Sensation oder Nichtsensation, das ist hier nur eine von vielen Fragen

8. April 2003, 20:59
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Der Fund von angeblich frühen Fragmenten des Nibelungenliedes im Stift Zwettl hat jedenfalls einen hitzigen Streit unter Altgermanisten ausgelöst

Wien/Zwettl - Zumindest in einem Punkt sind sich die Hitzköpfe einig: Der Verlauf und die Art der Diskussion sind aus dem Ruder gelaufen. Seit etwa zehn Tagen, seitdem die Bibliothekarin und Archivarin des Waldviertler Zisterzienserstiftes Zwettl ihre Nibelungen-Fragmente eher unfreiwillig einer breiteren Öffentlichkeit präsentierte, ähnelt die deutsche Altgermanistik einem aufgescheuchten Hühnerstall.

Wer im Fach etwas gilt, sollte zum Fund eine Meinung haben - auch wenn er die zehn winzigen, wurmstichigen Pergamentschnipsel nur von schlechten Reproduktionen kennt. Immerhin geht es um das Allerheiligste der älteren deutschsprachigen Literatur, um das Nibelungenlied.

Sensation oder Nichtsensation

Um jenes Epos um Siegfried, Kriemhild, Brünhild, Gunther und Hagen also, das wie keines sonst über die Jahrhunderte die Emotionen, oder wie sich Friedrich Schlegel ausdrückte: "das Nationalgefühl", anfachte - mitunter auch im Dienste der falschen Sache. Sensation oder Nichtsensation, das ist die Frage, wie man sie medienkompatibel in der Öffentlichkeit stellt.

In Fachkreisen dagegen stellt man sich eine ganze Reihe von Fragen: Stammen die Pergamentschnipsel aus dem 12. oder aus dem 13. Jahrhundert? Oder gar aus noch früheren Zeiten? Wie sind die auf den Schnipseln entzifferten Namen zu interpretieren? Ist der "pilgerime" etwa einfach nur ein Pilger oder handelt es sich um den berühmten Bischof Pilgrim von Passau?

Ein Philologenkrimi für die Experten, ein Schmankerl für die Beobachter: Denn wie es sich für einen Textfund des sagenumwobenen Nibelungenstoffes gehört, ist die Entdeckung selbst von beinahe mythischen Dimensionen.

Stille Aufforderung

Mitte der Neunziger war es, als ein Pater in Zwettl zwei Schachteln auf den Tisch von Charlotte Ziegler stellte: "Mit der stillen Aufforderung", sich den Inhalt einmal anzuschauen, wie sie nicht müde wird zu erzählen. Zehn mittelhochdeutsche Handschriftenfragmente im Format 3,5/4,2 mal 6,5/7,5 Zentimeter waren es, mit einer teilweise schon durchsichtig gewordenen braunen Tinte beschrieben, die Ziegler seit damals viel Kopfzerbrechen bereiten.

In der Zeit nach 1500 zerschnitten, diente das Material zum Ausbessern und Verstärken von Buchrücken. Wie die Schnipsel dann in die Pappschachteln kamen, weiß auch Ziegler nicht. Sie zumindest blieb bei den winzigen Zeugnissen einer verlorenen Zeit hängen.

"Siverit" las sie da und dachte an den blonden Siegfried

... "medechine" entzifferte sie und interpretierte das Wort als "nach Melk hin", "swamerole" erkannte sie und verband es mit dem Spielmann Schwemmel, der nach dem Untergang der Burgunder am Hofe des Hunnenkönigs Etzel auszog, um die grausame Kunde von Mord und Totschlag zu verbreiten. Eine Lesart, die auf den Nibelungenstoff deutete, bei einem Fragment sogar auf die Nibelungenklage.

Allerdings dürfte die Klage erst nach dem Lied selbst entstanden sein. Charlotte Zieglers Einschätzung nach - und auch jener von Paläografen, die sie konsultierte - stammen die Fragmente aber aus dem 12. Jahrhundert. "Ich bin mit der Datierung zeitlich immer weiter zurückgegangen", erzählt sie, "momentan tippe ich auf die Zeit um 1100."

"Stelle meine Annahmen zur Diskussion"

Damit würde es sich bei den Zwettler Schnipseln um die älteste Überlieferung zum Nibelungentext handeln. Um eine Verarbeitung des Nibelungenstoffs vor dem Nibelungenlied. "Ich stelle meine Annahmen zur Diskussion", beschwichtigt Ziegler, der die Reaktionen auf ihre Funde mittlerweile ein bisschen unheimlich sind. Aus Teilen der Wissenschaftsgemeinde der Nibelungenforscher sind nämlich harsche Töne zu hören.

Der Marburger Altgermanist Joachim Heinzle, eine Koryphäe seines Fachs, stampft Zieglers Aussagen in Grund und Boden ("Zudem ist es ein Skandal, wie die Sache in den Medien transportiert wird!") und kündigt eine Gegeninterpretation an ("weder 12. Jahrhundert noch Nibelungenstoff, es handelt sich bei allen Fragmenten um eine Fassung des Erec."), Helmut Birkhan (Uni Wien) assistiert, Nikolaus Henkel (Uni Hamburg) meldet Zweifel an, genauso Volker Mertens (Berlin).

Laute Maßregelung

Andere Fachkollegen wundern sich wiederum, wie eine Fachfremde, die Ziegler nun einmal ist, öffentlich gemaßregelt wird, bevor man sich mit ihren Thesen seriös auseinander setzt. "Einen solchen Umgang miteinander hätte ich mir nie erwartet", sagt Ziegler, die in ihrer Klause seit einigen Tagen nicht mehr weiß, wie ihr geschieht.

Dabei kam der Fund, über den Ziegler bereits letzten Februar in einem Band des Klosters ausführlich berichtete, überhaupt nur durch Zufall an die breite Öffentlichkeit: im Rahmen einer Presseaussendung, in der der Diözesanarchivar von St. Pölten über ein neues Katalogsystem informierte. (Stephan Hilpold/DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2003)

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