"Merckwürdiges" Medium

3. April 2003, 21:56
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Ein Kommentar von Harald Fidler

Nicht nur Wien ist anders, nein, ganz Österreich, und ganz besonders, wenn es um Medien geht. So ziemlich als letzter Staat der zivilisierten Welt ließ die Republik privates Radio und Fernsehen zu. Ganz vorne liegt sie in Sachen Medienkonzentration: Ungehindert konnten Printriesen zum einzigartigen Zeitungs- und Magazinriesen fusionieren. Noch einmal aus der Art schlägt das Land: Mit der Wiener Zeitung leistet sich die Regierung eine eigene Tageszeitung.

Die Geschichte dieser Rarität dokumentiert die Nationalbibliothek ab heute, Freitag. Mit 300 Jahren ist die "Wiener Zeitung" die älteste noch erscheinende Tageszeitung der Welt.

"Alles Merckwürdige so von Tag zu Tag" kündigte die erste Ausgabe am 8. August 1703 an, damals noch unter dem Titel Wienerisches Diarium. Heute symbolisiert sie die Merkwürdigkeit der Medienpolitik. In Frankfurt, München oder Zürich erscheinen Pflichtinserate über Firmengründungen, Konkurse oder die Bilanzen von Aktiengesellschaften, Ausschreibungen oder verlorene Sparbücher in örtlichen Tageszeitungen und helfen so, deren redaktionelle Qualität zu finanzieren.

Die österreichische Regierung zieht solche Inserate im eigenen Blatt vor, das sich so massives Marketing gegen private Mitbewerber leisten kann. Dafür verteilt sie Presseförderung, am meisten davon an Die Presse (DER STANDARD erhält seit Jahren nur so wenig wie die Krone). Der sympathische Nebeneffekt für Kanzler & Co: ein Blatt unter Kontrolle. Keine Missverständnisse bitte, es geht weiter um die Wiener Zeitung, deren Redaktion rasch nach der Wende von 2000 kräftig eingeschwärzt wurde, wie man das vom ORF kennt. Dessen "ZiBs" verfolgt die Nation freilich auch - die Wiener Zeitung lässt ihre Reichweiten nicht einmal mehr erheben. 1998 waren es gerade noch 59.000 Leser. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.4.2003)

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