Zweifel an Zwettler Nibelungenlied-Fragmenten

3. April 2003, 20:03
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Altgermanist rückt "Sensation" zurecht

Köln/Wien - Nach dem Fund der angeblich ältesten Fragmente des Nibelungenliedes in einem österreichischen Kloster sind Zweifel an der Bewertung der Bruchstücke aufgetaucht. Nach Ansicht des Marburger Altgermanisten Joachim Heinzle handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht um Textstücke des Nibelungenliedes.

Korrektur um fast ein Jahrhundert

Nach einer ersten Prüfung ließe sich auch die von der Stiftsarchivarin Charlotte Ziegler vorgeschlagene Datierung auf Ende des 12. Jahrhunderts nicht aufrechterhalten, sagte Heinzle am Donnerstag.

Der Fund der Fragmente im Kloster Zwettl hatte vor einer Woche für Aufsehen gesorgt. Nach Angaben der Kloster-Archivarin hätten alle zu Rate gezogenen Experten die Entdeckung als Sensation bezeichnet.

In den Bruchstücken werden der Passauer Bischof Pilgrim (971-991) und der Spielmann des Hunnenkönigs Etzel, Swammerolle, genannt, der die Kunde vom blutigen Heldendrama verbreiten sollte.

Heinzle, der an einer Neuedition des Nibelungenliedes arbeitet, datiert die Funde auf Mitte oder die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts. "Fragmente dieser Art gibt es zu Tausenden. In jeder Bibliothek, die alte Bücher besitzt, gibt es solche Fragmentenschachteln."

Teil des "Erec"-Romans?

Es spräche auch wenig dafür, in den zehn, etwa drei mal acht Zentimeter großen Pergamenten überhaupt Stücke des Nibelungenliedes zu sehen. "Ich kann keine der Lesungen bestätigen, die sich auf den Nibelungen-Stoff beziehen sollen", sagte der Handschriften-Spezialist. Heinzle hält es allerdings für möglich, dass es sich bei den Zwettler Fragmenten um Bruchstücke einer zweiten Fassung des "Erec"-Romans von Hartmann von Aue handeln könnte. (APA/dpa)

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