Falsche Vorstellung von Sucht

5. April 2003, 18:00
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Die Geschwindigkeit, mit der Drogen im Hirn wirken, ist für das Suchtverhalten irrelevant, fanden Innsbrucker Forscher heraus

Innsbruck - Für die Mehrzahl von Drogenkonsumenten, die sich Kokain, Heroin und (oder) verschiedene Morphine intravenös injizieren, ist die Geschwindigkeit, mit der die jeweilige Droge das Gehirn erreicht und dort ihre Wirkung entfaltet, völlig nebensächlich. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommt eine Studie der Suchtforscher Gerald Zernig und Alois Saria von der Innsbrucker Uniklinik für Psychiatrie, an der auch zwei Ärzte der Innsbrucker Drogenambulanz, Matteo Giacomuzzi und Yvonne Riemer, mitgearbeitet haben. Damit ist ein weit verbreiteter medikamentöser Ansatz in der Drogentherapie infrage gestellt.

Bisher ist man davon ausgegangen, dass das Suchtrisiko einer Droge umso höher ist, je schneller sie ins Gehirn gelangt, und dass Konsumenten der Suchtgifte auf die rasche Wirkung größten Wert legen würden, erklärt Zernig. Darauf aufbauend habe die Pharmaindustrie mit beträchtlichem Aufwand an Medikamenten gearbeitet, welche die Wirkungskurven der Drogen flacher machen. Wenn nun aber für durchschnittlich zwei Drittel der Drogenkonsumenten all dies nebensächlich ist, sei die Entwicklung derartiger Medikamente verlorene Liebesmüh, meint Zernig.

Vorurteile entlarvt

Die Studie widerlegt zugleich auch Thesen, wonach Rauchen und Schnupfen von Morphinen beziehungsweise Kokain weniger Suchtrisiko als das Injizieren der gleichen Stoffe nach sich zieht. Mit dem originellen Untersuchungsansatz, 54 Drogenkonsumenten und 63 internationalen Suchtexperten denselben Fragebogen vorzulegen, gibt die Studie auch interessante Aufschlüsse über Vorurteile der Experten. Von besonderer Bedeutung dabei sind falsche Einschätzungen über die Zeitspannen, wann nach Drogenkonsum wieder Substanzgier (craving) eintritt.

Während bei Kokain diese Zeit überschätzt wird (durchschnittlich 15 Minuten statt erwarteter 30) wird sie bei Heroin (vier Stunden statt zwei) und Morphinen (sechs Stunden statt zwei) deutlich unterschätzt. Bemerkenswert ist auch, dass mehr als zwei Drittel der befragten Experten davon ausgehen, dass Heroin und Morphine sich in ihrer Wirkung kaum unterscheiden, während von den Konsumenten fast gleich viel angeben, dass die beiden Stoffe bei ihnen höchst unterschiedliche Wirkungen entfalten.

Für Zernig leitet sich daraus die Notwendigkeit ab, für jede Droge spezielle Substitutionsmedikamente zur Verfügung zu haben - die laut Zernig auch die angenehm empfundenen Wirkungskomponenten (Kick, Wohlbefinden) beinhalten müssten. Alle anderen Methoden seien therapeutisch nicht gerechtfertigt und nur mit einem Strafbedürfnis gegenüber den Drogenabhängigen zu begründen.

Substitution kann bei längerer und schwerer Abhängigkeit eine - auch durch die Probleme bei der Beschaffung der Droge vorhandene - chaotische Situation beruhigen und damit erst die Voraussetzung für körperlichen Entzug und Psychotherapie schaffen. Im Fehlen auch nur einigermaßen geeigneter Substitutionsmedikamente gegenüber Kokain erblickt Suchtforscher Giacomuzzi auch einen der Hauptgründe dafür, warum die Abhängigkeit von Kokain "so ein Monster ist". Derzeit kann diese Abhängigkeit vorwiegend nur psychotherapeutisch behandelt werden. (Hannes Schlosser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 4. 2003)

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