Bewerbungen mit Intimcharakter

28. April 2004, 13:43
posten

Wer sich auf Jobsuche begibt, muss damit rechnen, eine ganze Reihe von Fragen zu beantworten. Einige davon reichen tief in die Privatsphäre

Wien - Die Linzer Oberbank will es ganz genau wissen. Sie fragt ihre Jobkandidaten nicht nur nach ihrem Religionsbekenntnis oder dem Beruf der Eltern, sondern auch nach "erheblichen Krankheiten", dem Schuldenstand oder Sorgepflichten. Außerdem werden die Bewerber aufgefordert, Namen und Beruf von Personen anzugeben, "die zur Auskunfterteilung über Sie bereit sind".

Nur Betriebsrelevantes

"Dieser Fragebogen hat sich gewaschen", sagt AK-Arbeitsrechtsexperte Kurt Retzer. Prinzipiell dürfe ein Unternehmen nur das abfragen, was betriebsrelevant sei. Fragen, die über allgemeine Angaben zur Person und über die Qualifikation für die beabsichtigte Verwendung hinausgingen, bedürften der Zustimmung des Betriebsrates. Generell unzulässig seien aber Fragen nach Parteizugehörigkeit, Religionsbekenntnis, sexuellen Vorlieben, Vermögensverhältnissen oder der Gesundheit, sagt Retzer.

Sorgfaltspflicht

"Nach dem Gesundheitszustand des Bewerbers fragen wir aus Sorgfaltspflicht gegenüber der bestehenden Belegschaft", rechtfertigt man sich in der Personalabteilung der Oberbank. Die Vermögensverhältnisse müsse eine Bank abfragen, da potenzielle Mitarbeiter täglich mit Geld zu tun hätten. Man könne aber auch nichts dagegen tun, wenn Fragen nicht oder falsch beantwortet würden.

"Bei Banken und Versicherungen spielt die Frage nach finanziellen Verpflichtungen eine besondere Rolle", bestätigt Julia Eichinger vom Institut für Arbeits- und Sozialrecht an der Wirtschaftsuniversität Wien. In diesem Zusammenhang sei auch die Frage nach einschlägigen Vorstrafen verständlich.

Nichtbeantwortung problematisch

Die Möglichkeit, bewusst die Unwahrheit zu sagen, gebe es zwar. Dies sei jedoch einzig bei der Frage nach der Schwangerschaft abgesichert, weil vom Europäischen Gerichtshof geklärt. Die Nichtbeantwortung unerlaubter Fragen sei vor allem im Hinblick auf die angespannte Situation am Arbeitsmarkt problematisch. "Der Nachweis, dass ich nur aufgrund einer verweigerten Antwort den Job nicht bekommen habe, ist schwierig", so Eichinger.

Auch Erste neugierig

Neugierig ist auch die Erste Bank. Ihre Kandidaten müssen eine "Bewerbungsinformation" ausfüllen, bei der Fragen nach Krankheit ausgespart bleiben. Nach den Schulden fragt aber auch die Erste. Beim Punkt "Beruf der Eltern" macht man ausdrücklich darauf aufmerksam, dass er diesen beantworten kann, aber nicht muss.

Zugeknöpft gibt man sich bei Bank Austria Creditanstalt (BA-CA) und Bawag-P.S.K. Bei beiden Instituten gibt es zwar standardisierte Fragebögen für Bewerbungen, herausgeben wollten die Banken diese jedoch nicht. Begründung: Es handle sich dabei um interne Formulare. Detail am Rande: Den "Bewerberbogen" erhält man bei der BA-CA erst, wenn man bereits aufgenommen ist.

Klärung in persönlichen Gesprächen

Außerhalb der Bankenbranche wird auf standardisierte Fragebögen dagegen eher verzichtet. "Wir bekommen die Bewerbungsunterlagen, der Rest passiert in persönlichen Gesprächen", sagt etwa Interspar-Sprecherin Nicole Berkmann. Auch bei der OMV gibt es keine Fragebögen, sondern man setzt auf Auswahlinterviews. Ähnlich der Getränkekonzern BBAG: Dort wird in persönlichen Gesprächen die Frage geklärt, ob der Bewerber dem Anforderungsprofil entspricht, sagt Sprecher Michael Dickstein.

Einen radikalen Ansatz vertritt der Personalberater Othmar Hill: "Ich bin ein Extremist. Prinzipiell muss jede Frage erlaubt sein. Im Gegenzug muss aber auch die Möglichkeit bestehen, die Antwort zu verweigern." Firmenchefs müssten größtes Interesse haben, möglichst viel über die Bewerber zu erfahren. Außerdem würden einige Fragen wie etwa "Nehmen Sie die Pille?" gar nicht wegen des Inhalts gefragt, sondern um zu sehen, wie Bewerber mit peinlichen Situationen umgehen.

Ärztlicher Check

Einige Firmen wie Siemens checken ihre neuen Mitarbeiter auch medizinisch durch. Betriebsarzt Anton Richter: "Dabei sollen grobe Ausschließungsgründe festgestellt werden, etwa ein nicht schwindelfreier Monteur." In seiner 16-jährigen Tätigkeit sei ein solcher Ausschließungsgrund nur zwei Mal vorgekommen: "Einer der Fälle war ein Arbeiter mit schwerer Farbenblindheit, der farbige Kabel verlegen hätte sollen." (Robert Zwickelsdorfer/DER STANDARD, Printausgabe, 1.4.2003)

  • Artikelbild
    photodisk
Share if you care.