"Haben aus den Jahren eines Goldberger gelernt"

31. Dezember 2009, 13:08
4 Postings

Über das Geheimnis sich zu freuen, wenn ein Teamkollege ganz oben steht - Der ÖSV-Cheftrainer im Interview

Garmisch-Partenkirchen - Ehrgeiz, Neid, Egoismus, Wunsch nach Anerkennung. Einzelsportler in einer Mannschaft zusammenzuführen, ist mit Sicherheit keine leichte Aufgabe. Österreichs Ski-Adler sind da ja wohl keine Ausnahme, zumal es eine derartige Dichte im Team gibt. ÖSV-Cheftrainer Alexander Pointner erklärt zum Jahresausklang in Garmisch-Partenkirchen im Interview mit der APA wie er und seine Trainerkollegen trotzdem für Harmonie sorgen können.

Ihre Mannschaft dominiert die Konkurrenz. Muss man sich denn nicht Sorgen machen, dass sich die eigenen Leute gegenseitig zerreiben?

Alexander Pointner: "Wir arbeiten schon einige Jahre daran, dass wir in dem Bereich besser werden. Wir haben vor zwei Jahren die Tournee vielleicht verloren, weil wir noch nicht so weit waren, dass mehrere absolute Spitzenspringer im Team Platz gehabt haben. Damals waren die großen Favoriten Morgenstern und Schlierenzauer, letztlich ist Ahonen dann als Sieger in Bischofshofen von der Schanze gegangen.

Ich arbeite schon seit Beginn meiner Tätigkeit als Cheftrainer an diesem Teamgefüge... Es hat schon viele Situationen gegeben, wo man gemerkt hat, dass der gegenseitige Respekt und die Wertschätzung da ist, und dass es auch was Schönes ist, wenn man mannschaftlich so gut ist und sich auch freuen kann, wenn ein anderer ganz oben steht."

Wie funktioniert es denn eigentlich so viele verschiedene Charaktere unter einen Hut zu bringen? Da muss es doch auch zu Spannungen kommen.

Pointner: "Es ist sicher nicht so, dass wir etwas unterdrücken, sondern wir versuchen, Sachen anzusprechen. Mit dem Improvisationstheater spielen wir verschiedene Situationen durch, die einen kleinen Hintergrund haben. Das haben wir jetzt schon zwei Jahre gemacht. Wir versuchen auch mit der audiovisuellen Wahrnehmungsförderung (einer Entspannungsmethode mit Musik-Anm.), das auch eine sehr gute prosoziale Wirkung hat, die Leute auf einem gleichen Level zu halten."

Erfolge können Sportlern auch zu Kopf steigen oder an anderen nagen. Wie geht man damit um?

Pointner: "Hätte ich das Gefühl, dass wir nicht vorbereitet sind, hätten wir was verpasst. Diese Situation haben wir schon einige Jahre. Wir haben aus den Jahren eines Andi Goldberger, der eine One-Man-Show gehabt hat, gelernt, als die restliche Mannschaft daran zerbrochen ist. Es hat gut getan, dass ich das selbst miterlebt habe.

Ich habe gewusst, wenn ich als Trainer beginne, war immer der Teamgedanke oberste Priorität. Gemeinsam kann man viel stärker sein."

Man erinnert sich noch an Pressekonferenzen, als nur einer geredet hat.

Pointner: "Das gibt's erstens nicht mehr, weil jeder eine so wertvolle Geschichte hinter sich hat, die die Leute interessiert. Andererseits habe ich auch versucht, die Pressekonferenzen anders zu gestalten. Es hat jeder die Möglichkeit, sich auf dieser Plattform mitzuteilen, das hat es früher nicht gegeben. Da ist halt früher nur Andreas Goldberger gefragt worden. Jetzt läuft das anders ab. Jeder muss sich was überlegen, was er sagt, egal, ob er gut oder schlecht springt. Das gehört dazu zu einem Sportler."

Wenn man einen Topstar herauspicken will, dann ist es eigentlich Gregor Schlierenzauer mit seinen 26 Siegen, mit seinem Alter und dem Potenzial, das er immer noch hat. Wie kann man ihm in der jetzigen Situation helfen?

Pointner: "Erstens helfen ihm seine Team-Kameraden, da sie viel Erwartungsdruck von seinen Schultern nehmen. Er kann in Ruhe in ärztliche Behandlung gehen. Er wird vom Team aufgefangen. Es wird sicher nicht die Krankheit als Ausrede gesucht. Das hat weder er noch wir nötig. Wir wissen, dass er exzellent auch in der Verfassung springen kann."

Tourneeleader Andreas Kofler hat gemeint, dass das Team heuer noch stärker ist. Die Konkurrenz wird sich sagen, dass diese Serie irgendwann doch zu Ende gehen muss. Habt ihr auch solche Gedanken?

Pointner: "Wir versuchen uns immer weiterzuentwickeln, jeder einzelne Betreuer. Ich könnte nicht fünf Jahre immer das Gleiche tun.

Die letzte Änderung ist, das wir das Stützpunktsystem ausgebaut haben. Seit diesem Jahr gibt es wirklich ein lückenloses Betreuungssystem. Wir arbeiten mit vielen Spezialisten zusammen."

Verliert man da nicht leichter den Überblick?

Pointner: "Das System ist noch größer geworden, d.h. es muss eine sehr gute Kommunikation stattfinden. Es gibt keinen Athleten, der von uns von einem Trainingskurs weggeht, ohne dass die Informationen dann beim Stützpunkttrainer sind. Es läuft bei uns wie in der Wirtschaft auch, dass es alle Informationen gesammelt in einem Dokument gibt, vom körperlichen, gesundheitlichen, technischen Zustand, somit kann der Stützpunkttrainer direkt damit weiterarbeiten und nach einer Woche Stützpunkt werden die Athleten ebenso wieder übergeben. So gibt es eine lückenlose Betreuung."

Die Deutschen arbeiten aber auch schon mit österreichischem Know-how und drei Österreichern im Trainerstab.

Pointner: "Sie haben eine ganz andere Ausgangsposition. Vielleicht wurde da irgendwann einmal vom System her nicht so gut gearbeitet, sonst wären vielleicht mehrere Spitzenspringer da. So schnell kann man das nicht kopieren, weil bei uns einfach alle Teile so gut zusammenarbeiten. Man muss erstmal solche Betreuer und Spezialisten finden, die so teamfähig arbeiten können." (APA)

Share if you care.