"Selbstbehalte sind hochgespieltes Problem"

3. April 2003, 17:34
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Michaela Moritz, Geschäftsführerin des Bundesinstituts für Gesundheitswesen im STANDARD-Interview: 300 Euro sind zu viel

Standard: Weil die Ambulanzgebühr gefallen ist, zahlen Patienten beim Arzt dank Krankenscheingebühr mehr als im Spital. Ist das vernünftig?

Moritz: Ich gehe davon aus, dass die Selbstbehalte für Krankenhausambulanz und Arztpraxis künftig gleich hoch sein werden. Derzeit haben wir massive Unterschiede einerseits bei Leistungen, andererseits bei Selbstbehalten der Sozialversicherungen und sogar regionale Unterschiede bei den Gebietskrankenkassen.

Standard: Unterschiedliche Selbstbehalte sind absurd?

Moritz: Na sicher.

Standard: Was halten Sie von neuen Selbstbehalten?

Moritz: Selbstbehalte haben ja, was die Steuerung betrifft, nicht viel Sinn, außer sie sind sehr hoch - das ist international nachgewiesen. Wenn schon, dann können sie die Kosten für den Patienten transparenter machen. Wobei man natürlich auch die Qualitätsfrage stellen muss. Eine tolle Sache wäre es, Patienten, die zu Ärzten gehen, die sich an Qualitätsprogrammen beteiligen, mit weniger Selbstbehalt zu belegen.

Standard: Derzeit wird eine Höchstgrenze für alle Selbstbehalte von 300 Euro jährlich pro Patient und Jahr diskutiert.

Moritz: Das ist international gesehen relativ hoch. Einige Länder haben 90 bis 100 Euro - da ist jedoch die Zahnbehandlung ausgenommen. Der Selbstbehalt ist aber nur ein kleines, medial hochgespieltes Problem im Vergleich zu einer Gesamtreform. Überlegen Sie einmal, wie viele Selbstbehalte es seit langer Zeit gibt, die nicht von konservativen Regierungen eingeführt worden sind!

Standard: Ungefähr 17. Vernebelt die Ideologie den Blick?

Moritz: Ja. Die Zusammenführung der Geldströme in einem Gesundheitstopf ist die revolutionärere Maßnahme.

Standard: Sie unterstützen also die im Regierungsprogramm vereinbarten Landesfonds?

Moritz: Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Wir haben in den Ländern unterschiedliche Zahler für niedergelassene Ärzte und für Spitäler. Und man wirft sich wechselseitig vor, Patienten zugeschoben zu bekommen. In Wirklichkeit nehmen die Frequenzen auf allen Ebenen zu. Das ist eine unwürdige Diskussion auf dem Rücken der Patienten.

Standard: Könnte durch Landesfonds gespart werden?

Moritz: Ja, weil Parallelangebote dann abgebaut werden könnten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.4.2003)

Die Aufregung um neue Selbstbehalte findet Michaela Moritz, Geschäftsführerin des Bundesinstituts für Gesundheitswesen, völlig übertrieben. Eine Höchstgrenze von 300 Euro sei aber zu viel. Mit Moritz sprach Martina Salomon.
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