Reportage aus Bagdad: "Heilige Krieger" werden immer mehr

3. April 2003, 17:39
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"Seite an Seite mit den irakischen Brüdern": Einige haben gute Jobs in Westeuropa gekündigt, andere sämtliche Habseligkeiten verkauft - Die Hälfte soll einen Märtyrerschwur abgelegt haben

Die "heiligen Krieger" im Irak werden immer zahlreicher. Einige haben gute Jobs in Westeuropa gekündigt, andere sämtliche Habseligkeiten verkauft. Der Krieg der Amerikaner hat in vielen Teilen der arabischen Welt die Gemüter in Wallung gebracht.
Von Åsne Seierstad aus Bagdad

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Die Iraker behaupten, es seien sechstausend. Männer, die in den Irak gekommen sind, um gegen die Ungläubigen und ihre Besetzung des heiligen Landes, der Wiege der Zivilisation, zu kämpfen. Die Hälfte dieser "Djihadisten" soll einen Märtyrerschwur abgelegt haben, das heißt, sie sind im Irak, um ihr Leben zu opfern, im Kampf oder bei Selbstmordanschlägen.

Den Kriegern ist im Irak große Aufmerksamkeit entgegengebracht worden. Jeden Tag werden im Fernsehen lange Interviews mit den Mudjahedin aus der gesamten arabischen Welt geführt. Die aufmarschierten Männer erzählen den Zuschauern, die Kalaschnikow im Anschlag, dass sie für ihre Sache kämpfen und sie von den Okkupanten befreien werden. "Ich war Ingenieur in Hamburg und hatte eine gute Arbeit. Aber eines Tages wurde mir klar, dass ich dort nicht weiterleben konnte. Ich ließ mich zum Kampf für die Iraker anwerben", sagte einer. Zwei Brüder haben ihren Friseursalon in Oran in Algerien verkauft, um sich die Fahrkarten in den Irak leisten zu können, so behauptet das Fernsehen. "Wenn ein Araber in Gefahr ist, müssen wir zu Hilfe eilen", meinten sie. "Wir sind gekommen, um unseren Brüdern im Irak zu helfen."

Kalaschnikows im Konferenzsaal

Die irakischen Behörden wollen diese Krieger auch gerne den westlichen Medien präsentieren. Am Donnerstag in den frühen Morgenstunden kamen etwa dreißig Soldaten aus dem Jemen in das Foyer des Hotels Palestina gelaufen, in dem die meisten Journalisten in Bagdad wohnen. Erst tanzten sie draußen auf dem Parkplatz herum und riefen Parolen für Saddam Hussein, ehe sie wieder, immer noch tanzend, in die Rezeption kamen und mit ihren Kalaschnikows fuchtelten. Der Auftritt wurde von einem Beamten aus dem Informationsministerium geleitet. Eine Hand voll Journalisten, die zufällig in der Nähe waren, trotteten mit ihren Notizblöcken hinter ihm her.

"Wir kommen aus Saana im Jemen und sind hier, um Seite an Seite mit den irakischen Brüdern zu kämpfen. Gemeinsam werden wir den Feind der Menschheit, die USA, schlagen!", rief der Anführer der Herde. "Greift an! Bekämpft sie! Tötet sie!", rief ein anderer. "Es ist höchste Zeit, dass wir in der ganzen Welt in den Djihad ziehen, wir werden die Christen und die Zionisten bekämpfen", meinte der Anführer abschließend. Im Gleichschritt verließ die Gruppe das Hotel und stieg in einen Bus.

Im Zentralorgan der Baath-Partei, Al-Thawra, stand auf der ersten Seite ein langer Artikel über die ersten Märtyrer aus dem Ausland. Er handelte von zwei Syrern, Iyad und Fadi, die beide bei den Kämpfen bei Kerbala das Leben verloren hatten. Es sei ihnen gelungen, viele Ungläubige zu töten, schrieb die Zeitung, ehe sie selbst Märtyrer geworden seien. "Unsere Märtyrer sind im Paradies, die von ihnen Getöteten befinden sich in der Hölle."

Im Laufe der letzten Wochen sind mehrere Busse voll mit Kriegern eingetroffen. Bis noch vor kurzem haben sie die Grenze problemlos überschreiten können. Inzwischen kontrollieren die Amerikaner sowohl die Straße von Amman in Jordanien und Damaskus in Syrien und etliche von diesen Kriegern sind festgenommen worden. Die Mudjahedin unterscheiden sich von den normalen irakischen Soldaten. Diese haben kurz geschnittenes Haar, tragen keinen Bart und haben einfache Uniformen.

Die Krieger haben meist eine zerzauste Mähne, lange Halstücher und Vollbart. Paradoxerweise hat Saddam nach seiner Machtergreifung islamistische Gruppierungen im Irak brutal verfolgen lassen. Er war der Meinung, dass sie seiner Macht gefährlich werden könnten, außerdem hielt er sie dem Regime, das eines der weltlichsten der arabischen Welt war, gegenüber für nicht loyal. Die Christen des Landes haben von der Glaubensfreiheit profitiert und sogar einflussreiche Stellungen bekleidet.

Die islamistischen Gruppen hingegen mussten sich in die Nachbarländer flüchten, um der Verfolgung durch Saddams Regime zu entgehen. Jetzt werden sie als Helden und Befreier willkommen geheißen. "Sehen Sie nur, was Bush angerichtet hat", sagte ein irakischer Intellektueller. Er ist ein vehementer Gegner sowohl des irakischen Regimes als auch der US-Invasion. "Er hat uns jetzt Hunderte von Osama Bin Ladens geschickt. Wenn die Behörden bisher nichts mit Al-Kaida zu tun hatten, dann haben sie es jetzt", meinte er seufzend. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.4.2003)

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    Ein "Djihadist": "Unsere Märtyrer sind im Paradies, die von ihnen Getöteten befinden sich in der Hölle."

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