Ali und "Fellners ohne Grenzen"

25. April 2003, 16:14
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4.4.2003 - Jetzt können sich auch die irakischen Kinder freuen, dass es "NEWS" gibt. Seit das Magazin-Management sie in seine kommerziellen Überlegungen ...

... eingeschlossen hat, läuft die Aktion "Fellners ohne Grenzen" wie geschmiert, und Leid wird so unbarmherzig gelindert, dass es jeden schmerzt, der noch glaubte, irgendwo müsste journalistische Geschäftemacherei auch ihre Grenzen haben. Zum Nachweis des Gegenteils und der Behauptung, "NEWS" sei bei den Opfern gewesen, rückte man vorige Woche den blutüberströmten Körper eines vierjährigen Buben auf das Titelbild, was - wie man eine Woche später gestehen musste - selbst unter den gewiss abgehärteten Konsumenten einschlägiger Humanität zu zahlreichen Reaktionen führte, davon zwei Drittel negativ.

Für den Verfasser des dieswöchigen editorials war das hundertprozentig positiv, bot es doch Gelegenheit zu der Propagandalüge, "NEWS" zeigt das wahre Gesicht dieses Krieges und nicht wie andere Zeitungen nur Propagandabilder der US-Militärs. Schließlich darf man ob zerfetzter Kinderkörper nicht gleich die nächste Media-Analyse aus den Augen verlieren. Gleichzeitig verspricht er den Kritikern, ihre Meinung selbstverständlich respektieren und auf sie bei künftiger Berichterstattung Rücksicht nehmen zu wollen. Sollte die Wahrheit über das wahre Gesicht dieses Krieges etwa gar eine Tochter der Fellners sein?

Und noch ein Grund, warum das Negative total positiv war: Jedenfalls mobilisierte das NEWS-Cover eine Welle der Hilfsbereitschaft für die Opfer dieses Krieges - Iraks Kinder. "Ärzte ohne Grenzen" will mit Ihrem Geld die ärztliche Betreuung der verletzten Kindern verbessern, die UNICEF will Lebensmittel und Trinkwasser für die leidenden Kleinen zur Verfügung stellen - und das alles nur, weil "NEWS" über das wahre Gesicht dieses Krieges aufgeklärt hat. Wenn ein Fellner da nicht nachhilft - von alleine kämen solche Organisationen ja nie auf die Idee zu helfen. Man muss halt immer dahinter sein, daher heißt es diese Woche auf dem Cover: Rettet die Kinder, und im Blattinneren: NEWS-Aktion. Top-Promis rufen in NEWS zur Hilfe für Iraks Kinder auf. Und Sie werden es nicht glauben: Alle wollen Ali helfen. So ist wieder einmal allen geholfen.

Aber "NEWS" hilft nicht nur Kindern, das Magazin rettet auch - einer muss sich schließlich darum kümmern - den Frieden. Unter www. news.at können Sie persönlich Ihr "Nein" zu diesem wohl Tausende Menschenleben fordernden, mittlerweile 75 Milliarden Dollar teuren Krieg unterschreiben. Unter dem Motto "Stoppt den Krieg" können Sie auf www.news.at Ihr Zeichen setzen. Mehr noch: Jeder Leser, der sein "Nein" zum Krieg übermittelt, zündet im Internet symbolisch sein persönliches Friedenslicht an - auf dass (wie einst beim Lichtermeer, jetzt aber im Net) tausende Lichter gegen den Krieg leuchten. Wenn Bush da kein persönliches Friedenslicht aufgeht, hätte er auch beim Whisky bleiben können.

Solche Friedensaktionen werden vom Konzern gesteuert. Ihre Kerze für Frieden forderte auch "Woman" von den Leserinnen ein. Wir können den Frieden zwar nicht herbeibeten. Aber wir können ein Zeichen für ihn setzen: Via unsere Homepage www. woman.at haben Sie die Möglichkeit, eine virtuelle Kerze - zum besseren Verständnis: eine symbolische Friedenskerze - anzuzünden, die Ihren Namen trägt, und eine persönliche Botschaft anzufügen. Als Solidaritätsbekenntnis, vor allem für die gequälten Frauen und Kinder des Irak.

. . . und sonst? Frauen wollen Frieden. Und Freude am Leben. Und genau die möchten wir Ihnen auch in diesem Heft mit geballter Kraft vermitteln. In Ihrem WOMAN finden Sie deshalb eine Menge Frühlings-Extras: ein Kochbuch mit 70 Schlank-Rezepten. Dekos für Ihren Ostertisch zum Selbermachen. Und eine besonders spannende Diskussion ab Seite 52: Wie viel Sex wollen Frauen wirklich?

Fellners Uschi weiß eben das Unangenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Auch Michael Prüller in der gestrigen "Presse" hatte den großen Horizont im Visier, als er den Doppelschlag Irak - Sars analysierte, durch den der moderne Mensch des postindustriellen High-Tech-Zeitalters die Brüchigkeit der Fundamente wiederentdeckt hat, auf denen sein Wohlstand und sein Optimismus ruhen: Das Unglück tritt immer paarweise auf - wie die Ohrfeigen oder die Würsteln.

Nur Cato durchschaute die Brüchigkeit westlicher Fundamente noch gründlicher. Wie aber konnte es so weit kommen, denn es ist ja ganz offensichtlich nicht Bush und seine Clique allein, die zu dem Krieg stehen, sondern noch immer eine Mehrheit der Amerikaner? Das hängt sicherlich mit deren Grundmentalität zusammen, auf der einen Seite zwar "gute Kerle" sein zu wollen, während sie neben ihrem scheinreligiösen Verhalten eiskalte Materialisten sind. Nicht so wie Cato!
(DER STANDARD, Printausgabe, 4.4.2003)

Von Günter Traxler
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