Pressestimmen: Fundamentale Differenzen über Nachkriegsordnung?

3. April 2003, 08:51
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Wachsende Differenzen zwischen den USA und Großbritannien

Frankfurt/Zürich/Berlin - Dass Großbritannien im Irak-Krieg zunehmend auf Distanz zu den USA geht, kommentieren am Freitag mehrere europäische Zeitungen.

"Frankfurter Rundschau":

"Während britische Truppen an der Seite der US-Streitkräfte in Irak kämpfen, setzt sich die britische Regierung mit Blick auf die Nachkriegszeit vorsichtig von ihrem Bündnispartner in Washington ab. Auch im Kriegsgebiet selbst distanzieren sich die Briten zunehmend von den 'Cowboy'-Methoden ihrer US-Kampfgenossen. (...) Die britische Regierung fürchtet die wachsende Radikalisierung junger Araber in aller Welt durch den Irak-Krieg (...), die britischen Streitkräfte bemühen sich, ein weniger martialisches Bild abzugeben als ihre US-Kameraden. Auch einfache britische Soldaten beklagen sich zunehmend über die 'unerträgliche Aggressivität' ihrer US-Kollegen."

"Neue Zürcher Zeitung":

"Neben dem Kriegsverlauf ist die Regelung der Nachkriegsregierung im Irak dafür entscheidend, wie die britische Regierung ihre riskante Entscheidung, an der Seite der Vereinigten Staaten Saddam Hussein zu stürzen, überstehen wird. Eine lange amerikanische Militärverwaltung würde der Absicht Londons schaden, die Wunden im UNO-Sicherheitsrat und in der Europäischen Union zu heilen. (...) Zwar suchte (Premierminister) Blair der Tatsache Rechnung zu tragen, dass die Übernahme der Verantwortung durch die Invasoren in der ersten Nachkriegsphase unvermeidlich ist. Doch veranlassen das Debakel des von Großbritannien angestrebten neuen Sicherheitsratsmandats und die daraus resultierenden Spannungen vor allem mit Frankreich die britische Diplomatie dazu, schon jetzt das Einvernehmen über eine Rolle für die UNO in der Übergangszeit zwischen Notverwaltung und irakischer Selbstverantwortung zu suchen."

"tagezeitung" (Taz) (Berlin):

"Die US-Militärs verbreiten Optimismus: Nach Tagen des vermeintlichen Stillstands stehe jetzt der Marsch nach Bagdad unmittelbar bevor. In diesem Krieg, der militärisch schon entschieden war, bevor er begonnen hatte, geht es für die US-Regierung mehr als je zuvor darum, die politischen und psychologischen Auswirkungen zu kontrollieren. Doch in den vergangenen Tagen schien das Pentagon nicht einmal seinen eigenen Apparat unter Kontrolle zu haben. (...) Die Hoheit über die Schlagzeilen hat das Pentagon zurückerobert. Der militärische Erfolg der amerikanisch-britischen Offensive ist wieder in Kilometern messbar. Mit jedem Kilometer, den die US-Truppen näher an die Hauptstadt heranrücken, so die Hoffnung der Militärplaner, wird die aussichtslose Lage des Regimes offensichtlicher. Eine Strategie, die aufgehen, die aber auch in einem Desaster enden kann. (...) Der Vormarsch der US-Truppen, so scheint es, führt direkt in einen Häuserkampf von ungewisser Dauer."

"Süddeutsche Zeitung" (München):

"Die kriegskritische Position, die an der Basis und bei den Wählern der Union die klare Mehrheit hat, spiegelt sich bei den Unions-Vertretern 'des ganzen Volkes' nicht einmal in der Diskussion wieder. Stattdessen fügt sich die Unions-Fraktion dem Primitiv-Militarismus des Ex-Generals und brandenburgischen Innenministers Jörg Schönbohm, der über den Krieg gar nicht mehr reden will, sondern die Deutschen nur noch vor der Entscheidung sieht, ob sie denn nun den Sieg von Saddam oder von Bush wollten. Also: Keine Diskussion mehr, Helm festbinden, nach vorne schauen - an der Seite von Bush und dann siegen. Dass Merkel mit Bush siegt, ist indes ziemlich unwahrscheinlich. (...) Das Bittere für sie ist, dass sie ihren US-Kurs so erbärmlich schlecht vertritt. Sie fördert so den Antiamerikanismus, dem sie doch entgegentreten will."

