"Im Dilemma der Wissenschaften"

3. April 2003, 19:57
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Forscher plädierten beim ersten Ernst-Mach-Forum für viel mehr Interdisziplinarität

Wien - "Die Physik hieß bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts Naturphilosophie. Ich würde mich am liebsten als experimenteller Naturphilosoph bezeichnen." Anton Zeilinger lässt sich in seinem Verständnis von Wissenschaft nicht gerne auf die Grenzen der Experimentalphysik beschränken: "Wirklich interessant sind heute jene Fragen, die wir aus unserer eigenen Disziplin heraus nicht mehr beantworten können", plädierte der Quantenphysiker für interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Dass es ohne Interdisziplinarität nicht mehr geht, darüber waren sich alle Teilnehmer des ersten, Mittwochabend in der Akademie der Wissenschaften in Wien abgehaltenen Ernst-Mach-Forums über Weltbilder und Wissenschaftskulturen einig.

Wenn der Wiener Ethnologe Andre Gingrich etwa ein Projekt über Geburtsrituale in Afrika leitet, "wird selbstverständlich ein Gynäkologe integriert". Die Rede von einer "unüberbrückbaren Kluft" zwischen Geistes- und den Naturwissenschaften solle oft nur den "Unwillen zur Kooperation" verstecken.

Forschung mit kulturellem Umfeld

Weltbilder könnten ohne Wissenschaftskulturen nicht existieren, ebenso wenig wie Forschung ohne ihr kulturelles Umfeld, unterstrich auch der Münchner Germanist Wolfgang Frühwald. Die Biomedizin etwa löse mit ihren Erkenntnissen gesellschaftliche Reaktionen aus, die wieder auf sie selbst rückwirken. Die Doppelhelix wurde nicht nur zur Ikone des menschlichen Erbgutes, sondern auch zum Symbol für Leben schlechthin. "Die Bedeutungen von Mitteilungen müssen von den Geistes- und Kulturwissenschaften analysiert werden", meinte Frühwald: "Es geht um die Wirkungszusammenhänge von wissenschaftlichen Ergebnissen."

Der Pathologe Helmut Denk veranschaulichte das an seinem eigenen Bereich: "Krankheit ist kein fremdes Wesen, das uns plötzlich überfällt, sondern eine Reaktion des Körpers auf geänderte Umstände. Sie wird nicht nur von den Ärzten definiert, sondern maßgeblich auch vom Patienten selbst. Es gibt Gelenkserkrankungen oder Krebs, wo sich die Patienten lange Zeit nicht krank fühlen." Die Medizin befinde sich also seit jeher "im Dilemma der Wissenschaften", das mit einem Rückzug auf die Naturwissenschaften nicht zu lösen sei.

Historischer Kampf

"Die aktuelle Fächereinteilung ist das Resultat eines historischen Kampfes um Ressourcen. Um möglichst viel Geld zu bekommen, war es nötig, als Disziplin präzis abgrenzbar zu sein", erklärte die Soziologin Katharina Scherke. Das starre System könne heute aber durchbrochen werden, indem Probleme fächerübergreifend und in Teams bearbeitet werden. Studien sollten zweistufig organisiert werden: anfangs fachspezifische Ausbildung als Grundstock, im zweiten Teil Offenheit für interdisziplinäre Seminare.

Angesichts der aktuellen Reformen an Schulen und Universitäten zeigte sich Quantenphysiker Anton Zeilinger für die Zukunft skeptisch. Denn erst durch die Vermittlung von Grundlagen könne man neue Antworten finden. Oder in der Physik "nicht nur das Basteln als Job sehen, sondern das Nachdenken über seine Bedeutung". (ez, DER STANDARD, Print, 04.04.2003)

  • Dass es ohne Interdisziplinarität nicht mehr geht, darüber waren sich alle einig.
    foto: photodisc

    Dass es ohne Interdisziplinarität nicht mehr geht, darüber waren sich alle einig.

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