Jugendpsychiater: "Glaubwürdigkeit" der Großen wankt

2. April 2003, 20:52
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Krieg lässt Kinder zweifeln - Konfliktlösungen und Grundrechte seien ins Wanken geraten

Wien - Für Kinder und Jugendliche in den reichen, westlichen Staaten stelle der Irakfeldzug eine Zeitenwende dar, meint der deutsche Kinderpsychiater Franz Resch. Die "Glaubwürdigkeit der von den Erwachsenen vermittelten Werte" - dass Gewalt keine Lösung darstelle oder Grundrechte überall gelten müssten - sei ins Wanken geraten.

Zunehmende Zweifel

Dieser "zunehmende Zweifel an der Autorität" schlage sich in einem neuen gesellschaftlichen Phänomen nieder: "Ich kann mich an keine Zeit erinnern, wo so viele Kinder wie jetzt an Demonstrationen teilgenommen haben", formuliert der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. In Heidelberg stünden während der Friedensmärsche "ganze Schulklassen leer".

Gefühle

Resch befindet sich derzeit auf Einladung der österreichischen Tochtergesellschaft bei einem Kongress in Wien. Deren Vorsitzender, der Jugendpsychiater und Gerichtsgutachter Max Friedrich, sieht angesichts des jetzigen Krieges bei zehn- bis 14-Jährigen ganz andere Gefühle hochkommen als nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center. Seien damals "Angst, Panik, Furcht" im Mittelpunkt gestanden, so dominierten jetzt "Wut, Ärger und Abscheu". Sicherlich, so Friedrich, bildeten diese Emotionen ebenso "die Affekte der Eltern" ab. Diese hätten es aber auch in der Hand, "das Gefühl der unmittelbaren Bedrohung" von ihren Kindern fern zu halten, ergänzt die deutsche Jugendpsychiaterin Christa Schaff.

Etwa, indem sie den Nachwuchs zur Nachrichtenzeit "niemals allein vor dem Fernsehapparat" sitzen ließen. Indem sie mit dem Kindern über "gezeigte Gewalt trächtige Szenen" redeten. Um Traumatisierungen zu verhindern, wie sie von Bildern eindeutig ausgehen könnten, wenn der emotionale Boden dafür bestehe: "Eine besondere Verletzbarkeit", wie sie in den heutigen Generationen rund 25 Prozent aller Kinder und Jugendlichen aufweisen würden.

"Wie Videospielen"

Doch auch Reaktionen in die entgegengesetzte Richtung gilt es hintanzuhalten. Etwa wenn - wie die deutsche Jugendpsychiaterin Ulrike Lehmkuhl erzählt - "ein Junge in einer Klinik angesichts von Fernsehaufnahmen aus Bagdad mit Toten meint: ,Das ist ohnehin wie beim Videospielen'". Zwar sei dieser 14-Jährige "sozial gestört", könne "Spiel und Realität nicht unterscheiden". Doch, so Lehmkuhl: "Angesichts dieser Reaktion ist mir zu Bewusstsein gekommen, wie groß die Gruppe solcher Videofreaks in unseren Ländern ist". (bri, DER STANDARD Printausgabe 3.4.2003)

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