E-Control sieht keine akute Gefahr für Versorgungssicherheit

4. April 2003, 10:28
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Stromregulator pocht auf Leitungsverstärkung, zeigt sich aber bei 380-kV-Lückenschluss optimistisch

Wien - Die Versorgungssicherheit mit Energie ist in Österreich nach Einschätzung der Stromregulierungsbehörde E-Control nicht gefährdet. Grundsätzlich und auf absehbare Zeit sei die Versorgungssicherheit bei Strom gut, im Großen und Ganzen seien alle Komponenten gut abgedeckt, sagte Energieregulator Walter Boltz am Donnerstagabend vor Journalisten. Ein Problem sei allerdings der fehlende Lückenschluss in Höchstspannungsnetz.

Oberste Priorität habe dabei der Bau der fehlenden Nord-Süd-Verbindung, also die 380 kV-Leitung zwischen dem Südburgenland und der Steiermark. Wichtig sei auch der Lückenschluss zwischen St.Peter/Ranshofen in Oberösterreich und Kaprun in Salzburg. Der Strombedarf im Raum Graz sei deutlich stärker gestiegen als erwartet, entlang der Donau werde dagegen relativ viel Strom erzeugt, der in Wien nicht gebraucht werde. Eine Leitungsverstärkung sei daher dringend notwendig. Der Verbund habe die notwendigen Mittel und würde "liebend gern" bauen, es fehlten aber nach wie vor die Genehmigungen.

Langwierige Genehmigungsverfahren

Angesichts der Probleme in der Steiermark - auch für den Industriestandort - ortet Boltz allerdings ein Umdenken in der Landesregierung. Boltz zeigte sich optimistisch für eine Inbetriebnahme in "absehbarer Zeit" - in etwa fünf bis sechs Jahren. Die Genehmigungsverfahren, "die sich seit zwanzig Jahren ziehen", würden drei bis vier Jahre dauern, die reine Bauzeit eineinhalb bis zwei Jahre. Sollte die Leitung nicht gebaut werden, könnte es in der Steiermark zu Netzproblemen kommen.

Grundsätzlich bestehe für die Versorgungssicherheit mit Strom kein Anlass zur Sorge, in Zentraleuropa gebe es Überkapazitäten. Zusätzlich würden durch die immer enger werdende Vernetzung mit anderen Ländern mehr Kapazitäten zur Verfügung stehen. Die Erzeugungssituation sei in Europa in den kommenden vier bis sechs Jahren "komfortabel". Auch in absehbarer Zeit seien keine Probleme zu erwarten, große Stromimporteure wie Italien und Spanien beispielsweise bauen neue Kraftwerke, dazu kommen die Erneuerbaren Energien. Vor dem Hintergrund von geplanten Schließungen von Atomkraftwerken sehe die Situation etwas anderes aus, in zehn bis zwanzig Jahren müsse man sich die Frage des Ersatzes stellen.

Ungenaue Daten

Relativ ungenau sind laut Boltz die Fakten über die Versorgungssicherheit in Österreich. Die E-Control setze nun erste Schritte für eine objektive Datenlage, es gebe derzeit keine Messungen. Begonnen werde mit einer Störstatistik. Nach zwei bis drei Jahren werde man eine genauer Evaluierung sehen und eventuelle Maßnahmen setzen.

Der jährliche Stromverbrauch liegt in Österreich nach Angaben der E-Control bei 60,3 TWh. Die Gesamterzeugungskapazität beträgt 16.400 MW, davon 67 Prozent aus Wasserkraft und 33 Prozent aus Wärmekraft. Die verfügbare Erzeugung, also die Gesamtkapazität minus beispielsweise wegen Wartung nicht verfügbaren Kraftwerken, wird mit 11.600 MW angegeben.

Gesetz über Versorgungssicherheit bei Gas

Bei der Gasversorgung ließen sich empirisch keine längeren Unterbrechungen feststellen, es gebe aber Bedenken, dass Europas Energieversorgung zunehmend von Importen abhängig werde, so Energieregulator Walter Boltz am Donnerstagabend. Gas sei der Energieträger mit den höchsten Zuwachsraten.

Österreich verfüge über ausreichend Speicherkapazitäten und befinde sich einer komfortablen Situation, zumal man bei den Lieferungen aus Russland "ganz vorne an den Rohren" sitze. Technisch habe Österreich drei Möglichkeiten für den Gasbezug: Aus Russland, Algerien und der Nordsee.

Entwurf im Herbst

Geplant ist ein Gesetz über die Versorgungssicherheit bei Gas. Boltz erwartet einen entsprechenden Entwurf im Herbst. Die E-Control arbeitet derzeit ein Gutachten aus, Ende Mai soll es erste Ergebnisse geben. Anders als im Energielenkungsgesetz beim Strom gibt es im Gaswirtschaftsgesetz keine Bestimmungen für die Notversorgung. Gesetzlich geregelt werden solle beispielsweise, welche Kunden im Notfall zuerst abgeschaltet werden, sowie die Kostenverteilung. Eine systembedingte Speicherung könnte dabei einem bestimmten Regime unterworfen werden. Außerdem stelle sich die Frage, wen man versorge. Wenn man beispielsweise beschließe die zehn größten Verbraucher abzuschalten, gebe es zwar keinen Zellstoff und Papier, aber voraussichtlich auch kaum Probleme bei der Versorgung. Haushalte würden zunächst nicht betroffen sein.

Der bisherige Notversorgungsplan der Gaswirtschaft, eine freiwillige Vereinbarung zwischen Austria Ferngas, OMV, RAG und den Landesferngasgesellschaften (ohne Tirol und Vorarlberg), wurde per Jahresende 2002 gekündigt. Es handelte sich laut E-Control dabei um einen Organisationsplan, der die Koordinierung der Gasversorger im Falle von Lieferausfällen regelte. Enthalten waren beispielsweise Reservennutzung und die Abschaltung von Abnehmern. Ein finanzieller Ausgleich beispielsweise sei nicht vorgesehen gewesen. Die durchschnittliche Speichermenge in Österreich liege derzeit bei 2,3 Mrd. Kubikmeter. Die Gaslieferungen strömen relativ konstant, Lager würden im Sommer auf- und im Winter abgebaut.

In der EU gebe es die Idee einer Vorratshaltung für 60 Tage. Die EU verfüge selbst über beträchtliche Gasvorräte, die genutzt werden können, sollten etwa die russischen Lieferungen aus irgendeinem Grund für lange Zeit ausfallen. Die Vorräte reichten für etwa 30 Jahre, würden aber derzeit aus Kostengründen vielfach nicht genutzt. Ein Drittel des Potenzials sei unerschlossen. (APA)

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