"Die Zeit" (Hamburg):

"Der amerikanische Feldzug im Irak ist gerade zwei Wochen alt, schon lautet die bange Frage: Wer ist als Nächster dran? Syrien und Iran sehen sich als Anwärter auf die versprochene mittelöstliche Demokratisierung akut bedroht. Gleich drei Warnschüsse innerhalb von vier Tagen - die Regimes in Damaskus und Teheran täten gut daran, sie ernst zu nehmen. Wenn Donald Rumsfeld den Syrern Rüstungslieferungen an den Irak vorwirft und sie warnt, Amerika sehe darin einen 'feindlichen Akt'; wenn Colin Powell Damaskus anklagt, es unterstütze das 'sterbende Regime Saddam Husseins'; wenn schließlich Condoleezza Rice den Syrern und Iranern ihre Unterstützung der libanesischen Hisbollah vorhält und die 'Achse des Bösen' zitiert - dann kündigt sich zwar noch keine neue militärische Front an; dann fährt die Propaganda aber schon bedrohliche Geschütze auf. Bedrohlich deshalb, weil Syriens Unterstützung des internationalen Terrorismus leichter zu beweisen ist als Saddam Husseins Zusammenarbeit mit al-Qaida; weil im Falle Teherans eine Verbindung zwischen Terror und Massenvernichtungswaffen plausibler herzustellen ist als im Falle Bagdads..."

"Tages-Anzeiger" (Zürich):

"Die Amerikaner sind in den Irak-Krieg gezogen mit der erklärten Absicht, zivile Opfer möglichst zu vermeiden - aus Sorge, um die Meinung der Weltöffentlichkeit und aus dem Bestreben, die Sympathien der Einheimischen für die Operation 'Irakische Freiheit' zu gewinnen. Je verbissener die Kämpfe nun werden, desto mehr zeigt sich, dass es den gewünschten 'sauberen' oder 'humanen' Krieg nicht gibt. Die Bomben mögen präziser fliegen, die Panzer- und Flugzeugcrews sich noch so zurückhalten, am Ende sterben immer auch Menschen, die mit dem Krieg nichts zu tun haben."

"Stuttgarter Nachrichten":

"Die so spektakuläre wie glückliche Befreiung der Gefreiten Jessica Lynch aus West Virginia könnte Amerika helfen, seine zuletzt erheblich gewachsenen Zweifel an einem raschen Sieg ohne größere eigene Verluste zu überwinden. Warum? Weil dieser Stoff das Zeug zum Hollywoodmelodram hat: Hübsche blonde junge Frau wird von grimmig entschlossenen Elitesoldaten aus den Fängen Saddams errettet. 'Gebt mir mein Mädchen zurück', hatte der Vater gefleht, als ihn die Nachricht erreichte, dass seine Tochter vermisst wird. So groß die Freude über Jessicas Überleben auch ist: Die anlaufende mediale Inszenierung ihrer Befreiung darf über das wahre Gesicht auch dieses Krieges nicht hinwegtäuschen. Im Irak wird gestorben. Auf beiden Seiten."

"Der Tagesspiegel" (Berlin):

"Je größer die Überlegenheit, desto sicherer der Erfolg, desto rascher das Kriegsende. Überlegenheit ist keine Frage nackter Zahlen, sondern kann sich auch mit dem Moment der Überraschung - strategisch wie taktisch - einstellen. Der jetzige Irak-Krieg war als 'Blitzkrieg' der modernen Art geplant: Strategische Überlegenheit durch strategische Lähmung des Feindes schon in den ersten Kriegsstunden. Doch 'shock and awe', Schock und Ehrfurcht, wollten sich in Bagdad trotz massiver Luftangriffe zu Beginn des Kriegs nicht einstellen. Aus dem Hightech-Krieg wird mehr und mehr ein ganz normaler, zäher, vergleichsweise langwieriger Waffengang. (...) Armeen, die rein militärisch betrachtet effektiv und erfolgreich kämpften, verloren die Schlachten am Ende wegen Defiziten in Logistik und nachrückender Versorgung. Der Russlandfeldzug der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg ist hierfür ebenso ein Beispiel wie der schließliche Niedergang des deutschen Afrika-Corps." (APA/dpa/AFP)

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