich nicht verlassen
Wäre das iranische Regime noch rational unterwegs, man müsste sich um das Schicksal der Oppositionsfiguren - dass sie jemals so bezeichnet würden, haben sie sich wohl selbst nie träumen lassen - Mussavi, Karrubi und Khatami keine Sorgen machen. Nicht nur, dass sie diejenigen sind, die unbeirrt weiter von "Reformen" reden, während die Straße schon längst nichts weniger als die Abschaffung des Systems fordert. Der Impuls, den der Tod von Ayatollah Montazeri, nach dem genau genommen zu Lebzeiten kein Hahn gekräht hat, der "grünen Bewegung" gegeben hat, sollte dem Regime die Bedeutung von Symbolen demonstriert haben. Erst im Tod wurde der dissidente Mullah ein Motor der Bewegung.
Wenn das Regime sich an Mussavi, Karrubi oder Khatami vergreift, dann würde es der Bewegung einen Haufen Konsolidierungsarbeit abnehmen. Dann wäre deren Rolle klargestellt. Und eine Verhaftung wäre womöglich die eine rote Linie zu viel, die das Regime seit den Präsidentschaftswahlen überschritten hat.
Aber auf die Rationalität des iranischen Regimes sollte man sich nicht verlassen - und die Sorge geht um im Iran, dass auf eine Verhaftungswelle eine Hinrichtungswelle folgen könnte. Exempel könnten statuiert werden, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Aus der verordneten Friedhofsruhe würde jedoch mit Gewissheit früher oder später eine noch stärkere Eruption erfolgen. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 2.1.2010)