Aus dem Alltagskrieg in die Kapuzinergruft

8. August 2003, 21:41
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... dann ins Kaffehaus, mit Brechts "Bericht vom Zeck": Die 66. Unglaubwürdige Reise

Auch heute, am regnerischen 2. April, drangen junge Jugoslawen und Italiener, vielleicht sogar Türken, am furchteinflößenden Türkenfeind Marco d'Aviano vorbei in die Kapuzinergruft vor. Sie wirken nicht übermäßig interessiert. Der freundliche kräftige Kapuziner, der mich schon öfters respektvoll begrüßte und der sonst auch Passanten einen Gruftführer zwischen die Finger schiebt, lässt sich heute nicht blicken.

Noch einige Regengüsse, diesmal aus eben geschlossenen Schirmen, in den Hals, und man ist der Gruft entronnen ins daneben liegende Kaffeehaus. Dort, nach den Kriegsberichten, aus Brechts Hauspostille, sein "Bericht vom Zeck":

"Er schätzt die kleinste Gabe,/
Sauft Blut als wie ein Zeck./
Und dass man ihn nur habe,/
nimmt er sonst alles weg./
An keinem sitzt er lieber/
Als einst am Totenbett./
Er spuckt durchs letzte Fieber,/ der Kerl in Violett."

Diese Respektlosigkeiten kannte ich noch nicht, als uns an endlosen Sonntagvormittagen die Lust auf die Kapuzinergruft packte. "Geht in die Gruft", sagte unsere Mutter immer, wenn wir Zwillinge uns stritten, "dort ist es doch immer so schön friedlich!"

Und dort war es schön, jede Langeweile verflog. Der Mönch von damals, dünn und resolut, mit einem dunklen Bart und dunklen Augen, lotste meine Schwester und mich an allen vorbei, die schon länger gewartet hatten, und begann mit seinem Text. Er leierte Geburts- und Hochzeits- und Sterbedaten der spektakulärsten und der weniger spektakulären Habsburger herunter und warnte keinen vor unvermuteten Treppen oder zeitweilig herausgerissenen Geländern. Sein der Gruft angemessener Tonfall geriet an den unscheinbarsten Sarkophagen in eine erstaunliche Euphorie, aus der er kaum mehr herausfand. Kein verlassener, von Unruhe verzehrter Vormittag mehr. Und von allen, die hinter ihm hertrotteten, waren die glücklichsten und die von Überraschung überwältigtsten meine Schwester und ich.

An einem Sonntag im März blieb er länger als sonst mit uns vor der Gruft stehen. Als die letzte Besucherin herauskam, packte er uns fester an den Händen und rief über unsere Köpfe hinweg: "Kinder, Kinder, da geht die Schratt!"

Wer "ein" Schratt war oder sein konnte, wussten wir aus den Sagenbüchern, aber von "der" Schratt hatte uns bisher noch keiner erzählt. Da ging sie voraus den Neuen Markt hinunter in Richtung Seilergasse und Graben, langsam, nicht allzu vorsichtig und geradeaus. Ihre Handtasche schwankte weniger als heute die der englischen Queen, sie ging ziemlich aufrecht, ohne dass es der "starke Abgang" war, der verlangt wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.4.2003)

Die nächste "unglaubwürdige Reise" wird am kommenden Freitag angetreten
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