"Der Zorn wächst jetzt jeden Tag"

3. April 2003, 17:16
52 Postings

Die Gewerkschaft macht gegen die Pensionspläne mobil - Spitzenfunktionäre üben sich in Volksnähe

Um dreiviertel sieben Uhr morgens ist Fritz Verzetnitsch putzmunter: "Schönen guten Morgen, darf ich Ihnen etwas mitgeben", hält er den Menschentrauben, die aus der U- Bahn-Station Schottenring zur Straßenbahn drängen, freundlich die Gewerkschaftszeitung entgegen. Blöd bloß, dass die wenigsten schon so guter Laune sind wie der ÖGB- Präsident: Manche granteln wortlos vorbei. Manche lehnen die Zeitung knurrend ab. Und die, die sie nehmen, eilen weiter. "Danke" bleibt meist das Maximalgespräch.

"Zum Reden", meint Verzetnitsch, "kommt man in der Früh nicht. Wenn die Leute die Zeitung nehmen, ist der Sinn erreicht." Stehe doch da alles drin - warum die Gewerkschaft die Pensionspläne für Kürzung und die Selbstbehalte für Krankensteuer hält.

Lesen müssten die Leute die Zeitung halt. Das ist Verzetnitsch klar, der im Lauf seiner Verteilstunde vom nahen Profikolporteur lernt und sein Sprücherl adaptiert: "Zum Lesen für die Pause", oder auch "Für Sie, besser als die U-Bahn-Zeitung." An der Kürze der Kontakte ändert das wenig. Verzetnitsch bezieht seine Motivation anderswoher.

Wenn jemand sagt "schon gekriegt heute, die Zeitung, in Niederösterreich", freut er sich: "Unsere Aktion funktioniert." An 70 Plätzen verteilen die Gewerkschafter in Wien, an vielen mehr quer durch Österreich. "Gut, dass die Gewerkschaft was macht", findet der Straßenbahner: "Die Roten haben auch viel Blödsinn gemacht. Aber was die Regierung uns abknöpft, ist eine Schweinerei."

Findet eine Frau ein paar Hundert Meter weiter und eine Stunde später auch: "Ich arbeite seit 1959, jetzt nehmen die mir von meiner kleinen Pension was weg", redet sie auf GPA-Chef Hans Sallmutter ein, der am Schwedenplatz die Zeitung verteilt. Der teilt ihren Zorn - freut sich andererseits darüber: "Als die Regierungspläne herausgekommen sind, habe ich kaum Post gekriegt. So was von Nichtreaktion habe ich nie erlebt. Jetzt wächst der Zorn jeden Tag." Die Gewerkschaft will ihn durch die Verteilaktionen verstärken, Betriebsversammlungen mitten in der Arbeitszeit sind geplant, die nächste Eskalationsstufe ist offen.

Zorn gibt es nicht nur auf die Regierung, wie die GPA-Verteiler im roten Anorak erleben. Allgemeinen, wie "gebt das Geld für was Besseres aus". Konkreten, wie "die Roten stehen im Weg herum, ich hab's eilig". 50 Prozent der Reaktionen seien positiv, meint Verteiler Gerhard Loibl. Er versucht, die Quote mit Brachialcharme - "Schöne Frau, eine Zeitung für Sie" - und dem Geschenk Traubenzucker zu heben. Manchmal hilft auch das nichts. Ein Kind lehnt so ab: "Von Fremden nehm' ich kein Zuckerl." (DER STANDARD, Printausgabe, 4.4.2003)

Die Gewerkschaft macht gegen die Pensionspläne mobil: Donnerstagfrüh verteilte sie mit ihren Spitzen die Sonderzeitung zu den Belastungen, Betriebsversammlungen sind bereits geplant. Bei der Verteilaktion blieben die Reaktionen - meist aus.

von Eva Linsinger
  • Fritz Verzetnitsch, volksnah
    foto: standard/cremer

    Fritz Verzetnitsch, volksnah

Share if you care.