Wäre Saddam ohne Krieg zu stürzen?

3. April 2003, 19:02
208 Postings

Hans Rauscher zieht in seiner Kolumne Vergleiche zwischen Saddam und Stalin

Selbst wenn es keinen langen, schrecklichen Häuserkampf in Bagdad gibt - weitere zivile Opfer sind zu erwarten, weitere herzerreißende Bilder von getöteten und verwundeten Kindern. Der Preis für die Befreiung des Irak von einem der grauenhaftesten Despotien der Zeitgeschichte wäre jedenfalls sehr hoch.

Gewalteinsatz zur Bekämpfung von Völkermördern und/oder Terrorstaaten ist gerechtfertigt; dieser Krieg ist nicht oder höchstens teilweise gerechtfertigt, weil sein Hauptziel die präventive Durchsetzung einer fragwürdigen neuen amerikanischen Doktrin der absoluten Vorherrschaft ist und nur in zweiter Linie die Beseitigung einer Diktatur (viele der Kriegsgegner wären allerdings bereit, die Iraker weiterhin Saddam zu überlassen; und nur Ahnungslose oder moralisch Hirntote können behaupten, Bush wäre auch nicht besser als Saddam).

Wenn man der Meinung ist, Saddam sollte gestürzt werden, aber ohne Krieg - wäre das möglich (gewesen?). Dazu ein Blick in die Geschichte: Die furchtbarsten Diktatoren des 20. Jahrhunderts wurden alle nicht durch Widerstand von innen beseitigt. Bei Hitler (etwa 35-40 Millionen Tote) war ein Krieg notwendig. Stalin (25 Millionen), Mao (etwa zehn Millionen) und Franco (einige Hunderttausend) starben im Bett.

Für Pol Pot (etwa zwei Millionen in Kambodscha) war wieder ein Krieg notwendig. Das ugandische Monster Idi Amin wurde durch den Einmarsch der Nachbarstaaten vertrieben. Milosevic (etwa 300.000 in Bosnien, Kroatien, Kosovo und Serbien selbst) fiel nach der Nato-Intervention. Auch bei den etwas weniger tüchtigen Folterern und Mördern waren (von ihnen selbst angezettelte Kriege) die Voraussetzung für ihren Sturz: Der Zypern-Konflikt für die griechischen Obristen, der Falklandkrieg für die argentinischen Generäle.

Der rumänische Diktator Ceau¸sescu fiel durch eine Mischung aus Volksaufstand und Verschwörung des eigenen Militärs und Geheimdienstes, die erkannten, dass ein neuer Wind wehte. Womit wir beim Fall des Kommunismus in Osteuropa wären: Polen, Ungarn, die DDR, die Tschechoslowakei befreiten sich selbst und praktisch unblutig durch Volksaufstände. Aber das gelang nur, weil die Machthaber den Willen zur absoluten Brutalität verloren hatten. Honecker ließ nicht auf Demonstranten schießen, weil er wusste, dass Gorbatschow nicht hinter ihm stand. Ähnlich der philippinische Diktator Marcos, der die Unterstützung der USA verloren hatte.

Aber das funktioniert nur, wenn man es nicht mit ultrabrutalen Diktatoren zu tun hat, die vor nichts zurückschrecken. Saddam aber herrscht seit 25 Jahren und die Dynastie Kim in Nordkorea seit über 50 Jahren, weil ihr Instrument der absolute Terror ist.

Massendemonstrationen in den Straßen von Bagdad? Saddam würde Giftgas einsetzen. Und warum findet sich kein erfolgreicher Attentäter aus seiner näheren Umgebung, warum gelingt keine Verschwörung? Weil Saddam, ähnlich wie Stalin, das Instrument des nie aufhörenden Terrors einsetzt. Stalin ließ regelmäßig den Großteil der Parteielite und der militärischen Führung hinrichten. Saddam, der ihn bewundert und ähnliche psychische Strukturen hat - äußerste Verschlagenheit und Grausamkeit bei jovialem Auftreten -, lässt auf Verdacht foltern und "säubert" nach dem Prinzip des random sample.

Die Geschichte der letzten hundert Jahre scheint zu zeigen, dass ultrabrutale Diktatoren nur durch Gewalt von außen oder aber gar nicht gestürzt werden können. Im Fall Saddam ist der Preis sehr hoch. hans.rauscher@derStandard.at (DER STANDARD, Printausgabe, 4.4.2003)

Share if you care.